SpOn 12.05.2026
20:11 Uhr

Demokratie in der Krise: Ruprecht Polenz über AfD, CDU und sein Kinderbuch


Politik-Influencer Ruprecht Polenz ist bekannt für seine Kritik an der AfD, aber auch an der eigenen Partei. Hier sagt er, warum Streiten wichtig ist und Schüler unbedingt als Klassensprecher kandidieren sollten.

Demokratie in der Krise: Ruprecht Polenz über AfD, CDU und sein Kinderbuch

DEIN SPIEGEL: Ihre Familie ist 1952 aus der DDR nach Westdeutschland geflohen, da waren Sie gerade mal sechs Jahre alt. Welche Erinnerungen haben Sie an die DDR?

Polenz: Anfang der Fünfzigerjahre war es in der DDR verboten, Radiosendungen aus dem Westen zu hören. Wir haben das trotzdem gemacht. Ich erinnere mich noch, wie wir das Karl-May-Hörspiel »Schatz im Silbersee«, das wir aus dem Westradio kannten, auf der Straße nachgespielt haben. Einer war der böse Santer, der andere Old Shatterhand. Das bekam meine Mutter mit und wurde blass um die Nase. Sie hat mich rein­geholt und mir erklärt, dass ich das nicht machen darf. Dieses Gefühl, sich auf der Straße nicht so verhalten zu können wie zu Hause – das hat sich mir eingeprägt.

DEIN SPIEGEL

»Wir müssen unsere Demokratie schützen«, diesen Satz hört man in letzter Zeit immer häufiger. Aber was ist eigentlich eine Demokratie? Und wovor sollte man sie wie schützen? Eine Demokratieforscherin, ein Bürgermeister, eine Demoschild-Influencerin, ein ehemaliger Bundestagsabgeordneter und eine Klassensprecherin liefern Antworten – in der neuen Ausgabe von DEIN SPIEGEL, dem Nachrichten-Magazin für Kinder. Außerdem im Heft: wie ein Klavierbauer arbeitet. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:

DEIN SPIEGEL: Ihre Kindheit ist nun schon eine Weile her. Sie haben selbst vier Kinder und zehn Enkel. Für die haben Sie im vergangenen Jahr ein Buch veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Polenz: Meine Kinder haben zu mir gesagt: Du musst den Enkeln Demokratie erklären. Ich musste zunächst an die bekannte Fabel »Farm der Tiere« von George Orwell denken.

DEIN SPIEGEL: Darin geht es um einen Bauernhof, auf dem die Tiere das Sagen haben. Eigentlich sollen alle mitbestimmen können, aber am Ende reißen die Schweine immer mehr Macht an sich.

Polenz: Genau. Ich habe dann überlegt: Was müsste passieren, damit die Geschichte von der »Farm der Tiere« ein gutes Ende nimmt? In meinem Buch ist die Ausgangslage so: Der Bauer stirbt, und die stärkeren Tiere machen, was sie wollen. Die schwächeren Tiere sind damit nicht einverstanden. Sie überlegen sich, welche Regeln in Zukunft gelten sollten.

Zur Person
Foto:

Markus Wissmann / Zoonar / IMAGO

Ruprecht Polenz, geboren 1946, saß von 1994 bis 2013 für die CDU im Bundestag. Von April bis November 2000 war er Generalsekretär der CDU. Mittlerweile setzt er sich als Politik-Influencer und Buchautor für die Demokratie ein. 2024 erschien »Tu was! Kurze Anleitung zur Verteidigung der Demokratie«. 2025 veröffentlichte er das Kinderbuch »Wer bestimmt auf unserem Hof?«.

DEIN SPIEGEL: In dem Buch schreiben Sie: »Jeder und jede von uns hat zwei Wölfe in der Brust, die miteinander kämpfen. Einen guten und einen bösen Wolf.« Was meinen Sie damit?

Polenz: Wir alle haben schlechte Eigenschaften. Jeder und jede von uns ist mal neidisch oder gierig. Wir können aber auch alle großzügig und hilfsbereit sein. Nun gibt es eine Partei – die AfD –, die insbesondere unsere schlechten Eigenschaften anspricht und verstärkt. Sie macht Zugewanderte zu Sündenböcken. Sie sagt: Weil die mehr haben, geht es dir schlecht. Meiner Meinung nach ist ein großer Teil des AfD-Erfolgs darauf zurückzuführen.

DEIN SPIEGEL: Immer wird von der sogenannten Brandmauer gesprochen. Damit ist gemeint, dass es keine Zusammen­arbeit zwischen der CDU und der AfD geben soll. Was halten Sie davon?

