SpOn 13.05.2026
17:59 Uhr

News des Tages: Cem Özdemir, deutsche NS-Erinnerungskultur, Milka-Schokolade


Cem Özdemir taugt zum Hoffnungsträger, nicht nur für seine Partei. Deutschland hängt bei der Aufarbeitung der NS-Zeit hinterher. Und die Tafel Milka ist zu dünn. Das ist die Lage am Mittwochabend.

News des Tages: Cem Özdemir, deutsche NS-Erinnerungskultur, Milka-Schokolade
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1. Die größte Herausforderung für Cem Özdemir

Cem Özdemir ist der neue Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Heute erhielt er im Landtag 93 Jastimmen, 26 Neinstimmen und vier Enthaltungen. Der Grünenpolitiker ist damit der erste Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln in der Geschichte der Bundesrepublik.

Ob das jedoch am Ende einen so großen Unterschied macht, angesichts der Herausforderungen, die ihn nun in der Koalition mit der CDU erwarten, wird sich erst zeigen müssen. Die Fußstapfen von Winfried Kretschmann jedenfalls sind riesig – zugleich ist die Lage im Bundesland längst nicht so rosig wie zu Beginn der grünen Ära, die mit Kretschmanns Antritt am 12. Mai 2011 begann. Fünfzehn Jahre später ist die Welt eine andere, und die Grünen sind es auch.

Auf Bundesebene hat es noch kein schwarz-grünes Bündnis gegeben. Zeit wäre es, meint mein Kollege Sebastian Fischer aus unserem Hauptstadtbüro, »denn es braucht wieder starke demokratische Lager, zwischen denen sich die Wählerinnen und Wähler entscheiden können«. Schon jetzt müssten Union und Grüne beginnen, strategisch auf eine mögliche gemeinsame bürgerliche Mehrheit nach der nächsten Bundestagswahl hinzuarbeiten; thematisch stünden sie sich etwa in der Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik nahe. Die Grünen seien doch längst die neue Partei der Besserverdienenden, sagt Sebastian. Zudem könnte sich dann ein linkes Lager um die SPD formieren – »die es dann hoffentlich noch gibt«. So gesehen sei es ein schwerer strategischer Fehler von CDU und CSU gewesen, sich die Grünen in den vergangenen Jahren als »Hauptgegner« (Friedrich Merz) herausgepickt und ein Zerrbild des demokratischen Mitbewerbers gezeichnet zu haben (lesen Sie hier mehr ).

Wird sich das nun ändern? Es gibt erste Anzeichen, der Anti-Grünen-Kurs wird zudem von den Altvorderen kritisiert, insbesondere von den Ex-CSU-Chefs Horst Seehofer und Erwin Huber. Seehofer hat zuletzt dem Grünen Winfried Kretschmann zum Abschied aus dem Ministerpräsidentenamt gehuldigt.

In dieses politische Zwischenklima tritt nun Özdemir. Sein Amtsantritt wird den Gedankenspielen über eine neubürgerliche Koalitionsvariante zusätzlichen Schub geben – vorausgesetzt, die Grünen folgen auch auf Bundesebene seinem pragmatischen Kurs. Für Özdemir beginnt damit nicht nur ein neues Amt als Landeschef, sondern er hat eine weitere Aufgabe – als möglicher Wegbereiter eines schwarz-grünen Bündnisses auf Bundesebene.


2. Ausgerechnet Deutschland hinkt hinterher

Und plötzlich wird in Deutschland wieder gestritten und diskutiert – über eine Frage, die lange zu oft umgangen wurde: Was hat die eigene Familie im Nationalsozialismus getan?

Ausgelöst wurde diese überfällige Auseinandersetzung durch eine Freigabe des US-Nationalarchivs. Es hat NSDAP-Mitgliedskarteien online zugänglich gemacht. Auch der SPIEGEL hat die Datenbank aufbereitet und über eine smarte Suchfunktion erschlossen. Jeder kann nun zur eigenen Familie recherchieren (hier mehr zum interaktiven Recherchetool) . Seither erreichen uns viele, oft emotionale Reaktionen.

Und immer wieder eine Frage: Warum sind Archive in Deutschland nicht auf ähnliche Weise zugänglich?

Mein Kollege Felix Bohr hat diese Frage an den Präsidenten des Bundesarchivs, Michael Hollmann, weitergegeben (hier geht es zum Interview ). Das Bundesarchiv erhält nach eigenen Angaben jährlich 75.000 Anfragen zu Personen aus der NS-Zeit. Wer Auskunft will, füllt jedoch Formulare aus, wartet – und erlebt damit das Gegenteil der sekundenschnellen Recherche im Netz.

