Der Hass der Rechtsextremen
Seit einiger Zeit bin ich auf TikTok. Die Clips, die man dort zu sehen bekommt, sind mitunter unterhaltsam, häufig aber düster. Den Wahlkampf von Ulrich Siegmund habe ich beobachtet wie ein gefährliches Experiment, das vor aller Augen gelingt. Kaum jemand vermittelt menschenverachtende Botschaften mit einem solchen Lächeln auf den Lippen wie der Rechtsextremist aus Sachsen-Anhalt.
T-Shirts mit dem Porträt Siegmunds, Naumburg Ende August 2026: Wie ein gefährliches Experiment, das vor aller Augen gelingt
Foto: Hannibal Hanschke / EPADas jüngste Beispiel liefert Siegmunds Satz über »Rüstungsgüter« für »Remigrations- und Abschiebeoffensiven« (mehr dazu hier ). Doch entscheidend ist nicht allein diese neue Provokation. Sie steht in einer langen Reihe von Versuchen, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben.
Schon der vom NS-Regime verfolgte Philologe Victor Klemperer warnte vor der schleichenden Wirkung ideologisch aufgeladener Sprache. »Worte können sein wie winzige Arsendosen«, schrieb er, »sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da«.
Wir erleben seit Jahren, wie die AfD das Land häppchenweise vergiftet, darunter auch Siegmunds Landtagsfraktion. Ein Abgeordneter sagte über Gefängnisstrafen für Homosexuelle: »Das sollten wir in Deutschland auch machen!« Ein anderer sprach von »Wölfen an der Schule« – gemeint waren Kinder mit Migrationsgeschichte – und nannte die Erinnerung an den Nationalsozialismus einen seit 80 Jahren »wachgehaltenen« Schuldkomplex.
Sollte die AfD in Sachsen-Anhalt an die Macht kommen, wird sie ihr Gift in noch größeren Dosen verabreichen. Der Erfolg Siegmunds zeigt, wie wirksam diese Methode sein kann. Es bleibt zu hoffen, dass die demokratischen Institutionen und die Zivilgesellschaft der schleichenden Normalisierung rechtsextremer Sprache und Politik widerstehen.
Mehr zum Thema im Kommentar: Auf die Entzauberung der AfD sollten Sie nicht hoffen
Süßigkeiten und Angstpolitik
Wo wir gerade bei Rechtsextremen sind: Am Sonntag wird in Schweden gewählt. Jimmie Åkesson, der Chef der Schwedendemokraten, könnte zum großen Gewinner werden. Mein Kollege Jan Petter berichtet aus dem schwedischen Kalmar von einem Wahlkampf mit Süßigkeiten und Schlager. Dazu fährt ein Reisebus mit Åkessons Konterfei vor.
Politiker Åkesson in Stockholm, 2022: Angebliche »Vergewaltigungsepidemie«
Foto: Maja Suslin / dpaDann folgt die Angstpolitik. Åkesson spricht von einer angeblichen »Vergewaltigungsepidemie«. Zuwanderer erhielten einen Strafrabatt: »Bei der dritten Vergewaltigung bekommst du 83 Prozent Nachlass«.
Die Schwedendemokraten stützen seit 2022 die bürgerliche Regierung von Ministerpräsident Ulf Kristersson. Sie haben starken Einfluss auf Schwedens Migrations- und Sicherheitspolitik. Die Wahl gilt als eng, das Mitte-links-Lager lag zuletzt in Umfragen knapp vorn. Jans Reportage zeigt, wie eine Partei mit Wurzeln im rechtsextremen Milieu das Land verändert, ohne bislang selbst formell mitzuregieren.
Die ganze Geschichte hier: Die Schwedendemokraten greifen nach der Macht
Kritische Neubewertung Diderots
Der französische Philosoph Denis Diderot (1713–1784) gilt als großer Gegner von Sklaverei und Kolonialismus. Doch neue Forschung aus Trier stellt diesen Heldenmythos infrage, wie mein Kollege Martin Pfaffenzeller berichtet. Ein Team um den Historiker Damien Tricoire kommt zu dem Schluss, dass Diderots Anteil an dem Aufklärungsbestseller »Die Geschichte beider Indien« wohl weit geringer war als bisher angenommen.
Porträt Diderots, 1767: Die berühmten Passagen zur Sklaverei stammen wohl nicht von ihm
Foto: opale.photo / IMAGODie Wissenschaftler nutzten ein computergestütztes Verfahren, das den Stil von Texten vergleicht. Maßgeblich ist dabei unter anderem, wie ein Autor unscheinbare Wörter wie Pronomen oder Artikel verwendet. Demnach stammen die berühmten Passagen zur Sklaverei in »Die Geschichte beider Indien« nicht von Diderot, sondern wohl von dem Schriftsteller Jean de Pechméja (1741–1785).
Diderot habe an dem Werk vermutlich nur in begrenztem Umfang mitgearbeitet, schreiben die Forscher. Das belegen auch zeitgenössische Briefe des Philosophen. Viele Stellen, die ihm später zugeschrieben wurden, standen demnach bereits in früheren Ausgaben von »Die Geschichte beider Indien« – bevor Diderot nach eigener Aussage überhaupt Einblick in den Text erhalten hatte.
Die ganze Geschichte hier: Der falsche Star der Aufklärung
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Satellitenbild der Küste Alaskas
Foto: HO / NASA / AFP… ist der 15-jährige Jugendliche, den Einsatzkräfte nach tagelanger Suche lebend aus dem Wasser in der Beringsee gerettet haben. Die Küstenwache berichtete, der Jugendliche sei stark unterkühlt gewesen. Zwei weitere Männer konnten nur noch tot geborgen werden. Der überlebende Teenager hatte sich tagelang an das gekenterte Boot geklammert, ohne Wasser und Nahrung.
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
Unionsfraktionschef Frei hält »Bundeszwang« gegen AfD-Landesregierung für möglich: Sollte eine AfD-Landesregierung Bundesgesetze missachten, setzt Unionsfraktionschef Thorsten Frei als letztes Mittel auch auf eine drastische Regelung des Grundgesetzes. Sie wurde bislang noch nie angewandt.
Erdoğan-Rivale İmamoğlu zu zwei Jahren Haft verurteilt: Istanbuls abgesetzter Bürgermeister gilt als wichtiger Rivale des türkischen Präsidenten – und Opfer einer regierungstreuen Justiz. Das neue Urteil gegen Ekrem İmamoğlu könnte sein politisches Aus bedeuten.
Zverev steht im US-Open-Finale: In drei Sätzen bezwingt Alexander Zverev Karen Chatschanow und trifft am Sonntag im Finale auf einen amerikanischen Lokalmatador. Ein Sieg würde ihn in eine Reihe mit Boris Becker stellen.
Heute bei SPIEGEL Extra: Warum ist alles big in Japan?
Japan ist Sehnsuchtsort vieler Reisender, der Alltag dort wirkt cooler, ästhetischer, aufregender. Woher unsere Faszination kommt. Und was wir ausblenden .
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihr Felix Bohr, stellvertretender Leiter des Geschichtsressorts
