SpOn 04.10.2026
02:17 Uhr

Cornell University: Uni-Präsident bricht Schweigen zu mutmaßlicher Gruppenvergewaltigung


»Jane Doe« wirft sieben Kommilitonen vor, sie in einem Verbindungshaus an der US-Eliteuni Cornell vergewaltigt zu haben. Der Fall sorgt für großes Aufsehen. Mit einem achtminütigen Video wendet sich nun der Unipräsident an die Gemeinschaft.

Cornell University: Uni-Präsident bricht Schweigen zu mutmaßlicher Gruppenvergewaltigung

Der Präsident der Cornell University, Michael Kotlikoff, hat die mutmaßliche Gruppenvergewaltigung einer Studentin in einem Verbindungshaus im Jahr 2024 als »zutiefst beunruhigend« bezeichnet. Der Fall werde die Universität noch über Jahre hinweg belasten, sagte er in einer achtminütigen Videobotschaft  an die Cornell-Gemeinschaft.

Die vergangene Woche sei eine der schwierigsten in der Geschichte der Universität gewesen, so Kotlikoff. Und: »Es schmerzt mich zutiefst, wenn ich daran denke, was sie durchgemacht hat.«

Screenshot aus der Videobotschaft von Unipräsident Kotlikoff: »Wir haben nicht alle Antworten«

Screenshot aus der Videobotschaft von Unipräsident Kotlikoff: »Wir haben nicht alle Antworten«

Foto: Screenshot / Cornell University

Damit bezog sich Kotlikoff auf eine ehemalige Studentin der Universität, die nur unter dem Pseudonym »Jane Doe« bekannt ist. Sie wirft sieben Männern vor, sie im Oktober 2024 unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen sexuell missbraucht zu haben. Zu der Massenvergewaltigung soll es im Verbindungshaus von Chi Phi auf dem Campus der Cornell-Universität in Ithaca im US-Bundesstaat New York gekommen sein. Strafrechtlich verfolgt wurde damals niemand.

Nach einer neuen Zivilklage wird der Fall nun aber erneut untersucht – und sorgt in den USA und darüber hinaus für Fassungslosigkeit (mehr Hintergründe können Sie hier nachlesen ).

Mutmaßliche sexualisierte Gewalt an der Cornell Universität: »Es kann durchaus sein, dass die Männer straffrei davonkommen«
2 Min

Der Fall werfe »herzzerreißende und beunruhigende Fragen zu sexuellen Übergriffen, Entmenschlichung sowie zu Aspekten der Partykultur, des Alkohol- und Drogenkonsums auf«, sagte Kotlikoff in seiner Videobotschaft. Er sei überzeugt davon, dass »wir als Verwaltung und als Gemeinschaft es besser machen müssen«.

Der Unipräsident sagte auch, er unterstütze die Entscheidung der Gouverneurin von New York, Kathy Hochul, die strafrechtlichen Ermittlungen an die Generalstaatsanwältin von New York zu übergeben (mehr dazu hier). Kotlikoff räumte ein, dass die Universität nicht alle Antworten habe und »besser handeln« müsse, um künftige sexuelle Gewalt in der Gemeinschaft zu verhindern.

In den vergangenen Tagen hatte die Kritik an Kotlikoff massiv zugenommen. Hochul wurde am Freitag auf einer Pressekonferenz gefragt, ob sie der Meinung sei, dass er wegen des Umgangs der Universität mit dem Fall zurücktreten sollte; sie lehnte es jedoch ab, Stellung zu beziehen, und erklärte, sie verfüge noch nicht über genügend Informationen.

Die Gouverneurin von New York, Kathy Hochul (l.) mit der Generalstaatsanwältin des Bundesstaates, Letitia James – sie wurde als Sonderermittlerin für den Fall eingesetzt

Die Gouverneurin von New York, Kathy Hochul (l.) mit der Generalstaatsanwältin des Bundesstaates, Letitia James – sie wurde als Sonderermittlerin für den Fall eingesetzt

Foto:

Yuki Iwamura / AP

In dem Video fordert der Unipräsident eine »ernsthafte Auseinandersetzung mit der Rolle von Studierendenverbindungen im Campusleben«. Die Verbindungen könnten den Studierenden zwar Freundschaften, Mentoring und ein Zugehörigkeitsgefühl bieten. Sie müssten jedoch auch eine Kultur der individuellen Verantwortung und Rechenschaftspflicht fördern: »Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe darf niemals die individuelle Verantwortung für unser eigenes Handeln schmälern, für den Umgang mit anderen oder dafür, dass wir unsere Stimme erheben, wenn jemand in Gefahr sein könnte.«

Cornell ist eine private Universität und gehört zur sogenannten Ivy League, einer Gruppe renommierter Eliteuniversitäten im Nordosten der USA. Die Cornell-Gruppe der Verbindung Chi Phi wurde bereits 2024 aufgelöst und hat weiterhin keinen Zutritt zum Campus, wie es auf der Website der Universität heißt. Das sei die Folge einer über mehrere Monate laufenden Untersuchung gewesen, hieß es. Zudem seien Exmatrikulationen und Suspendierungen verhängt worden. Gegen wen sich diese richten, teilte die Universität nicht mit. Die Behauptung, den Beschuldigten sei als Strafe bloß das Schreiben eines Aufsatzes auferlegt worden, wies die Universität als falsch zurück.

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Dass der Fall die Justiz nun wieder beschäftigt, liegt an der Zivilklage, die »Jane Doe« im September eingereicht hat. Anschließend verbreitete sich der Fall über soziale Medien und wurde von nationalen US-Medien aufgegriffen. Aufsehen erregt der Fall zum einen wegen der schockierenden Details – etwa die vulgären Nachrichten  in der Snapchat-Gruppe der Verbindungsmitglieder – und weil er bisher keine strafrechtlichen Konsequenzen nach sich zog. Dabei gerieten vor allem die lokalen Behörden in die Kritik.

Zugleich trifft der Fall auf eine seit Jahren geführte Debatte über sexualisierte Gewalt an US-Hochschulen und die Rolle von Studierendenverbindungen. »Diese Männer haben in einem Gruppenchat darüber geschrieben«, sagte etwa die New Yorker Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez. Die Demokratin nannte den Fall ein Beispiel für »Vergewaltigungskultur«: »Das bedeutet, dass es für sie normal war.«

Gruppenvergewaltigung, Drogen, Verbindungspartys – und eine Strafrechtsklausel, die Täter schützt. Mehr dazu, was der Fall »Jane Doe« über Amerikas Campuskultur verrät, erfahren Sie hier .

aar/AP/dpa