SPIEGEL: Das Hantavirus, das auf dem Kreuzfahrtschiff MV »Hondius« im Atlantik ausgebrochen ist, hat mit dem Coronavirus wenig gemein. Experten rechnen auch nicht damit, dass es sich weltweit verbreitet. Trotzdem haben viele Menschen Angst vor einer zweiten Pandemie. Wieso?
Balzukat: Das kann damit zusammenhängen, dass es viele Parallelen zum Ausbruch des Coronavirus vor sechs Jahren gibt. Der Ursprung der Pandemie war auch weit weg von Deutschland, in China. Damals war von einer Lungenkrankheit die Rede, die WHO empfahl Reisenden zunächst keine besonderen Vorkehrungen. Auf mehreren Kreuzfahrtschiffen steckten sich Passagiere an. Infektionsketten wurden verfolgt, in der Hoffnung, den Ausbruch zu stoppen. In diesen Tagen sieht man wieder Menschen in Vollschutzanzügen und mit Masken. Diese Bilder können beunruhigend wirken. Oder überwunden geglaubte Ängste wecken.
SPIEGEL: Gibt es ein kollektives Pandemie-Gedächtnis, das jetzt getriggert wird?
Balzukat: Ob es ein kollektives Gedächtnis gibt, ist in der Wissenschaft umstritten. Aber jeder Mensch, der älter als zehn, elf Jahre ist, kann sich an die Pandemie erinnern. Jeder hat eine dramatische Geschichte zu erzählen. Wir haben erlebt, was das Virus mit uns selbst, mit Freunden und Verwandten, mit der Gesellschaft gemacht hat. Etwas, das man selbst erlebt hat, wird anders im Gedächtnis verpackt als etwas, von dem wir einfach nur gehört haben.
SPEIGEL: Wie funktioniert das?
Balzukat: Das sogenannte episodische Gedächtnis speichert persönliche Erfahrungen in ihrem räumlichen und zeitlichen Kontext. Es ermöglicht eine mentale Zeitreise an Orte und Zeitpunkte, die uns in der Pandemie geprägt haben. Wir können diese Erinnerungen abrufen und neu erleben. Fakten, wie das Drehmoment des eigenen Autos oder das englische Wort für Wetter, werden dagegen im semantischen Gedächtnis gespeichert. An Fakten kann sich der Mensch schlechter erinnern als an Durchlebtes.

