Der Jubel in Berlin-Neukölln hat ein Ende. Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus fuhr die Linke hier einen starken Sieg ein, holte mit 32 Prozent doppelt so viele Stimmen wie die zweitplatzierte CDU. Doch auf der Wahlparty erschienen ungebetene Gäste – beide mit Bezug zum Neuköllner Bundestagsabgeordneten der Linken, Ferat Koçak.
Nun stellt sich die Linkenfraktionsspitze hinter ihren Genossen – und zeigt ihm zugleich Grenzen auf.
»Bis auf Weiteres, bis volle Transparenz hergestellt wird«, so der Fraktionsvorsitzende Sören Pellmann in Berlin, werde sich Koçak zurückziehen. Dann werde »solidarisch besprochen«, welche Konsequenzen folgen sollen. Man glaube bisher seinen Aussagen, »bis anderes gegebenenfalls zutage kommt«. Die Co-Vorsitzende Heidi Reichinnek ergänzt, Koçak habe sehr deutlich bekannt, dass es in der Linken keinen Platz für Terrorverherrlichung und Gewalt gebe. »Wir glauben ihm da«, so Reichinnek.
Erst mal keine öffentlichen Auftritte
Was war passiert?
Im Zuge der Neuköllner Wahlparty gab es gleich zwei Vorfälle, die mit dem Linken-Bundestagsmitglied zusammenhängen.
Zum einen besuchte Issa Rammo, Anführer des Rammo-Clans, am Sonntagabend die Linken-Party. Er wurde rasch wieder des Ortes verwiesen, die Linke distanzierte sich. Doch schon am Montag teilte sein Sohn einen Chatverlauf, den er mit Koçak geführt hatte. Der Austausch lässt auf Vertrautheit schließen, Koçak nannte das am Montagabend einen »Fehler«. Er habe zunächst »keine Kenntnis« davon gehabt, um wen es sich handelt. »Kontakte von Mandatsträgern zu Personen, die der Organisierten Kriminalität zugerechnet werden«, seien »durch nichts zu rechtfertigen«.
Zum anderen posierte Koçak auf der Neuköllner Wahlparty mit dem Terrorunterstützer Ibrahim Ibrahim , dem Nähe zur Hamas nachgesagt wird. Koçak erklärte später, er habe mit Hunderten Personen Fotos gemacht. »Selbstverständlich« distanziere er sich von gewalt- oder terrorverherrlichenden Aussagen jeglicher Art, wie sie von Ibrahim Ibrahim bekannt sind.
Reichinnek und Pellmann solidarisieren sich nun mit Koçak, betonen, dass sie ihm glauben, wenn er sagt, er distanziere sich. Entsprechend soll er sein Bundestagsmandat behalten, bis vollumfänglich aufgeklärt ist, ob er tatsächlich Verbindungen zu propalästinensischen Akteuren einerseits und Mitgliedern des Rammo-Clans andererseits hat.
Allerdings gibt es Einschränkungen. So zieht sich Koçak nach eigenen Angaben erst mal zurück, soll heißen, er absolviert keine öffentlichen Auftritte. Zugleich erklärte Pellmann, dass Koçak trotz aktiven Mandats mindestens eine Abgeordnetentätigkeit ruhen lässt: die Mitgliedschaft im Innenausschuss.
Der Sitz dort ist besonders delikat. Im Ausschuss geht es um sicherheitsrelevante Fragen, Abgeordnete erhalten Zugang zu sensiblen Informationen.
»Ich kann nicht mehr an Naivität glauben«
Nicht alle in der Linken geben sich so verständnisvoll wie Reichinnek und Pellmann. Das Linken-Urgestein Petra Pau ging auf X hart mit Koçak ins Gericht. Pau saß 27 Jahre für die Linke im Bundestag, war Vizefraktionsvorsitzende und zuletzt Bundestagsvizepräsidentin. Wie 2025 Koçak war auch sie einst über ein Berliner Direktmandat ins Parlament gekommen.
»Mir reicht es langsam«, schrieb sie öffentlich an Koçak. »Als MdB hast Du eine Verantwortung, ich kann nicht mehr an Naivität glauben.« Statt sich Zeit zu nehmen, solle er Verantwortung übernehmen, fordert Pau. Ein Jahr lang habe sie sich nun seine Arbeit angesehen, er erwirke nichts im Kampf gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus oder Antiziganismus. »Wer macht eigentlich endlich die Arbeit?«, fragt Pau.
Andere in der Linken verteidigen Koçak, bezeichnen die kritische Berichterstattung gegen ihn nun als »Hetze«. Vor allem das propalästinensische Netzwerk innerhalb der Partei redet das Problem klein.
Issa Rammo gilt als Kopf der Großfamilie Rammo, die in den Achtzigerjahren aus dem Libanon nach Berlin kam und für erhebliche Straftaten verantwortlich gemacht wird.
Grünenfraktionschefin Katharina Dröge hatte Reichinnek am Dienstag bereits nahegelegt, ihren Fraktionskollegen auszuschließen. Koçak habe wiederholt an Veranstaltungen teilgenommen, bei denen Menschen aufgetreten seien, bei denen von vornherein klar gewesen sei, »dass sie Terror verherrlichen, wo von vornherein klar war, dass sie das Existenzrecht Israels infrage stellen, von vornherein klar war, wie antisemitisch sie sind«, sagte Dröge. Die Distanzierungen Koçaks hält sie für unglaubwürdig.
Ähnlich äußerte sich Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir. »Wer in diesen Fragen nicht klar ist, darf in Deutschland nicht in die Nähe der Macht kommen«, so der Grüne. Er erwarte, dass sich die Linke in Berlin nicht nur mit frommen Worten vom Antisemitismus lossage. Maßstab sei für ihn, dass die jüdische Gemeinde der Partei das abnehme. »Das heißt auch notfalls, dass sie Leute rauswerfen müssen.«
Weiter hoffen auf Sondierungsgespräche
Die Aussagen Dröges und Özdemirs dürften auch mit Blick auf mögliche Sondierungsgespräche zwischen Linken und Grünen in Berlin wichtig werden. Reichinnek will den Fall Koçak vom Wahlsieg der Berliner Linken entkoppeln. »Wir sehen, was passiert, wir arbeiten es kritisch auf«, sagte sie in Berlin. Aber es gehe auch darum, was die Menschen in Berlin gewählt hätten. »Sie wollen einen Politikwechsel«, so Reichinnek. Die Regierungsbildung dürfe nicht von dem Fall überschattet werden.
Allerdings ist es nicht das erste Mal, dass der 47-jährige Koçak unangenehm auffällt. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt aktuell wegen Urkundenfälschung gegen ihn , nachdem Koçak für ein Videoprojekt einen gefälschten Abgeordnetenausweis hergestellt hat. Im Netz provoziert er zudem regelmäßig mit krawalligen Auftritten und bestreitet etwa das Existenzrecht Israels. Unter anderem posiert er mit dem israelfeindlichen Rapper »Dahabflex« in einem Video vor dem Reichstagsgebäude. »Wir lassen Faschos brennen«, singt der Rapper, Koçak reckt den Mittelfinger in die Kamera.
Derartige Videodrehs dürfte es nun erst mal nicht geben.