Polenz: Ich denke, wir sollten erst mal darüber sprechen, warum die AfD gefährlich ist. Also – um in dem Bild mit der Brand­mauer zu bleiben – über das Feuer. Die AfD achtet nicht die Würde aller Menschen. Migran­tinnen und Migranten oder Menschen mit Behinderung sind aus ihrer Sicht weniger wert. Hinzu kommt: Das, was Trump in den USA macht – nämlich die Demokratie aushöhlen und ganz viele Leute auf brutale Weise abschieben –, will die AfD auch in Deutschland machen. Und sie steht an der Seite Putins im Angriffskrieg gegen die Ukraine.

DEIN SPIEGEL: Also sollte man nicht mit der AfD zusammenarbeiten?

Polenz: Man darf mit dieser Partei keine ge­meinsamen Sachen machen, man muss sie politisch ausgrenzen. Leider wird auf der kommunalen Ebene – also bei den Entscheidungen, die Städte und Landkreise treffen – öfter mal ein Auge zugedrückt. In Greifswald hat die CDU etwa einem AfD-Antrag zu­gestimmt. Das ist nicht in Ordnung.

DEIN SPIEGEL: Was sollte Ihre Partei stattdessen tun?

Polenz: Es gewinnt derjenige den Wahlkampf, dessen Themen diskutiert werden. Wenn Carsten Linnemann aus meiner Partei auf die Frage nach den drei wich­tigsten politischen Themen antwortet: Migration, Migration, Migration – dann halte ich das für falsch. Wenn man Zuwanderung nur als Problem darstellt und das zum wichtigsten Thema macht, hilft das der AfD. Wichtiger wäre es, über drängendere Probleme zu sprechen. Die deutsche Bevölkerung wird immer älter. Wir müssen daher unser Rentensystem anpassen. Wie kann das gelingen? Was bedeuten die Kriege von Trump und Putin für uns? Darüber müssten wir mehr diskutieren, und dann würde deutlich, dass die AfD dazu gar nichts zu bieten hat.

DEIN SPIEGEL: Welche Gefahren sehen Sie noch für die Demokratie?

Polenz: In einer Demokratie gehört Streit dazu. Aber: Wenn die Menschen unter den gleichen Begriffen nicht mehr das Gleiche verstehen – dann wird es schwierig. Man kann nicht mit jemandem übers Wetter diskutieren, der sagt: Der Himmel ist grün. Ich erlebe das auch in persönlichen Begegnungen, wie Menschen die Fakten verdrehen. Aber es ist leider auch tagtäglich auf Social-Media-Plattformen zu beobachten.

DEIN SPIEGEL: Sie sind sehr aktiv auf X. Die Plattform steht in der Kritik, weil dort viele Falschinformationen und Hetze verbreitet werden. Warum sind Sie noch da?

Polenz: X wirkt zerstörerisch auf die Demokratie, das stimmt. Aber die öffentliche Meinung wird dort beeinflusst. Deswegen beiße ich in den sauren Apfel, gehe dorthin und like die Beiträge, die ich wichtig finde. Mit einem Like verschaffe ich dem Beitrag etwa 100 Views und mit einem Teilen über 1000 Views mehr.

Angestellte der Blohm-&-Voss-Werft versammeln sich zum Stapellauf des Schulschiffs »Horst Wessel« und machen den Hitlergruß. Ein Arbeiter (oben rechts) verweigert die Geste. Ein Zeichen des Widerstands.

Angestellte der Blohm-&-Voss-Werft versammeln sich zum Stapellauf des Schulschiffs »Horst Wessel« und machen den Hitlergruß. Ein Arbeiter (oben rechts) verweigert die Geste. Ein Zeichen des Widerstands.

Foto: Scherl / SZ Photo / picture alliance

DEIN SPIEGEL: Sie gehen öfter in Schulklassen. Was geben sie den Schülerinnen und Schülern mit?

Polenz: Demokratie braucht Mut. Damit meine ich einerseits Zivilcourage. Das lässt sich zum Beispiel anhand eines berühmten Fotos erklären. Darauf zeigen alle Menschen den Hitlergruß. Nur einer lässt den Arm unten. Scheinbar eine Kleinigkeit, aber in Wahrheit wahnsinnig mutig. Es ist wichtig, auch gegen eine Mehrheit für seine Überzeugung einzustehen. Und noch etwas anderes erfordert Mut: die Klassensprecherwahl. Ich frage in den Schulklassen immer nach, wer alles bei der letzten Wahl kandidiert hat. Da gehen oft zehn Hände hoch. Aber es werden ja nur zwei gewählt. Es macht überhaupt nichts, wenn man verliert, sage ich den Schülerinnen und Schülern. Auch das gehört zur Demokratie dazu.

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Foto: DEIN SPIEGEL

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