SpOn 10.03.2026
14:21 Uhr

Iran: Europa wollte diesen Krieg nicht – und kann sich ihm doch nicht entziehen


Es ist nicht unser Krieg, betonen Europas Staats- und Regierungschefs. Allerdings stellt sich längst die Frage, wie tief sie in den Konflikt im Nahen Osten hereingezogen werden. Jetzt prescht Emmanuel Macron vor.

Iran: Europa wollte diesen Krieg nicht – und kann sich ihm doch nicht entziehen

Eines muss man Emmanuel Macron lassen: Er hat einen Sinn für die große Geste. In Top-Gun-Manier ließ sich der französische Präsident am Montag im Mittelmeer auf den Flugzeugträger »Charles de Gaulle« fliegen. Sein Blick war grimmig, als er das Flugdeck entlangschritt.

Zuvor machte Macron Station auf der Mittelmeerinsel Zypern Halt. Dort, in dem Land, das derzeit den EU-Vorsitz innehat, riss vor einer Woche eine Drohne ein Loch in einen Hangar des britischen Militärstützpunktes. Zwei weitere Drohnen konnten gerade noch rechtzeitig abgewehrt werden.

»Wenn Zypern angegriffen wird, wird Europa angegriffen«, sagte Macron, hinter ihm ein Militärhubschrauber. Er versprach, zur Sicherung der Insel die französische Fregatte »Languedoc« zu entsenden und ein Flugabwehrsystem.

Europa als Zaungast

Mehr noch als die Waffen zählte das Symbol. Die Europäer, das wollte Macron zeigen, sind nicht nur Zaungast bei einem Konflikt, den die USA und Israel mit angezettelt haben. Sie sind in der Lage, sich zu verteidigen.

Macrons Auftritt, die Tatsache, dass er sich überhaupt dazu genötigt sah, erzählt viel über die Perspektive der europäischen Staats- und Regierungschefs auf diesen Krieg. In den ersten Stunden rechneten viele von ihnen noch mit einer begrenzten Operation; mit einem Krieg, der den Nahen Osten, nicht aber die ganze Welt erschüttern würde. Entsprechend vorsichtig fielen die Reaktionen aus.

Inzwischen aber ist der Blick ein anderer: Israel und die USA gehen laut Medienberichten von einem wochen- oder monatelangen Krieg aus, auch wenn US-Präsident Donald Trump mal dies, mal jenes behauptet. In Teheran brannten am Sonntag Ölraffinerien. Die Meerenge von Hormus, die Lebensader der Weltwirtschaft, ist faktisch blockiert. Mittlerweile sind mindestens zehn Staaten angegriffen worden – darunter mit der Türkei auch ein Nato-Land.

Europa mag diesen Krieg zwar nicht gewollt haben, kann sich ihm aber kaum entziehen. Die innenpolitischen und wirtschaftlichen Folgen, so viel steht fest, werden auch den alten Kontinent treffen.

Brennende Ölraffinerien in Teheran: Eskaliert der Krieg endgültig?

Brennende Ölraffinerien in Teheran: Eskaliert der Krieg endgültig?

Foto:

Majid Asgaripour / REUTERS

Die Frage ist, wie tief die Europäer noch hineingezogen werden. Und ob ihnen der Balanceakt gelingt, einerseits ihre Verbündeten in Washington und am Golf bei Laune zu halten – und andererseits die eigenen Wähler.

Umfragen in Deutschland, Italien, Spanien und Frankreich zeigen, dass eine klare Mehrheit den Krieg ablehnt. Selbst in Großbritannien halten ihn 59 Prozent für falsch. Der ein oder andere, so scheint es, fühlt sich nun an alte Fehler erinnert.

Insofern muss Premier Keir Starmer geflucht haben, als sein Amtsvorgänger Tony Blair am Freitagabend in London eine Bühne betrat. Ausgerechnet jener Mann, der das Königreich vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten in den Irakkrieg führte, äußerte sich nun.

Keine Rücksicht auf den Nachfolger

Blair, wie üblich eher uneinsichtig, nahm keine Rücksicht auf seinen Nachfolger. Großbritannien hätte die amerikanischen Angriffe von Anfang an unterstützen müssen, sagte er. Man könne nicht abseits stehen, wenn der wichtigste Verbündete militärisch handele. In Starmers Umfeld war man entsetzt. Blair »muss einfach aufhören«, sagte einer seiner Berater.

Bei Labour war man eigentlich froh, sich halbwegs durch die ersten Kriegstage laviert zu haben. In der Anfangsphase des Krieges hatte Starmer es den USA untersagt, britische Militäranlagen als Ausgangspunkt für Luftangriffe auf Iran zu nutzen. Wenige Tage später änderte er seine Linie. Amerikanische Flugzeuge dürfen jetzt von britischen Basen aus Verbündete in der Region vor iranischen Raketen und Drohnen schützen. Das, so der Jurist Starmer, seien schließlich defensive Aktionen.

