Mark Behrend ist es gewohnt, den Kurs vorzugeben. Fast vier Jahrzehnte lang fuhr er zur See, zuletzt als Kapitän des Kreuzfahrtschiffs »MS Europa«. Heute, als Ruheständler mit 63, ist sein Haar noch immer leicht verweht, sein Hemd noch immer weiß und frisch gebügelt. Er sieht aus, als hätte er das Kapitänssakko eben erst abgelegt.
Behrend hat sich zusammengetan mit seinem Nachbarn Thomas Schadt, 61. Der leitete einst Flugzeuge durch die Krisen der Welt. Als Flugverkehrsleiter einer großen deutschen Airline war er derjenige, der bei Krieg, Gewitter oder einem ausgefallenen Triebwerk in der Frankfurter Zentrale den kühlen Kopf bewahren musste – und stolz darauf war. Jetzt ist Schadt im Vorruhestand.
Urlaub in der Krise
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Der eine durchkreuzt nicht mehr Atlantik oder Ägäis, der andere rettet keine Passagiermaschinen mehr aus Turbulenzen. Sie haben eine neue Aufgabe gefunden: den organisierten Widerstand gegen ein Großprojekt in ihrer Nachbarschaft.
Behrend und Schadt haben sich mit dem US-Konzern Edgeconnex angelegt. Der betreibt nach eigenen Angaben rund 80 Rechenzentren auf vier Kontinenten. In Maintal bei Frankfurt hatten die Amerikaner ein neues Großprojekt geplant, hier sollte eines der größten Rechenzentren Deutschlands entstehen. Nur gut 400 Meter von Schadts Haus entfernt, und auch zu Behrend ist es nur ein knapper Kilometer Luftlinie.
Das wollen sich die beiden Männer nicht gefallen lassen. Seit Ende 2025 protestieren sie gegen das Projekt, vor allem gegen das geplante Gaskraftwerk, mit dem die stromfressende Serveranlage angetrieben werden sollte. »Es wäre das erste fossile Rechenzentrum in Europa«, sagt Behrend. Die Ruheständler stellten Berechnungen an, trafen Lokalpolitiker, diskutierten mit Anwohnern. Ihre Hauptkritikpunkte: die Emissionen. Und, wie sie sagen, »die grundsätzliche Frage, ob digitale Zukunft auf der Verbrennung fossiler Rohstoffe aufgebaut werden darf«.
Nun sieht alles danach aus, als hätten sie Erfolg: Der Konzern aus dem US-Bundesstaat Virginia hat das Projekt auf Eis gelegt . Die geplante Investitionssumme, rund eine Milliarde Euro, fließt erst einmal nicht. Ob und wie es weitergeht, ist unklar.
Länder buhlen um KI-Millliarden
Auf der ganzen Welt entstehen derzeit neue Rechenzentren, die Gehirne der Zukunftswirtschaft künstlicher Intelligenz. Investitionen in KI machen mittlerweile einen erheblichen Teil des US-Wirtschaftswachstums aus und treiben den Aktienmarkt an. Deutschland und Europa wollen nicht abgehängt werden. Sie buhlen ebenfalls um das Geld der Techriesen.
Wird Deutschland nun abgehängt? Wegen Männern wie Schadt und Behrend?
»Rechenleistung ist der neue Rohstoff«, sagt Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU), »und Rechenzentren sind die neuen Raffinerien.« Seine im März vorgestellte nationale Rechenzentrumsstrategie verfolgt ambitionierte Ziele: In Deutschland soll die Kapazität in nur vier Jahren verdoppelt werden, schon jetzt sind mehr als 2000 Rechenzentren mit einer Anschlussleistung von 2980 Megawatt in Betrieb. Die Kapazitäten für künstliche Intelligenz und Hochgeschwindigkeitsrechnen sollen nach Wildbergers Plänen sogar vervierfacht werden.
