Ich war noch nie in Johannesburg. Trotzdem denke ich gegen 5.30 Uhr regelmäßig an diese Stadt. Es beginnt mit einem Grollen am Himmel über Westlondon, dann durchbricht Flug BA56 aus Johannesburg die Wolkendecke: ein Airbus A380. Ich kann ihn auf einer Flugbeobachtungsapp verfolgen. Zuerst überquert er die Themse, danach ein Rugbyfeld, kurz darauf mein Reihenhaus. Von dort sind es, ich habe es gestoppt, noch zwei Minuten und 35 Sekunden bis zur Landung in Heathrow. Wer beim Anflug links sitzt, kann mein Dach sehen.
Jedenfalls bei Westwind. Dann donnern die Flugzeuge über mein Viertel. Bei Ostwind führt der Anflug über Schloss Windsor, und König Charles hört Johannesburg.
Kolumne »Schaut auf diese Stadt«
Kleine Geschichten aus großen Städten: An dieser Stelle schreiben im Wechsel Maria Stöhr aus Peking, Marian Blasberg aus Rio, Leo Klimm aus Paris, Julia Amalia Heyer aus Washington und Christoph Giesen aus London.
Manchmal schreibe ich morgens meinem Freund Magnus, der ein paar Straßen weiter wohnt. Magnus ist Norweger und hat lange in der Schweiz gelebt; er besitzt deshalb eine geradezu beleidigend klare Vorstellung davon, was Ruhe ist. »Guten Morgen, BA56 ist durch!« Meist antwortet er sofort. Wenn nicht, brühe ich mir einen Kaffee und hole die Zeitung, die schon vor der Tür liegt.
Meine Familie schläft durch. Zwei Tage nach unserem Umzug sagte meine Frau: »Ich weiß gar nicht, was du hast. Ich höre die Flugzeuge nicht mehr. In China war es doch lauter.«

