Deutschland in der Werkstatt
Sie kennen das: Man kauft ein Mobiltelefon, einen Saugroboter oder eine Waschmaschine – mitunter in dieser Reihenfolge – und kaum ist die Garantie abgelaufen, beginnen die Geräte zu spinnen – natürlich in dieser Reihenfolge. Ersatzteile sind rar, das Modell ausgemustert, eine Reparatur teuer. Am Ende kaufen Sie erneut ein Mobiltelefon, einen Saugroboter und eine Waschmaschine – in dieser Reihenfolge.
Techniker bei der Reparatur eines Smartphones
Foto: Christian Charisius / picture alliance / dpaDamit soll Schluss sein. Ab August greift in Deutschland das neue EU-Recht auf Reparatur (mehr hier ). Die Bundesregierung will Elektroschrott reduzieren und teure Neuanschaffungen vermeiden. Löblich, nutzt es doch der Umwelt und dem Portemonnaie.
Lassen die Kunden kaputte Ware innerhalb der zweijährigen Gewährleistung reparieren, statt ein Austauschgerät zu wählen, erhalten sie künftig zwölf Monate Extragarantie. Die Hersteller müssen zudem länger Ersatzteile vorhalten. Aber wird Deutschland damit schon zur Reparaturrepublik?
Meine Kollegin Maria Marquart ist skeptisch: Nachbarländer wie Frankreich etwa lassen die Hersteller in einen Fonds einzahlen, der Reparaturboni an Kunden ausschüttet. Auf dem Papier klinge der Plan der Bundesregierung »nach einem Durchbruch«, schreibt Maria. »In der Praxis gibt es jedoch Zweifel, ob der Wandel gelingt.«
Klingt fast so, als müsste das neue Gesetz, kaum auf dem Markt, noch einmal in die Werkstatt.
Die ganze Geschichte hier: Kann Deutschland zur Reparaturrepublik werden?
Treffen mit einem Phantom
630 Mitglieder hat der Deutsche Bundestag. Manche davon trifft man dauernd. Andere sind eher sporadisch in Berlin. Und dann gibt es Sieghard Knodel (mehr hier ).
Abgeordneter Knodel
Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa / picture allianceKeiner fehlt so oft wie er. Von den 68 Abstimmungen der laufenden Legislatur hat Knodel 59 verpasst. Er war an mehr als der Hälfte der Sitzungstage nicht anwesend. Im Parlamentsviertel nennen sie den ehemaligen AfD-Politiker: das Phantom. Dennoch streicht Knodel monatlich fast 12.000 Euro ein (mehr hier ).
Der inzwischen fraktionslose Abgeordnete sei das Gegenteil eines guten Volksvertreters, schreibt unsere Korrespondentin Christine Keck. Natürlich verabscheut er, ganz AfD-Schule, die freie Presse. Stimmte einem Treffen aber schließlich doch zu. Schlechtes Gewissen? »Ich habe als Unternehmer so viele Steuern bezahlt, da ist es nur fair, wenn der Staat mir wieder etwas zurückgibt«, so Knodel.
Der 65-Jährige ist eigentlich ein Schaffer: Landmaschinenmechanikermeister von der Schwäbischen Alb. Einer, der nie in den Urlaub fuhr, weil die eigene Firma immer vorging. Idealer Kandidat, dachten sie in der AfD. »Faulenzer«, »Sozialschmarotzer«, »Totalausfall«, schimpfen sie heute im Netz. In seiner alten Partei fordern sie, er solle sein Mandat zurückgeben. Daran denkt Knodel keine Sekunde: »So dreckig wie ich behandelt wurde, tue ich denen den Gefallen nicht.«
Die ganze Geschichte hier: Sie nennen ihn das Phantom des Bundestags. Wer ist der arbeitsscheue Ex-AfD-Mann?
Frauen auf dem Rennrad
Am vergangenen Sonntag ging die 113. Tour de France zu Ende. Erster wurde der Slowene Tadej Pogačar – zum fünften Mal seit 2020 (mehr hier ). Spannender dürfte es ab Samstag bei den Frauen werden. Dann startet in Lausanne die Tour de France Femmes.
