Die Zahl der Baugenehmigungen für Wohnungen in Deutschland ist im ersten Halbjahr so stark gestiegen wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Sie nahm um 15,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 126.300 zu, wie das Statistische Bundesamt mitteilte.
Das sei das größte Plus für diesen Zeitraum seit 2016. »Allerdings erfolgte der aktuelle Anstieg vom niedrigen Niveau der ersten sechs Monate der Jahre 2024 und 2025«, fügten die Statistiker hinzu.
Die Baubranche war nach einem starken Zins- und Kostenanstieg infolge des Ukrainekriegs in eine tiefe Krise gerutscht. Private Bauherren konnten sich die eigenen vier Wände nicht mehr leisten, Investoren legten Pläne auf Eis. Damit stieg der Druck auf die Wohnungsmärkte vor allem in Städten, wo die Mieten Ende 2025 um gut vier Prozent stiegen – doppelt so stark wie die Inflation.
Bauindustrie weiter skeptisch
Auf den ersten Blick scheint die Talsohle überschritten. »Der Wohnungsbau kommt zurück«, sagte Bundesbauministerin Verena Hubertz. Der Bauturbo nehme Fahrt auf, Förderprogramme würden breit angenommen und das Baugesetzbuch reformiert. Die SPD-Politikerin betonte aber auch: »Wir kommen von einem niedrigen Niveau, und wir sind noch längst nicht dort, wo dieses Land beim Wohnungsbau stehen muss.« Deshalb werde mit einem massiven Mitteleinsatz für den Sozialbau, dem weiteren Abbau von Bürokratie und der Gründung einer Wohnungsbaugesellschaft des Bundes für mehr bezahlbaren Wohnraum nachgelegt.
Einige große Probleme belasten die Branche aber weiter. Die deutschen Wohnungsbauer haben jüngst gar einen Anstieg an stornierten Projekten berichtet, wie das Münchner Ifo-Institut unter Berufung auf seine regelmäßigen Umfragen mitteilte. Der Anteil habe sich im Juli auf 13,1 Prozent erhöht, nach 11,4 Prozent im Vormonat. »Das zeigt, wie fragil die Erholung im Wohnungsbau weiterhin ist«, sagte der Chef der Ifo-Umfragen, Klaus Wohlrabe. Ifo-Prognosen zufolge dürften in diesem Jahr nur 185.000 Wohnungen fertiggestellt werden – ein 15-Jahres-Tief. Der Irankrieg und die anziehende Bauinflation dürften Projektentwickler und Häuslebauer belasten.
Auch Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Bauindustrie, ist trotz der steigenden Baugenehmigungen weiter skeptisch »Die Auftragseingänge bleiben fragil, was zeigt, dass immer noch wenig gebaut wird«, sagte er. »Hohe Zinsen und Baukosten halten den Wohnungsbau weiter im Würgegriff.« Die Wohnkrise halte seit bereits mehr als fünf Jahren an.
»Angesichts des hohen Bedarfs wird die Wohnraumknappheit auch eines der wichtigsten Themen in den kommenden Landtagswahlen werden«, prognostizierte Müller. Schätzungen von Experten zufolge werden in Deutschland rund 1,4 Millionen Wohnungen zusätzlich benötigt. Um diese Lücke zu schließen sprach sich Müller für stärkeren Neubau, Nachverdichtung und Aufstockung aus. »Eine schärfere Mietenregulierung oder Vergesellschaftungsfantasien schaffen dagegen nur neue Unsicherheiten für öffentliche und private Wohnungsunternehmen, aber keinen neuen Wohnraum.«
Dieses Thema sorgt vor allem vor der Abgeordnetenhaus-Wahl im September in Berlin weiter für Diskussionen. Dort hatte sich die Bevölkerung 2021 im Volksentscheid »Deutsche Wohnen & Co enteignen« unter bestimmten Bedingungen für die Vergesellschaftung von Immobilienkonzernen ausgesprochen. Die Bundesregierung hat allerdings kürzlich angekündigt, solche auf Länderebene bestehenden Möglichkeiten verbieten zu wollen.
Unter den Bauten, für die zuletzt mehr Genehmigungen erteilt worden sind, waren im ersten Halbjahr 103.100 Wohnungen in neu errichtenden Wohngebäuden. Das waren 15,8 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Dabei stieg die Zahl der Baugenehmigungen für Einfamilienhäuser um 12,7 Prozent auf 24.000. Bei den Zweifamilienhäusern nahm die Zahl um 27,3 Prozent auf 7700 zu. In Mehrfamilienhäusern, der zahlenmäßig stärksten Gebäudeart, genehmigten die Bauaufsichtsbehörden 67.000 Neubauwohnungen. Das war ein Anstieg um 16,9 Prozent.
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