SpOn 02.10.2026
05:40 Uhr

News: Regierungskrise, Verbrenner-Aus, Sondierungsgespräche in Berlin


Ein präsidiales Telefonat verschiebt das Ende der Koalition. Im EU-Parlament wird die Entscheidung über das Verbrenner-Aus verschoben. Und in Berlin verschieben Linke, Grüne und SPD den Beweis ihrer Regierungsfähigkeit. Das ist die Lage am Freitagmorgen.

News: Regierungskrise, Verbrenner-Aus, Sondierungsgespräche in Berlin
Dieses Audio ist derzeit nicht verfügbar.
Podcast Cover

Die galoppierende Zerrüttung der Koalition

Die schwarz-rote Koalition stand Anfang der Woche offenbar kurz vor ihrem Ende. Wie meine Kolleginnen und Kollegen aus unserem Hauptstadtbüro erfahren haben, hielt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Situation für so explosiv, dass er persönlich den Vizekanzler Lars Klingbeil und Innenminister Alexander Dobrindt angerufen hat, um eine Staatskrise zu verhindern.

Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD), Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU): Koalitionäre Stinkbomben

Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD), Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU): Koalitionäre Stinkbomben

Foto: Michael Kappeler / dpa

Am Montag hatte der Präsident Friedrich Merz auf einem Empfang zu Ehren des Bundesverfassungsgerichts getroffen, dabei soll Steinmeier den Eindruck bekommen haben, dass die Koalition platzen könnte.

Die Konflikte zwischen Union und SPD bei der Reform der Pflegeversicherung sind zwar schon bekannt: Die SPD will einen Kostendeckel und eine Beteiligung der Privatversicherten, die Union lehnt beides ab (mehr dazu hier ). Dass sich aber sogar das Staatsoberhaupt zum Einschreiten genötigt sah, ist ein alarmierendes Zeichen für die fortschreitende Zerrüttung der Koalition. Bei der Pflegereform konnte sie sich zwar noch in letzter Minute darauf einigen, die Streitpunkte in einer Kommission weiter zu diskutieren, aber das bedeutet nur eine Vertagung, keine Entscheidung.

Und kaum war dieses Thema vorerst entschärft, platzte gestern die nächste koalitionäre Stinkbombe: Das Kanzleramt stoppte den von Klingbeil vorgelegten Entwurf der Zuckersteuer (mehr dazu hier). Womöglich muss Steinmeier bald schon wieder telefonieren, damit das Ende der Koalition noch einmal verschoben werden kann.


Die Aufweichung der Aufweichung des Verbrennerverbots

Verschoben werden soll auch eine erste Entscheidung über das europaweite Verbrenner-Aus. Wir erinnern uns: Ursprünglich hatte das EU-Parlament vor vier Jahren beschlossen, dass Neuwagen von 2035 an kein CO₂ mehr ausstoßen dürfen. Ende 2025 hat die EU-Kommission vorgeschlagen, dieses Ziel aufzuweichen – auch weil sich die deutsche Regierung dafür eingesetzt hat (mehr dazu hier ). Am kommenden Montag sollte der Verkehrsausschuss des EU-Parlaments über diese Lockerungen abstimmen, nun ist von einer Verschiebung um zwei Wochen die Rede.

Auto mit Verbrennungsmotor

Auto mit Verbrennungsmotor

Foto: Frank Hoermann / Sven Simon / IMAGO

Der Grund? Die konservative EVP-Fraktion will das aufgeweichte Verbrennerverbot noch weiter aufweichen und sucht dafür noch Partner. Der EVP-Fraktionschef Manfred Weber (CSU) wünscht sich »eine stabile und klare Einigung in der politischen Mitte«. Das kann man auch als Drohung an die bisher zurückhaltenden Sozialdemokraten verstehen: Wenn ihr nicht mitmacht, stimme ich eben wieder gemeinsam mit den Rechtsextremen ab. Zuzutrauen ist es ihm, es wäre nicht das erste Mal (mehr dazu hier).


Viel Gesprächsbedarf vor der Regierung

Und noch eine dritte Verschiebung: In Berlin sind die Spitzen der dortigen Linken, Grünen und SPD auseinandergegangen, ohne sich darauf festzulegen, in Sondierungsgespräche einzusteigen. Bei diesem ersten Treffen wollte man zunächst einmal eine gemeinsame Position für den Umgang mit Rassismus, Antisemitismus und Organisierter Kriminalität finden, bevor über eine mögliche Koalition geredet werden kann. Dazu ist es nicht gekommen. Sie wollen aber bald weiterreden.