Tour-de-France-Sieger Canins (l.) und Bernard Hinault 1985
Foto: AFPOffiziell geht das Frauenradrennen in seine fünfte Auflage. Tatsächlich hatte sich bereits in den Achtzigerjahren eine weibliche Tour-Serie etabliert. Immer vorn dabei: die Südtirolerin Maria Canins. Zweimal gewann sie die Rennserie. 1989 war schon wieder Schluss, offiziell aus Mangel an Sponsorengeldern.
Mein Kollege Benjamin Knaack hat Canins, heute 76, getroffen – für ein Gespräch über männlichen Neid, unfaire Preisgelder und verschenkte Jahrzehnte. Canins war schon Mutter und mehrfache italienische Meisterin im Skilanglauf, bevor sie mit 32 zum Radsport wechselte. 14 Jahre lang fuhr »das fliegende Mütterchen«, so ihr Spitzname damals, im Profi-Radsport vorn mit, wurde mit 50 auch noch Weltmeisterin im Wintertriathlon. Für Canins steckt darin viel mehr als sportlicher Ehrgeiz: »Auch eine Mama kann erfolgreich Rad fahren – und nicht nur auf die Kinder aufpassen, Teller abwaschen und putzen.«
Das ganze Gespräch lesen Sie hier: Die faszinierende Geschichte des »fliegenden Mütterchens«
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Gewinner des Tages…
Bildungsministerin Prien
Foto:Janine Schmitz / photothek / IMAGO
...sind alle Grundschulkinder beziehungsweise ihre Familien. Ab dem 1. August haben Erstklässler einen Rechtsanspruch auf bis zu acht Stunden Betreuung pro Tag. Bis zum Schuljahr 2029/30 wird dieser schrittweise bis Klasse vier ausgeweitet. So hatte man es 2021 den coronageplagten Familien versprochen. Im Ganztag liege »eine große Chance, um Kinder unabhängig vom Hintergrund ihrer Eltern zum Bildungserfolg zu führen«, so Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU). Es gehe darum, »die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – vor allem für Mütter – zu verbessern«. Bleibt zu hoffen, dass das nicht nur in einigen wenigen Schulen klappt, sondern deutschlandweit. Nach Zahlen des Ministeriums fehlen noch rund 150.000 Betreuungsplätze (mehr hier), vor allem in Bayern und Nordrhein-Westfalen.
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
Trumps Wunschminister für Justiz droht durchzufallen: Senatoren seiner eigenen Partei rebellieren. Deshalb erwägt der US-Präsident, Todd Blanche als Kandidaten für das Justizministerium zurückzuziehen – und auf Zeit zu spielen. Das wäre ein riskanter Schritt.
Trump verkündet Vereinbarung zur »vollständigen Entwaffnung« der Hamas: Der sogenannte Friedensrat soll ausgehandelt haben, dass die Hamas in Gaza ihre Waffen abgibt. Der US-Präsident spricht von einem »Meilenstein«. Die Miliz selbst hält sich bisher bedeckt.
Nächster Verband stellt sich gegen Fifa-Plan: Gianni Infantino handelt sich mit seinen Plänen zum Teilverkauf der Fußball-WM weiter Kritik ein. Nach Boykottdrohungen der Uefa stellt sich nun auch der nord- und mittelamerikanische Verband Concacaf gegen ihn.
Heute bei SPIEGEL Extra: Dieses Restaurant hat eine Ozempic-Speisekarte. Ist das etwa die Zukunft?
Stephen Voss / DER SPIEGEL
Wer die Abnehmspritze nimmt, verliert den Appetit, nicht die Lust aufs Essengehen. Ein Restaurant in Washington serviert nun spezielle Gerichte. Mein Kollege Philipp Kollenbroich hat es ausprobiert .
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihr Simon Book, US-Korrespondent des SPIEGEL
