SpOn 29.05.2026
14:43 Uhr

Influencer mit Sehbehinderung: »Blindfisch ist keine Beleidigung«


Jakob, 14, kann im Dunkeln lesen und hört jedes Geräusch. Auf Social Media erklärt er, wie der Alltag von Menschen funktioniert, die nicht sehen können.

Influencer mit Sehbehinderung: »Blindfisch ist keine Beleidigung«

Was haben ein Blinder und ein Hund gemeinsam? Sie suchen beide nach dem Stöckchen. Diesen Witz habe ich mir selbst ausgedacht. Wahrscheinlich würde sich niemand, der sehen kann, trauen, diesen Witz zu machen. Aber ich bin blind. Humor hilft mir, damit umzugehen. Früher haben meine Sehnerven noch funktioniert. Doch kurz vor meinem elften Geburtstag konnte ich nicht mehr entziffern, was an der Tafel stand. Meine Eltern dachten, ich brauche eine Brille. Doch ein Arzt fand einen Tumor in meinem Gehirn, und ich wurde operiert.

Als ich nach der OP aufgewacht bin, fragte der Arzt, ob ich das Licht sehe. Ich sagte: Welches Licht? Da war klar, dass ich erblindet bin. Das war erst mal ein Schock für uns alle.

DEIN SPIEGEL

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In den Wochen nach der OP musste ich vieles neu lernen. Lesen zum Beispiel. Für Blinde gibt es die sogenannte Brailleschrift. Die Buchstaben bestehen aus verschiedenen Hubbeln auf Papier, die ich mit meinem Zeigefinger ertaste. Zum Schreiben nutze ich meine Computertastatur. Ich weiß genau, welcher Buchstabe sich wo befindet. Meine Hausaufgaben erledige ich am PC. Ich besuche weiterhin die normale Schule, nur mit einer Betreuerin. Sie liest mir vor, was an der Tafel geschrieben steht.

Seit der OP bin ich richtig gut in der Schule, vor allem im Kopfrechnen. Außerdem ist mein Gedächtnis seitdem klasse. Vielleicht haben die Ärzte bei der OP Super-Gehirnzellen in meinen Kopf gepackt? Seit ich blind bin, kann ich prima hören. Wenn meine Eltern im anderen Stockwerk flüstern, verstehe ich jedes Wort.

Jakob hat gelernt, mit den Fingern zu lesen: Er ertastet Punkte, die in Brailleschrift in Papier gestanzt sind.

Jakob hat gelernt, mit den Fingern zu lesen: Er ertastet Punkte, die in Brailleschrift in Papier gestanzt sind.

Foto: Gaby Gerster / DEIN SPIEGEL
Hausaufgaben macht Jakob an seinem Laptop mit Vorlesefunktion.

Hausaufgaben macht Jakob an seinem Laptop mit Vorlesefunktion.

Foto: Gaby Gerster / DEIN SPIEGEL

In unserem Dorf kenne ich jede Abzweigung. In Großstädten ist das schwieriger. An fremden Orten halte ich mich mit einer Hand an meiner Mama oder meinem Papa fest. Mit der anderen umfasse ich meinen Blindenstock. Ich habe drei davon. Mein Lieblingsstock heißt Olli. Beim Laufen bewege ich den Stock von links nach rechts über den Boden. So merke ich, wenn ein Hindernis vor mir ist. Unsere beiden Hunde haben leider keine Blindenhund-Ausbildung. Dafür kann man prima mit ihnen kuscheln.

Ich bin froh, dass ich nicht von Geburt an blind war. So weiß ich, wie meine Eltern aussehen oder wie schön Farben sind. Inzwischen ist ein kleiner Teil meiner Sehkraft zurückgekehrt. Wenn ich Gegenstände nah vor mein Gesicht halte, kann ich sie erahnen. Mit meinem linken Auge kann ich helle und dunkle Umrisse sehen. Rechts habe ich etwa drei Prozent Sehkraft, aber nur durch einen kleinen Ausschnitt. Ich sehe die Welt wie durch das Loch einer Küchenrolle.

Ich glaube, viele wissen nicht, wie das Leben eines Blinden ist. Deshalb kam ich vor etwa einem Jahr auf die Idee, Erklär­videos auf Social Media hochzuladen. Ich musste meine Eltern erst überreden, dann stimmten sie zu. Inzwischen kümmern sie sich um die Kommentare und filmen mich mit dem Handy.

In seinen Instagram-Clips zeigt Jakob auch Trampolin-Tricks.

In seinen Instagram-Clips zeigt Jakob auch Trampolin-Tricks.

Foto: Gaby Gerster / DEIN SPIEGEL

Meine Videos sind schnell im Kasten, Versprecher bleiben drin. Ich starte jedes Mal mit dem Satz: »Hallo, hier ist wieder euer Blindfisch Jakob.« Einmal schrieb jemand, das sei eine Beleidigung. Derjenige hat meinen Humor wohl nicht verstanden. Ich antwortete: Blindfisch ist keine Beleidigung, sondern ein Tier. Die Fische leben in der Tiefsee und brauchen keine Augen, weil es dort unten sowieso dunkel ist.

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Am erfolgreichsten ist mein Ampel-Video. Darin erkläre ich, wie ich eine Straße überquere und wofür der Knopf an der Unterseite der gelben Ampelkästen ist: Auf ihm ist ein Pfeil, der zeigt, in welche Richtung der Fußgängerübergang ist. Das Video ging viral. Einige Zeit später kontaktierte mich eine Firma, die Ampeln herstellt, und lud mich zu einer Messe ein. Dass so etwas passieren kann, ist das Aufregende an Social Media. Inzwischen folgen mir mehr als 34.000 Menschen. So viele wie in ein Fußballstadion passen – verrückt, oder? Ich weiß, dass Leute im Internet fiese Dinge schreiben. Aber die meisten Kommentare unter meinen Videos sind lieb, ich kriege viele bestärkende Nachrichten.

Ich muss immer noch Medikamente nehmen und werde regelmäßig im Krankenhaus durchgecheckt. Die Ärzte kontrollieren den Teil meines Gehirns, wo der Tumor war. Vielleicht werde ich in Zukunft etwas mehr sehen können. Ich versuche, positiv durchs Leben zu gehen. Negatives Denken bringt nichts.

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Foto: DEIN SPIEGEL

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