Der Kaiser aus Eisen und Kupfer sitzt hoch zu Ross über dem Kyffhäusergebirge, der Umhang seiner Feldherrnuniform flattert im Wind. Sein Blick ist siegesgewiss in die Weiten des Thüringer Walds gerichtet. Das Pferd muss er zügeln, so kraftvoll strebt es nach vorn. Zu seinen Füßen sitzen rechts ein germanischer Krieger mit gezücktem Schwert, links eine Frauenfigur, die Schreibfeder in der Hand – bereit, die Heldentaten des Monarchen für die Nachwelt zu notieren. Den Arm stützt sie auf einen Schild mit der Inschrift »Sedan/Paris 1870«: die Siege über Frankreich.
(Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus Ruth Hoffmanns neuem Buch »Raubzug von rechts« .)
Im felsig zerklüfteten Hof unterhalb des Reiters steht man einem weiteren Kaiser gegenüber: Friedrich I., genannt »Barbarossa«. Der Staufer herrschte im 12. Jahrhundert über ein Gebiet, das von der Nordsee bis Italien reichte. 1190 ertrank er während eines Kreuzzugs auf dem Weg nach Jerusalem, sein Grab wurde nie gefunden. Der Legende nach schläft er tief unten im Berg und erwacht zum Leben, wenn die Zeit reif ist, um »das Reich« zu alter Größe zu führen.
Der Sechseinhalb-Meter-Koloss aus Sandstein ist gerade dabei, sich vom Thron zu erheben: Grimmig schaut er auf die Menschlein zu seinen Füßen herab, mit der linken Hand greift er sich in den Bart, mit der rechten ein Schwert. Sein Mund ist geöffnet, als käme jeden Moment ein Befehl, ein Fluch, ein Schlachtgebrüll daraus hervor.
Das Monument auf dem Kyffhäuser ist das größte unter den Denkmälern für Kaiser Wilhelm I., wie sie nach dessen Tod 1888 in ganz Deutschland errichtet wurden. Erbaut auf den Ruinen der alten Reichsburg Kyffhausen aus der Zeit Barbarossas, erstreckt es sich über eine Länge von 131 Metern und 96 Metern Breite. Hier präsentierte sich das Kaiserreich selbst – oder besser, wie es gesehen werden wollte: als stolze, wehrhafte Nation der Deutschen. Eine aufstrebende Großmacht, die niemand mehr aufhalten kann.
Als sich der ultrarechte Flügel der AfD im Sommer 2015 hier zum ersten »Kyffhäuser-Treffen« versammelte, war die Kulisse mit Bedacht gewählt: Man wolle daran erinnern, »wer wir sind und wo wir herkommen«, sagte der thüringische Landesvorsitzende Björn Höcke. Der damals frisch formierten Gruppierung um ihn und seinen brandenburgischen Parteifreund Andreas Kalbitz war die offizielle Parteilinie nicht radikal genug: Die AfD dürfe sich nicht dem »etablierten Politikbetrieb« anpassen, »dem Technokratentum, der Feigheit und dem Verrat an den Interessen unseres Landes«, hieß es in der »Erfurter Resolution«, dem Gründungsdokument des »Flügels«. Ein Fest am Kyffhäuser – mit politischen Reden, Blasmusik, Bier und Schweinebraten – sollte die rechtsnationale Ausrichtung der Strömung betonen und in der Partei populär machen.


