Nach einer beeindruckenden Aufholjagd haben die Grünen mit Cem Özdemir an der Spitze die Landtagswahlen in Baden-Württemberg gewonnen. Dass er sich dabei häufig von der Bundespartei distanzierte, missfällt dort offenbar niemandem. Der grüne Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour schätzt Özdemirs Weg sogar als wiederholenswert ein, wie er dem »Redaktionsnetzwerk Deutschland« (RND) sagte.
Die Wahl sei »eine Blaupause, wie Bündnisgrüne auch bundesweit wieder breiter mehrheitsfähig werden können«, so Nouripour. »Wir müssen dabei nicht überall gleich klingen. Unterschiedliche Bundesländer, Milieus und Lebensrealitäten vertragen auch unterschiedliche Tonlagen und Schwerpunkte.«
Nouripour: Özdemirs Stil könnte Grünen »eine neue Dynamik geben«
Özdemir sei »ein Meisterstück gelungen«, sagte Nouripour weiter, der wie dieser dem Realo-Flügel der Grünen angehört. »Er zeigt, dass grüne Politik Mehrheiten gewinnen kann, wenn sie den Menschen zuhört, sich an ihrer Lebensrealität orientiert und den Platz in der gesellschaftlichen Mitte beansprucht.«
Der Bundestagsvizepräsident sprach von einem Stil, »der auf Vertrauen und Verlässlichkeit setzt und dabei dem eigenen Spitzenpersonal die nötige Beinfreiheit gewährt«. Dieser könne »auch der gesamten Partei eine neue Dynamik geben«.
Vorsitzende loben Ergebnis, Grüne Jugend skeptisch
Grünen-Bundesvorsitzende Franziska Brantner sprach von einem »sensationellen Ergebnis«. Cem Özdemir habe gezeigt, dass man Wahlen aus der Mitte gewinnen könne, das seien gute Nachrichten für den Bund. »Wir können lernen, dass man ambitioniert in den Zielen ist, pragmatisch im Weg, dass wir das Land vor die Partei stellen«, sagte Brantner im Deutschlandfunk.
Co-Chef Felix Banaszak nannte das starke Grünen-Ergebnis auch eine Ansage an Kanzler Friedrich Merz (CDU) und dessen politische »Orientierungslosigkeit«.
Grünen-Bundesvorsitzende Felix Banaszak und Franziska Brantner bei der Wahlparty
Foto:Christoph Soeder / dpa
Etwas kritischere Töne kommen aus der Grünen Jugend. Bei Özdemir bleibe »ein Fragezeichen hängen, ob das am Ende grüne Politik ist«, sagte Grüne-Jugend-Sprecher Louis Bobga am Sonntagabend im Sender n-tv über Özdemir. Die Grüne Jugend kritisierte unter anderem das vermeintliche Festhalten des Spitzenkandidaten am Verbrennerauto und seine Nichtberücksichtigung von Umverteilungsfragen.
Bobga will Palmer nicht in der Landesregierung sehen
»Er kann aber nicht alleine regieren, sondern muss das als Teil dieser Partei machen«, betonte Bobga. Der Grüne-Jugend-Sprecher forderte zudem, dass der umstrittene Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer »keine Rolle« in einer künftigen Landesregierung spielen dürfte. Auch die Bundespartei müsse sich dafür einsetzen, dass Palmer kein Ministeramt bekomme. Der Tübinger Oberbürgermeister war lange bei den Grünen, trat dort aber nach wiederholten heftigen Streitereien aus. Die freundschaftliche Nähe zwischen Özdemir und Palmer befeuerte Spekulationen, dass der Tübinger Teil des künftigen Landeskabinetts werden könnte.
- Landtagswahl in Baden-Württemberg: Warum Özdemir doch noch knapp gewonnen hat Von Ferdinand Holsten, Marcel Pauly, Patrick Stotz und Mascha Zuder
- Landtagswahl in Baden-Württemberg: Özdemir feiert das grüne Wunder Aus Stuttgart berichten Jan Friedmann und Christine Keck
- Hagels größte Fehler: Vor lauter Siegesgewissheit abgeschmiert Eine Analyse von Christine Keck
Özdemir lobte seinen ehemaligen Parteifreund Palmer immer wieder in den höchsten Tönen. Palmer sei für ihn ein »sehr, sehr wichtiger Ratgeber«. Der Tübinger Rathauschef ist ein langjähriger Freund der Familie. Mitte Februar hatte er auch die Trauung Özdemirs und seiner Ehefrau Flavia Zaka im Rathaus vorgenommen.