Hollmann weist den Vorwurf zurück, er erschwere den Zugang zur Aufarbeitung. Maßgeblich seien die Schutzfristen: 100 Jahre nach Geburt oder zehn Jahre nach dem Tod einer Person seien die entsprechenden Unterlagen allgemein zugänglich – vorher nicht. Eine vollständige Veröffentlichung im Internet sei nach deutschem Recht nicht zulässig. Das Ziel sei dennoch, die Kartei insgesamt online zu stellen, sobald die Fristen in den kommenden Jahren abgelaufen seien.

Aber ist es sinnvoll, so lange zu warten?

Felix' Haltung ist eindeutig: Deutschland bleibe immer noch mit einem zentralen Teil der Aufarbeitung im Verwaltungsmodus stecken. Zwar habe das Bundesarchiv angefangen, wichtige Bestände von NS-Behörden zu digitalisieren. Große personenbezogene Karteien – auch zu SS und SA – seien aber weiterhin an Antragsverfahren und Wartezeiten gebunden. Datenschutz und Schutzfristen, argumentiert Felix, seien kein »Alles-oder-nichts«-Hindernis. Sie ließen sich durch verantwortungsvolle Filter einhalten. Zumal dieselben Dokumente in den USA und im Netz längst offen zugänglich sind.


3. Milka-Schokolade gilt tatsächlich als »Mogelpackung«

Es sind oft die kleinen Ärgernisse, die in der Gesellschaft die Gemüter nachhaltig verstimmen. Ich erinnere mich noch genau an jenen Moment, als die Milka-100-Gramm-Tafel schrumpfte. Sie lag anders in der Hand, aber ich beachtete es nicht weiter, griff nach den fünf Tafeln, die ich für den Schokokuchen mitbringen sollte, bezahlte und ging.

Heute, vor dem Landgericht Bremen, ging es genau um diese Kleinigkeit und ein fast schon traditionsreiches Objekt des Alltags: die Milka-Tafel. Geurteilt wurde zum Vorwurf der Irreführung. Über Jahrzehnte haben sich 100 Gramm als Maßeinheit für die Standardtafel etabliert. Der Hersteller Mondelēz aber reduzierte bei vielen Sorten das Gewicht auf 90 Gramm, ohne die Verpackung erkennbar zu verändern. Und erhöhte gleichzeitig den Preis erheblich.

Geklagt gegen diese »Mogelpackung« hat die Verbraucherzentrale Hamburg – wegen unlauteren Wettbewerbs – und sie hat recht bekommen. Die dünne Tafel ist »irreführend«. Das Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig; Mondelēz kann Rechtsmittel einlegen.

Was kleinkariert klingt, ist in Wahrheit eine wichtige Korrektur – nicht nur für den Lebensmittelmarkt: Es ist eine deutliche Kritik am Umgang des Herstellers mit seiner Kundschaft in Zeiten des brutalen Kostendrucks. Verbraucher werden immer wieder über die Füllmenge getäuscht. »Shrinkflation« ist inzwischen ein fester Begriff für diese Praxis: weniger Inhalt, gleicher oder höherer Preis.

Das Bremer Urteil ist deshalb ein wichtiger Schritt, Hersteller zu disziplinieren. Damit der Kunde nicht erst zu Hause bemerkt, dass für den geplanten Schokokuchen 50 Gramm fehlen.


Was heute sonst noch wichtig ist

  • Trump verspricht China »noch höheres Level« mithilfe von US-Unternehmen: Donald Trump will Chinas Staatschef Xi Jinping bei seinem Besuch als »Allererstes« bitten, das Land für amerikanische Unternehmen zu »öffnen«. Begleitet wird der US-Präsident auf seiner Reise von den namhaftesten Konzernchefs.

  • Union und SPD wollen vor Sommerpause über Reformen entscheiden: Beim Koalitionsausschuss haben Union und SPD einen »Arbeitsprozess« für die geplanten Reformen vereinbart. Entscheidend wird laut Union das letzte Treffen vor der Sommerpause. Die Entlastungsprämie? Ist vom Tisch.

  • Ulf Poschardt gibt Posten als »Welt«-Herausgeber ab: Bislang galt er als einer der mächtigsten Männer im Hause Springer. Nun teilt der Verlag mit: Ulf Poschardt gibt seinen Posten als Herausgeber nach nur einem Jahr wieder auf – und wird Autor, Podcaster und »Creator«.