Verhandlerinnen Bettina König (SPD), Kerstin Wolter (Linke) und Nina Stahr (Grüne)

Verhandlerinnen Bettina König (SPD), Kerstin Wolter (Linke) und Nina Stahr (Grüne)

Foto: Sören Stache / dpa

Man möchte ja eigentlich meinen, dass es nicht besonders schwierig sein kann, sich bei diesen Themen zu einigen, jedenfalls wenn man sich dafür geeignet hält, die Hauptstadt zu regieren. Ich wage da mal einen Vorschlag: Organisierte Kriminalität? Bekämpfen. Rassismus? Ebenso. Und Antisemitismus? Selbstverständlich auch. Dass gleichzeitig aber auch niemand stigmatisiert werden sollte, nur weil er oder sie mit Kriminellen verwandt ist, sollte genauso klar sein. Und ebenso, dass Kritik an der Politik der israelischen Regierung erlaubt ist.

Wer es nicht schafft, entlang dieser demokratischen Selbstverständlichkeiten eine gemeinsame Linie zu finden, sollte meiner Ansicht nach gar nicht erst versuchen, eine Regierung zu bilden. Noch sind die Kommunikationsschwierigkeiten mit der großen Aufregung über die mittlerweile berüchtigten Wahlpartybesuche und Abgeordnetenkontakte von Clangrößen und Hamas-Sympathisanten bei der Linken zu erklären (mehr dazu hier ). Wenn sich die drei Parteien aber über längere Zeit nicht einmal auf ein simples Bekenntnis zum Rechtsstaat einigen können, dann liefern sie nur ein weiteres Beispiel für die alte Regel: Die politischen Gegner von Linken sind nicht zuerst Rechte oder Konservative. Es sind vor allem andere Linke, die ein bisschen anders links sind als man selbst.


Lesen Sie hier den aktuellen SPIEGEL-Leitartikel

  • Warum es falsch ist, Populismus mit Populismus zu bekämpfen: Die SPD ringt um ihre Haltung zum Ruhestand nach 45 Beitragsjahren. Wenn sie sozial gerecht sein will, darf sie an dieser Regelung nicht festhalten. 


Hier geht’s zum aktuellen Tagesquiz

Noch mehr Rätsel wie Viererkette, Wordle und Paarsuche finden Sie bei SPIEGEL Games.


Verlierer des Tages…

Zechpreller Jimi Blue Ochsenknecht

Zechpreller Jimi Blue Ochsenknecht

Foto:

Lukas Barth-Tuttas / dpa

…ist Jimi Blue Ochsenknecht. Der Realitydarsteller ist von einem österreichischen Gericht wegen Betrugs zu einer Geldstrafe von 34.500 Euro verurteilt worden. Bei einer Sause anlässlich seines 30. Geburtstags hatte Ochsenknecht die Zeche in Höhe von knapp 14.000 Euro geprellt (mehr dazu hier ). In einem ersten Prozess war er noch mit einer milderen Geldbuße davongekommen. Das neue Urteil ist noch nicht rechtskräftig.


Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • Trump räumt Imageproblem vor Zwischenwahlen ein: Trumps Beliebtheitswerte sind schlecht, doch der US-Präsident sieht das Problem woanders: bei der PR. Kurz vor den Midterms setzt er trotzdem auf seine Strahlkraft.

  • Nike verschärft Sparprogramm: Sportartikelkonzern Nike kämpft sich seit mehr als einem Jahr aus einem weitgehend hausgemachten Tief. Zuletzt verlief die Erholung holprig. Jetzt wird härter gespart.

  • Äthiopien und Eritrea brechen diplomatische Beziehungen ab: Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed und Eritreas Präsident Afewerki galten einst als Versöhnungsmodell am Horn von Afrika. Jetzt brechen beide Länder ihre diplomatischen Beziehungen ab – und ein neuer Krieg rückt näher.


Heute bei SPIEGEL Extra: »Bei unnötig komplizierten Gerichten geht es nur um das eigene Ego«

Foto:

The Guardian / ddp

Was kocht Yotam Ottolenghi, wenn er keine Lust auf Ottolenghi hat? Die Antwort ist so simpel wie lecker. Hier verrät er, warum Einfachheit in der Küche gewinnt und wie jeder lernen kann, beim Kochen zu entspannen .

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihr Stefan Kuzmany, Autor der Chefredaktion