Fast jeden Tag erhalte ich von Kontakten in Iran Nachrichten darüber, dass erneut ein Mensch hingerichtet wurde. Meist sind es junge Männer, hin und wieder auch eine Frau, einige noch im Teenageralter, die meisten in ihren Zwanzigern, wenige über dreißig. In Teheran, Isfahan, Maschhad, Ghom, Urmia oder anderswo – überall müssen sie in einem Gefängnis auf einen Stuhl steigen, der Henker legt ihnen einen Strick um den Hals, dann tritt er den Stuhl weg. Die Delinquenten ersticken am Strang.
Hasnain Kazim, Jahrgang 1974, lebt als Autor in Wien. Der gebürtige Oldenburger wuchs im Alten Land, vor den Toren Hamburgs, und in Karatschi, Pakistan, auf. Er studierte Politikwissenschaft und war Marineoffizier, bevor er begann, als Journalist zu arbeiten. Bis 2019 arbeitete er für den SPIEGEL, davon die meiste Zeit als Auslandskorrespondent mit Stationen in Islamabad, Istanbul und Wien. Im März ist sein Buch »Der Islam und ich: Was mich meine Familie, meine norddeutsche Heimat und mein Leben in muslimischen Ländern über den Islam gelehrt haben« erschienen.
Oftmals handelt es sich um politische Gefangene, die es gewagt hatten, gegen das iranische Regime zu protestieren, gegen seine übergriffige, Freiheit erstickende Interpretation des Islam. Sie hatten Freiheit gefordert und die Macht der Mullahs in Frage gestellt. Prompt wurde ihnen Gewalt unterstellt und damit »Moharebeh«, »Krieg gegen Gott«. Ein weiterer beliebter Vorwurf lautet Spionage, angeblich stets für Israel oder die USA, beide seit Langem vom Regime zu Todfeinden erklärt.
Allein in der vergangenen Woche berichten Menschenrechtsorganisationen von zweistelligen Hinrichtungszahlen. Gholamhossein Mohseni Ejei, der Chef der iranischen Justiz, hat Gerichten ausdrücklich befohlen, Todesurteile gegen »Feinde der Regierung« beschleunigt zu vollstrecken.
Hunderte warten auf ihre Exekution
Man müsste meinen, in Deutschland und anderen westlichen Ländern gingen die Menschen zu Tausenden auf die Straße, um gegen die mörderische Praxis dieses Regimes zu demonstrieren. Gegen ein Regime, das noch im Januar auf Zigtausende Menschen schoss und sie tötete. Die Zahlen schwanken, es ist teils von Zehntausenden Toten die Rede, unabhängig überprüfen lassen sie sich nicht. Diese Regierung lässt Kritiker hinrichten, um Angst zu verbreiten und weitere Proteste zu unterbinden. Hunderte zum Tode Verurteilte sitzen in iranischen Gefängnissen und warten auf ihre Exekution.