Offiziell beteiligt sich London damit weiterhin nicht an den Angriffen auf Iran. Doch faktisch ist die britische Infrastruktur Teil der Operationen im Nahen Osten. Allein: Den US-Präsidenten macht auch das nicht glücklich. »Wir brauchen keine Leute, die erst in Kriege einsteigen, wenn wir sie schon gewonnen haben«, schrieb Donald Trump am Wochenende.

Britischer Premier Starmer: Kritik von Blair

Britischer Premier Starmer: Kritik von Blair

Foto: Jonathan Brady / REUTERS

Die Diskussion über die Nutzung der Basen wird fast überall in Europa geführt – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Italiens Premierministerin Giorgia Meloni will die Entscheidung dem Parlament überlassen. Noch hätten die USA Rom nicht um Erlaubnis gebeten, sagt sie. Spaniens Premier Pedro Sánchez hingegen hat die Amerikaner mit einigem Geschrei dazu bewegt, ihre Tanker abzuziehen. Er versucht, innenpolitisch Kapital daraus zu schlagen.

Einig sind sich die Europäer vorwiegend in dem, was sie nicht wollen. »Das ist nicht unser Krieg«, heißt es im Élysée. »Wir wollen nicht in den Krieg ziehen«, sagt Meloni. »Wir beteiligen uns nicht an den Offensivschlägen der USA und Israels«, verspricht Starmer. Unterhalb aber dieser Schwelle ist einiges denkbar.

In Europa ist man vor allem besorgt, dass der Konflikt im Nahen Osten vollkommen eskalieren könnte – und der Kontinent den Preis dafür zahlt. Die Staats- und Regierungschefs haben nicht nur den gestiegenen Ölpreis und die Gefahr für die Schifffahrt am Persischen Golf im Blick. Es geht auch um die Stabilität des Libanon und die Frage, ob der Süden des Landes von Israel okkupiert wird.

Falls die Region endgültig ins Chaos stürzt, könnten sich erneut lange Flüchtlingstreks Richtung Europa aufmachen. Intern warnt die EU-Kommission schon jetzt vor »Migrationsbewegungen wie 2015 «.

Die Folge der Sorge ist zunächst ein neuer Zungenschlag. Nicht mehr nur in Madrid, auch in Berlin, London und Paris spricht man nun von »Deeskalation« und »Diplomatie«.

Der iranische Staat dürfe nicht zusammenbrechen, warnte Bundeskanzler Friedrich Merz am Freitag. Macron wiederum griff direkt zum Telefon und sprach mit Israels Premierminister Benjamin Netanyahu sowie dem iranischen Präsidenten Masoud Pezeshkian. Am Sonntag redete er zudem zum ersten Mal seit einiger Zeit auch wieder mit Donald Trump. Womöglich sind das die zarten Anfänge einer Art Pendeldiplomatie.

Italienische Regierungschefin Meloni: Noch hat Trump nicht gefragt

Italienische Regierungschefin Meloni: Noch hat Trump nicht gefragt

Foto: Antonio Masiello / Getty Images

Den Verbündeten am Persischen Golf geht das allerdings nicht weit genug. In Dubai, Doha und Manama leben Zehntausende europäische Staatsbürger, die nun um ihre Sicherheit fürchten.

Hinter den Kulissen drängen die Golfstaaten die Europäer wohl auch deshalb zu größerem Engagement. Das geht aus diplomatischen Korrespondenzen hervor, die dem SPIEGEL und dem ARD-Magazin Report Mainz vorliegen.

Die Golfstaaten forderten demnach bei Gesprächen in der vergangenen Woche »konkrete Unterstützung« und schärfere Sanktionen gegen Iran. Sie baten um Rüstung und Munition. Die Vereinigten Arabischen Emirate brachten gar eine »EU-Mission im Arabischen Golf zur Absicherung von Energielieferungen« ins Spiel.

Frankreich, heißt es im Protokoll, habe den Golfstaaten das »konkreteste Unterstützungsangebot« unterbreitet. Man plane eine »Koalition für freie Schifffahrt«.

Wie genau aber soll die funktionieren? Will Paris etwa, ähnlich wie Trump es versprach, Tanker durch die Straße von Hormus eskortieren? Und was passiert, wenn Iran die Schiffe dennoch angreift? Schließlich braucht es dazu keine funktionierende Marine, schon ein paar Drohnen würden genügen.

Am Montag, bei seinem Auftritt auf dem Flugzeugträger, beantwortete Macron diese Fragen nur zum Teil. Acht weitere Fregatten wolle er in die Region entsenden. Und ja, sobald der Konflikt sich etwas beruhigt habe, könnten sie auch Tanker durch die Straße von Hormus eskortieren. Die Operation sei rein defensiver Natur.

»Mehrere europäische Staaten« seien bereit, zu helfen, sagte Macron noch. Es ist, wie so oft bei ihm, ein gewagter Plan – von dem man nicht weiß, ob er je umgesetzt wird.