Nur noch ein einziger Satz trennt Cem Özdemir an diesem Mittwochmorgen um 12.06 Uhr von jenem Amt, das lange unerreichbar schien. Niemals, so hieß es, würde er den satten Umfragevorsprung der CDU im Landtagswahlkampf wettmachen können. Niemals würde ein Kandidat mit »Ötzelbrötzelnamen«, so Özdemir über Özdemir, im bodenständigen Südwesten Deutschlands Chancen auf den wichtigsten Regierungsposten haben. Und schon dreimal nicht würde im gebeutelten Autoland Baden-Württemberg einem Grünen zugetraut werden, den Weg aus der Krise vorgeben zu können.
Cem Özdemir hat sie alle eines Besseren belehrt.
Ernst sieht er aus, wie er da sitzt in der ersten Reihe des baden-württembergischen Landtags. So sehr gekämpft hat er für diesen Moment, womöglich selbst gezweifelt. »Nehmen Sie die Wahl an?«, wird er gefragt. »Ja, Herr Präsident, und ich danke für das Vertrauen«, sagt der 60-Jährige. Die Spannung löst sich in einem Lächeln. Alles danach ist Jubel und Feierlaune.
Özdemir, so scheint es, kann alles
Deutschland hat seinen zweiten grünen Ministerpräsidenten. Egal, was, so scheint es, Özdemir, der Sohn türkischer Gastarbeiter und Aufsteiger schlechthin, kann es. Bundestagsabgeordneter, Grünenchef, ein Sitz im Europaparlament, zuletzt Doppelminister im Bund. Und nun hat er das Sagen in der Stuttgarter Staatskanzlei.
Womit erwiesen wäre, dass es sich lohnen kann, auf volles Risiko zu setzen. Er habe keine Rückfahrkarte nach Berlin, hatte Özdemir stets versichert. Und es hat sich gezeigt, dass Winfried Kretschmann, wie die Christdemokraten gerne behaupteten, kein Unfall der Geschichte war. Die Grünen sind hoch im Kurs im wohlhabenden Baden-Württemberg, einer Ecke der Republik, die seit vielen Jahren ein wenig anders tickt als der Rest.
