Mann:
»Bei der nächsten Sitzung soll er hingerichtet werden!«
Für diesen Mann fordern derzeit viele Menschen in Syrien die Todesstrafe. Atef Najib, ein Cousin des früheren Diktators Baschar al-Assad steht in Syriens Hauptstadt Damaskus vor Gericht.
Dunja Ramadan, DER SPIEGEL:
»Ihm wird vorgeworfen, schwere Menschenrechtsverletzungen begangen zu haben während der Niederschlagung der Proteste in Daraa 2011. Er soll Kinder gefoltert haben, getötet haben. Es gibt sehr viele Anschuldigungen gegen ihn.«
2011 beginnen in Daraa die ersten Demonstrationen gegen die Assad-Diktatur. Najib ist damals Geheimdienstmitarbeiter des Regimes, der wichtigste Mann in der Region Daraa.
Das Regime geht – laut Anklage unter Najibs Befehlen – brutal gegen die Demonstranten vor. Die Proteste breiten sich im ganzen Land aus, Syrien versinkt im Bürgerkrieg. Der endet erst 2024 mit dem Sturz des Assad-Regimes.
Hamza ist ein frühes Opfer dieses Kriegs. 2011 verschwindet er bei einer Demonstration. Mehr als drei Wochen später wird sein Leichnam der Familie übergeben, bis zur Unkenntlichkeit gefoltert.
15 Jahre später verfolgt Hamzas Mutter den Prozess gegen den Mann, der mutmaßlich auch für den Tod ihres Sohns verantwortlich ist, aus der Ferne. Sie will Najib nicht aus nächster Nähe sehen.
Samira al-Hami, Mutter von Hamza:
»Alle Menschen fordern die Todesstrafe für ihn – und nicht nur für ihn allein. Alle, die Verbrechen gegen uns Syrer und unsere Märtyrer begangen haben, müssen ihre gerechte Strafe erhalten.«
Hamzas Grabstein wurde bei einem Luftangriff zerstört – so wie viele Häuser in Daraa. Nach dem Krieg wurden hier Massengräber entdeckt.
Die Wut der Einwohner auf das gestürzte Regime – und auf Najib persönlich – ist und bleibt groß.
Passant:
»Er ist der Grund für die syrische Revolution, er ist der Grund für die Zerstörung von Daraa, er hat die Kinder von Daraa festgenommen, ihnen Grausames angetan und die Frauen von Daraa gedemütigt.«
Dunja Ramadan, DER SPIEGEL:
»Was macht es mit dir, wenn du Atef Najib im Käfig siehst?«
Passant:
»Wir haben uns sehr gefreut.«
Der Prozess in Damaskus ist der erste gegen einen hochrangigen Offiziellen seit dem Sturz des Regimes. Die erste Sitzung Ende April war ausgeartet – mit emotionalen Szenen rund um Najibs Käfig.
Die zweite Sitzung im Mai beobachten viele ungeduldig.
Dunja Ramadan, DER SPIEGEL:
»Bislang wurden keine Zeugen vernommen. Die Angehörigen sind sehr wütend aus dem Gerichtssaal gekommen, weil sie das Gefühl haben, dass alles ihnen zu langsam geht.«
Najib bestreitet alle Vorwürfe, er habe damals nicht die Verantwortung getragen, sei früh abgezogen worden. Wann das Urteil fallen soll, weiß bisher niemand.
Neben Najib sind weitere Offizielle angeklagt, auch Ex-Diktator Baschar al-Assad – in Abwesenheit. Er versteckt sich mutmaßlich im russischen Exil.