SpOn 08.09.2026
17:21 Uhr

Nepal: Gletscher war vor Bergsturz außergewöhnlich warm


Helfer suchen nach der Flutkatastrophe in Nepal weiter nach Vermissten, doch die Hoffnung schwindet mit jedem Tag. Forscher untersuchen nun, welche Rolle die Klimakrise bei dem Unglück spielte.

Nepal: Gletscher war vor Bergsturz außergewöhnlich warm

Binnen weniger Minuten wurde ein ganzer Landstrich unbewohnbar: Die verheerende Sturzflut in Nepal hat mindestens 1400 Menschen das Leben gekostet, fast 6000 weitere gelten als vermisst. Noch ist die Ursache für die Katastrophe nicht im Detail geklärt. Laut Berechnungen von Klimaforschern war der Gletscher am Berg Langtang Lirung im Himalaja allerdings außergewöhnlich warm, ehe es zu dem Felssturz kam, der die verheerende Sturzflut am 26. August wahrscheinlich ausgelöst hat.

Die riesige Flutwelle aus Wasser, Schlamm und Geröll schoss durch enge Flusstäler in der Grenzregion zwischen Nepal und der autonomen Region Tibet in China und riss auf beiden Seiten der Grenze Häuser, Straßen, Wasserkraftwerke und Menschen mit.

Noch nie so warm

In den Tagen zuvor lag die Durchschnittstemperatur auf dem Gletscher auf 5200 Meter Höhe bei etwa fünf Grad Celsius, zeigen Berechnungen des US-Forschers Robert Rohde anhand meteorologischer Daten. Seit Beginn der Aufzeichnungen vor mehr als 55 Jahren hatte die Temperatur dort in diesem Zeitraum noch nie über vier Grad Celsius gelegen.

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Rohde ist Chefwissenschaftler am US-Klimaforschungsinstitut Berkeley Earth. Daten des Instituts zeigen, dass die Durchschnittstemperatur in der Region seit Mitte des 20. Jahrhunderts um etwa 1,8 Grad Celsius gestiegen ist. Spitzentemperaturen wie im August würden ohne die zusätzliche Erwärmung durch den Klimawandel dort »wahrscheinlich nur einmal in mehreren Tausend Jahren« auftreten, sagte Rohde der Nachrichtenagentur AFP.

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Foto: Pedro Pardo / AFP

Wie aus Aufzeichnungen des EU-Erdbeobachtungsprogramms Copernicus seit 1970 hervorgeht, ereignete sich der Felssturz im viertwärmsten Sommer in der Hochgebirgsregion Langtang. Die für die Region ungewöhnlich hohen Temperaturen könnten eine Erklärung »für das Auftauen des Permafrosts sowie kombinierte Hang- und Gletscherabbrüche« sein, sagte die französische Klimatologin Valérie Masson-Delmotte gegenüber AFP.

Wie schmelzender Zement

Auftauender Permafrost, der sonst als »Eiszement« Gesteinsmassen zusammenhält, kann Berghänge destabilisieren und so das Risiko von Erdrutschen erhöhen. Satellitenbilder zeigten kurz vor der Katastrophe zudem eine massive Schneeschmelze. Das abfließende Wasser könne dann zusätzlich »in Spalten im Berg eindringen und Erdrutsche begünstigen«, sagte der Glaziologe Etienne Berthier vom französischen Forschungsinstitut CNRS.

Ein kausaler Zusammenhang zwischen der Hitzewelle und dem Gletscherabbruch ist den Fachleuten zufolge allerdings noch nicht zweifelsfrei bewiesen. Hitze führe nicht automatisch zu einem Gletscherabbruch, sagte Kristen Cook, Geomorphologin an der Universität Grenoble Alpes in Frankreich. Neben einer kritischen Temperaturschwelle sei offenbar auch ein »Kipppunkt« bei der Destabilisierung des Berges erreicht worden.

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Foto: Dar Yasin / AP

Die Forscherinnen und Forscher analysieren nun kleine Bewegungen in den Felsmassen in den Jahren vor dem Abbruch und deren Wechselwirkung mit Temperaturveränderungen. Sollte der Nachweis gelingen, dass das Gestein vor dem Abbruch durch Schmelzwasser oder auftauenden Permafrost erheblich destabilisiert wurde, wäre dies laut Rohde ein weiterer »unwiderlegbarer Beweis« für den Klimawandel als wahrscheinliche Ursache.

Auch der nepalesische Premierminister Balendra Shah hält den Klimawandel für eine Ursache der Katastrophe. Er fordert, die weltweit größten Verursacher von Treibhausgasen – Indien, China und die USA – sollten für die Schäden in Nepal aufkommen, das selbst kaum zur Klimakrise beigetragen hat. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

koe/AFP