Meine Lieblingsgeschichte heute: »Der Laser ist jetzt scharf«

Mein Kollege Marc Hasse hat ein geheim gehaltenes Waldgelände besucht, auf dem ein Start-up aus Hannover eine neuartige Laserwaffe zur Drohnenabwehr testet: Ein Generator versorgt die Apparatur, deren Strahlen über eine Glaslinse austreten. Man nennt sie auch Energiewaffe. Auf einen Kilometer trifft sie die Fläche einer Fingerspitze. Aber auch drei Kilometer weit entfernte Drohnen lassen sich bekämpfen, schätzt der Hersteller. Klingt nach Star Wars, ist aber Kriegsführung und Verteidigung im 21. Jahrhundert.

Firmengründer Lammers mit Lasereinheit: »Wir haben eine Lösung, die uns in Deutschland schützt«

Firmengründer Lammers mit Lasereinheit: »Wir haben eine Lösung, die uns in Deutschland schützt«

Foto:

Moritz Küstner / DER SPIEGEL

Firmengründer Marius Lammers von Inleap Photonics führt vor, wie sich unbemannte Flugobjekte »mit Lichtgeschwindigkeit« bekämpfen lassen – automatisiert durch KI-Software. Den Abschussbefehl muss am Ende ein Mensch geben.

Hintergrund der Recherche ist eine Zunahme verdächtiger Drohnenflüge über Bundeswehrstandorten, Rüstungsfirmen, Kraftwerken und Ministerien; laut BKA gab es im Vorjahr mehr als 1000 entsprechende Sichtungen.

In einer Vorführung bringt der Laser eine rund 200 Gramm schwere Drohne innerhalb von wenigen Sekunden zum Absturz. Es bedarf natürlich keiner Munition.


Was heute weniger wichtig ist

Fernández fußballspielend als Rojas in »Ted Lasso«

Fernández fußballspielend als Rojas in »Ted Lasso«

Foto: Apple TV+

Das Leben ist besser als jeder Film: Für Cristo Fernández, 35, ist Fußball nicht nur als Schauspieler in der Erfolgsserie »Ted Lasso« sein Lebensinhalt. Jetzt wird er wirklich Profifußballer – und man fühlt sich an Wolodymyr Selenskyj erinnert, der erst den Politiker in einer Serie spielte und dann tatsächlich ukrainischer Präsident wurde. Fernández heuert bei einem US-Zweitligisten an und schätzt sich selbst sehr realistisch ein: Er sei ein »Verrückter mit verrückten Träumen«.


Mini-Hohlspiegel

SPIEGEL.de über die Blockade der Straße von Hormus: »Kommt es zum Gefecht, könnten die zwar technisch hochwertigen, aber behäbigen US-Kriegsschiffe zum leichten Ziel werden, während sich die kleinen, wendigen iranischen Boote in die Berge hinter den Häfen zurückziehen könnten.«

Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.

Cartoon des Tages

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons

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Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Szene aus »Narcos«, einer der frühen Netflix-Eigenproduktionen

Szene aus »Narcos«, einer der frühen Netflix-Eigenproduktionen

Foto:

Netflix

Können Sie womöglich kein Netflix schauen, weil Sie Ihr Abo gekündigt haben, nachdem Sie den Abgesang meines Kollegen Xaver von Cranach  gelesen haben? Seine Liebeserklärung an Netflix mit anschließender Trennung klingt allerdings nach einem durchwachsenen Neustart ohne »Da-Dumm«. Seine Eltern schauen jetzt ORF und er HBO.

Ich habe Netflix nicht gekündigt. Die Ausrede: Ich habe es so satt, diese ewige Abo-Hopperei. Die Wahrheit: Meine Kinder würden mir das niemals verzeihen. Mal schauen, ob ich dort heute Abend etwas finde. Da heute in Cannes das Filmfestival begonnen hat (hier mehr dazu ): vielleicht den koreanischen Film »Parasite« von Bong Joon-ho, Gewinner der Goldenen Palme und später Oscargewinner? Es ist eines der Meisterwerke der vergangenen Jahre. Läuft aber leider nicht bei Netflix. Es wird sich schon was finden, irgendwas Gutes muss man doch auf Netflix sehen können …

Trotzdem einen schönen Abend. Herzlich

Ihre Swantje Karich, Redakteurin im Ressort Meinung und Debatte