1. Zehn Millionen Zuschauern gefällt das
Man hängt vor dem Bildschirm und fragt sich: Vor dem Bürschchen haben die Angst? Einem jungen Mann Ende dreißig, Typ Ministrant, sauberer Seitenscheitel, der im TV-Studio von US-Talker Jimmy Kimmel sitzt und über Gott und die Welt redet?
Nach Aussage von Kimmel hatte die US-Medienaufsicht Federal Communications Commission (FCC) ihm, seinem Sender ABC, sowie deren Partnersendern und lokalen Stationen mit Konsequenzen gedroht, sollte er das Interview mit dem Senatskandidaten der Demokraten in Texas, James Talarico, senden.
Kimmel entschloss sich daraufhin, das Interview stattdessen ungekürzt bei YouTube zu bringen. Dort hat das Video inzwischen zehn Millionen Aufrufe erreicht (lesen Sie hier mehr).
Talarico liefert sich ein knappes Rennen um einen Senatssitz mit dem republikanischen Kandidaten und Trump-Schützling Ken Paxton. Seit mehr als dreißig Jahren ist Texas in republikanischer Hand, ein Sieg Talaricos wäre historisch und eine Klatsche für Trump bei den Midtermwahlen.
Bei Kimmel spricht Talarico über Gott und sein Verständnis von Nächstenliebe. Es sind einfache, empathische Botschaften. Sie klingen so anders als das, was man aus dem Weißen Haus hört.
»Talarico trifft mit seiner Kandidatur einen Nerv, insbesondere hier in Texas«, sagt meine Kollegin Britta Kollenbroich. »Texas ist stark im Wandel. Talarico ist es gelungen, nicht nur die liberaleren Großstädter anzusprechen, er ist auch für eher moderate Konservative eine Alternative zum radikalen MAGA-Kandidaten Paxton geworden.«
Lesen Sie hier mehr zum Rekord-Interview von James Talarico: Im TV gestrichenes Interview von Jimmy Kimmel erreicht zehn Millionen YouTube-Aufrufe
2. Krieg der Sterne, Krieg der Worte
Weltraumfachleute auf der Vandenberg Space Force Base in Kalifornien
Foto:David Dozoretz / Space Forces Space
Es war ein gleichzeitig dadaistischer und gefährlicher Satz, mit dem Troy Meink, Topbeamter im Department of the Air Force, das amerikanische Weltraumwettrüsten offiziell machte. Sein Land verfüge über Weltraumkontrollwaffen im Orbit, so Meink, aber er werde »nicht auf die Einzelheiten eingehen, weder darauf, ob wir sie getestet haben, noch darauf, ob wir sie nicht getestet haben, noch auf irgendetwas anderes«. (Lesen Sie hier mehr dazu .)
Fakt ist: Der Westen fühlt sich bedroht von den Raumfahrtaktivitäten Chinas und Russlands. Beide Länder stehen im Verdacht, Satelliten gezielt auszuspionieren und womöglich auch Techniken zu testen, um diese zu stören oder gar zu zerstören. Auch von der Bundeswehr genutzte Kommunikationssatelliten waren dabei wohl ausgeforscht worden. Die meisten westlichen Länder sind hochgradig abhängig von ihrer Technologie im Orbit und deswegen gewillt, sie zu verteidigen.
Das Herumgeeiere von Meink ist paradoxerweise deshalb problematisch, weil es nicht hart, sondern weich ist – und könnte zu einer Waffeneskalation im Weltall führen. »Damit ein Gegner eingeschüchtert wird, so die Meinung vieler Militärexperten, muss er nicht nur von der Existenz einer Waffe wissen. Er muss auch verstehen, wann und wie diese gegen ihn eingesetzt werden würde – und welche Schäden dann drohten«, sagt mein Kollege Christoph Seidler.
Wie eine solche Eskalationsspirale aussehen könnte und welche Waffen es für das Weltall grundsätzlich gibt, lesen Sie hier: Die USA stationieren Waffen im Weltraum – kommt es jetzt zum Wettrüsten?
3. Rogg’n’Roll in New York
Brote bei Rye in New York
Foto:Anne Pollmann / dpa
»Wenn ich mit der Schule fertig bin, werde ich Bäcker, wandere in die USA aus und verkaufe den Leuten da anständiges Brot«, sagte ein ehemaliger Klassenkamerad mir vor gut 30 Jahren, als er von seinem Austauschjahr in Amerika zurückkehrte. Wochenlang noch fluchte er über die dort verbreiteten, pappig-weichen Teigwaren.
»Hätte er das mal gemacht«, dachte ich heute, als ich las, welchen Preis eine österreichische Traditionsbäckerei in ihrer Filiale in New York für einen Laib Roggenbrot aufruft. Sitzen Sie? Gut. 60 Dollar! (Hier mehr dazu.)
