Adam Kahane, geboren 1950 in Montreal, ist Mitbegründer von Reos Partners. Die internationale Beratungsfirma ist auf die Entwicklung von Lösungen für komplexe, gesellschaftliche Probleme spezialisiert. Sein Buch »Mit Feinden verhandeln: Wie man mit Menschen zusammenarbeitet, deren Meinung man nicht teilt, die man nicht mag oder denen man nicht vertraut« ist jetzt in einer überarbeiteten Neuauflage auf Deutsch erschienen. Sein Ansatz: Zusammenarbeit, die auf Harmonie und Konsens setzt, ist nicht immer zielführend. Er setzt auf »stretch collaboration«, die Unstimmigkeit, Differenzen und Experimente integriert.
SPIEGEL: Herr Kahane, Sie haben in extremen Konflikten als Vermittler gearbeitet – in Südafrika, Kolumbien, Guatemala. Kann man daraus etwas für die alltägliche Arbeit mit Kollegen und Kunden lernen?
Kahane: Unbedingt. In den außergewöhnlichen Fällen, die ich erlebt habe, sind die Dynamiken in lebhaften, leuchtenden Farben gemalt. Im alltäglichen Leben sind die Farben gedämpfter, also schwerer zu erkennen. Gemeinsam ist: Ein festgefahrener Konflikt wird als normal angesehen.
SPIEGEL: Viele Menschen glauben, dass gute Zusammenarbeit Einigkeit über Ziele, einen klaren Plan und stabile Rollen erfordert. Welche dieser Annahmen erweisen sich in harten Konfliktsituationen als falsch?
Kahane: In Kontexten, in denen die Komplexität und der Konflikt gering sind, funktioniert konventionelle Zusammenarbeit gut. Ein normales Arbeitsteam, eine Sportmannschaft, ein Orchester – dort ist jeder bereit, sich dem gemeinsamen Ziel unterzuordnen. Es ist möglich und sinnvoll, sich über das Problem, die Lösung, den Plan und die Aufgabenverteilung zu einigen. Aber wenn die Komplexität hoch ist, der Konflikt extrem oder sogar beides, kann konventionelle Zusammenarbeit nicht funktionieren. Ein völlig anderer Ansatz ist erforderlich, den ich »stretch collaboration« nenne.
SPIEGEL: Das heißt?
Kahane: Wenn wir mit Menschen zusammenarbeiten, mit denen wir nicht übereinstimmen, die wir nicht mögen oder denen wir nicht vertrauen, brauchen wir andere Wege. Dabei lassen wir Konflikt und Unsicherheit bewusst zu, um gemeinsam neue Lösungen zu erschaffen.
