Seine öffentlich gewordenen Übergriffe hatten der #MeToo-Bewegung den Anstoß gegeben. Seit 2017 haben ihn mehr als 80 Frauen der Taten beschuldigt . Harvey Weinstein stand sowohl in Los Angeles als auch in New York vor Gericht. Zurzeit sitzt er in Rikers Island in New York ein. Die Anstalt gilt als größter Gefängniskomplex der Welt, die Zustände dort sollen katastrophal sein.
An diesem Ort hat Weinstein, 73, nun sein erstes großes Interview hinter Gittern gegeben. Eine Stunde stellte er sich den Fragen des Branchenmagazins »Hollywood Reporter« , die Gefängnisleitung hatte die Gesprächszeit strikt limitiert. Den Reporter hatte Weinstein schon in seiner aktiven Zeit als Produzent mehrmals getroffen.
Weinstein wird im Rollstuhl in den Raum gefahren, in dem das Interview stattfindet. Er trägt einen gelben Gefängnis-Jumpsuit und sieht sehr viel dünner und grauer aus, als der Reporter ihn erinnert. Das Interview wurde schon Ende Januar geführt; Weinstein gibt es nur unter der Bedingung, dass es aus verfahrenstechnischen Gründen zu einem späteren Zeitpunkt publiziert wird. Trotz der erdrückenden Beweislast sagt er seinem Gegenüber: »Es wird bewiesen werden, dass ich unschuldig bin. Das verspreche ich dir.«
Immer wieder blitzt in alter Filmmogulmanier der Größenwahn bei Weinstein auf. Etwa als er darauf pocht, was für eine unendliche Gnade es für den Journalisten sei, dass er ihm dieses Treffen gewährt. »Ich geb dir das Interview fucking weltexklusiv. Oprah bettelte mich an, es ihr zu geben.« Oprah ist die US-Starmoderatorin Oprah Winfrey, bei der prominente Amerikaner in der Regel auftreten, wenn sie Dinge zurechtrücken wollen oder ihre Läuterung kundzutun versuchen.
Trotz dieser Ausbrüche von Geltungsdrang wird das Gespräch über weite Strecken von Weinerlichkeit geprägt. Vor allem die Haftbedingungen in Rikers Island setzten Weinstein angeblich zu. Er lebe hier weitgehend in Isolation. Einmal am Tag lasse er sich im Rollstuhl für eine halbe Stunde auf den Hof schieben. Da bettelten ihn die anderen Häftlinge dann regelmäßig an, etwa um Geld oder um Anwaltskontakte.
Fast sämtliche Kontakte sind abgerissen
Mehrmals spricht Weinstein von Freunden, die ihn besuchten. Insgesamt aber hat sich offenbar das gesamte familiäre und berufliche Umfeld von ihm abgewandt. Mit seinem Bruder liegt er im Krieg, man wirft sich gegenseitig vor, die gemeinsame Firma Miramax zerstört zu haben, mit der die beiden Kinohits wie »Pulp Fiction« und »Gangs of New York« produziert haben. Auch seine Ex-Frau habe den Kontakt abgebrochen, lasse ihn aber immerhin die gemeinsamen Kinder sehen. Zwei seiner Töchter aus anderen Beziehungen hätten indes ihre Namen geändert und rigoros den Kontakt abgebrochen.
Weinstein bei einer Gerichtsverhandlung 2021: »Oprah bettelte mich an.«
Foto: Etienne Laurent / APImmer wieder versucht er im Interview, die Deutungshoheit zu gewinnen. Er gibt zu, dass er sich bei seiner Annäherung an Frauen aufdringlich verhalten habe. Er gibt zu, dass er seine Mitarbeiter anwies, solche gescheiterten Versuche zu vertuschen. Aber er habe sich keiner der Frauen gegenüber sexuell übergriffig verhalten.
Als ihn der Reporter auf die Masse an Anschuldigungen anspricht, in denen das immer gleiche Muster von Übergriffen beschrieben wird, wiegelt Weinstein ab. Es gehe bei den Anschuldigungen nur ums Geld. Viele der Frauen, die ihn beschuldigten, seien mit einem »Check« nach Hause gegangen. Mal hätten sie 500.000 Dollar bekommen, mal drei Millionen.
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Der Journalist konfrontiert ihn mit einer Vielzahl von Vorwürfen, immer wiegelt Weinstein ab und droht mit juristischen Gegenschlägen gegen seine Kontrahenten. Etwa im Fall des neuseeländischen Starregisseurs Peter Jackson. Der hatte verbreitet, dass ihn Weinstein angewiesen habe, für eine Produktion aus dem »Herr der Ringe«-Kosmos mit der Schauspielerin Ashley Judd zusammenzuarbeiten. Judd war eine der ersten Frauen, die Weinstein öffentlich sexuelle Belästigung vorgeworfen hatte und hatte ihn 2018 verklagt.
Damit konfrontiert wütet Weinstein: »Peter Jackson ist der Schlimmste. Es ist eine fucking Lüge.« Falls Jackson die Behauptung wiederhole, wolle er ihn verklagen.
Insgesamt erweckt der Auftritt des einst mächtigen Filmproduzenten den Eindruck, als lebe er in einer ganz eigenen Realität. Sogar eine Rückkehr ins Geschäft scheint für Weinstein nicht ausgeschlossen.
An einer Stelle des Interviews beschreibt er, wie er seine Tage auf Rikers Island verbringt. Er leihe sich Filme für 4,95 Dollar aus und schaue sie auf einem Tablet. Zuletzt habe er dort die Tragikomödie »Ballad of Wallis Island« gesehen, ausgerechnet ein Inselfilm. Er sei begeistert gewesen. Weinstein: »Ich wünschte, ich hätte die Chance gehabt, ihn zu vermarkten.«