Und nein, da wird kein Goldstaub drübergestreut oder Eselsmilch verbacken, das ist ein ganz normaler Sauerteig aus österreichischem Roggen und Wasser.
In New York ist er offenbar zum Luxusgut geworden. Die Logik von Tim Auer, Sohn des Firmengründers: »Wir sagen: Leute, das ist eine der allerteuersten Städte der Welt, eine der allerteuersten Straßen in dieser allerteuersten Stadt. Das ganze Umfeld ist teurer«, und im Hintergrund schneiden die Mitarbeiter Probierstücke, so breit wie Pommes, ab.
Sehen Sie hier das Video über den Brot-Boom von New York: »Es ist schon verrückt, für so ein Brot 60 Dollar auszugeben«
Was heute sonst noch wichtig ist
Schauspieler Ralf Richter ist tot: Mit dem Spielfilm »Das Boot« wurde er in der Rolle des Zentralemaat Frenssen bekannt. Nun ist der Schauspieler Ralf Richter gestorben. Er wurde 69 Jahre alt.
Offizieller US-Bericht räumt Munitionsmangel wegen Irankriegs ein: Donald Trump drohte Medien, wenn sie einen Munitionsmangel thematisierten. Jetzt zeigt ein Bericht des Pentagon-Generalstabs: Der Irankrieg hat die Lager tatsächlich leer gefegt.
Russische Fregatte feuerte Leuchtkörper auf dänischen Hubschrauber: Leuchtmunition wird von einem russischen Schiff abgefeuert und fliegt nur knapp an einem dänischen Militärhelikopter vorbei. Kopenhagen verurteilt die Provokation in der Ostsee und bestellt den russischen Botschafter ein.
Gutachter zweifelt an eigener Stuttgart-21-Studie: 2011 wollten die Bahn und das Beratungsunternehmen SMA die Leistungsfähigkeit des Großprojekts belegen. Nun distanziert sich der damalige SMA-Chef von den eigenen Berechnungen – diese seien aber wertlos.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
Maskenhändler Waap
Foto:Jelena Filipinski / DER SPIEGEL
Für den Bund geht es um 3,8 Milliarden Euro. Für ihn um das Leben, das er verloren hat: An diesem Mittwoch steigt beim Bundesgerichtshof das Endspiel um die Maskendeals von Jens Spahn. Für die Bundesregierung sind die Prozesse eine Zeitbombe. Händler Alexander Waap hat ein ganz anderes Problem .
Was heute weniger wichtig ist
Harald Schmidt
Foto:Rolf Vennenbernd / dpa
Darf’s ein bisschen Merz sein? Entertainer Harald Schmidt, 69, findet, der derzeit eher ungeliebte Bundeskanzler Friedrich Merz, 70, solle sich nicht kommunikativ verkriechen. Die Medien hätten sich auf die Linie festgelegt, dass der Kanzler es nicht könne, sagte der Moderator der Nachrichtenagentur dpa. »Nennen Sie einen Regierungschef, der nicht zu Hause Probleme bis unters Dach hat.« Vermutlich sei beim Arktisgipfel in Finnland bei jeder Gelegenheit gesagt worden: »Du wirst auch gleich abgewählt, gehen wir einen trinken!« Der ehemalige Late-Night-Talker rät dem Regierungschef, in die Offensive zu gehen: »Ich würde den Kanzler viel mehr sagen lassen: ›Ihr könnt froh sein, dass ich den Job mache. Ich ziehe das jetzt alles durch.‹«
Mini-Hohlspiegel
Das »Hamburger Abendblatt« über einen Angeklagten: »Die Richterin verurteilt ihn zur Mitgliedschaft in einer rechtsterroristischen Vereinigung.«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Thomas Plaßmann
Und heute Abend?
Lior Raz, Hauptdarsteller von »Fauda«
Foto: NetflixKönnten Sie sich die fünfte Staffel der israelischen Thrillerserie »Fauda« anschauen. Sie widmet sich den Ereignissen des 7. Oktober 2023, sie zeigt auf drastische Art und Weise, wie die Terroristen der Hamas den Grenzzaun nach Israel überwinden, das Nova-Musikfestival in der Negevwüste überfallen, einen Kibbuz angreifen.
Vor allem erzählt sie von den Folgen. Davon, wie Eli zusammen mit einem Freund, einem Beduinen, der seinen Sohn ebenfalls am 7. Oktober verloren hat, nach Marseille fliegt, um sich zu rächen. »Rasch stellt sich heraus: Ein einzelner Kämpfer lässt sich erledigen. Aber damit ist nichts gewonnen. Der Krieg ist größer, und die seelischen Verletzungen bleiben«, findet mein Kollege Tobias Rapp.
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Michail Hengstenberg, Autor im Kulturressort
