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02.06.2026
15:27 Uhr
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Ein 21-Jähriger attackiert in einem Zug mehrere Fahrgäste. Nur mit Mühe kann er überwältigt werden. Jetzt steht er in Regensburg vor Gericht. Aufgrund schwerer psychischer Störungen gilt er als nicht schuldfähig.

Die Polizei und Spurensicherung ermittelten nach der Tat in dem ICE, der auf freier Strecke hielt. Foto: Armin Weigel/dpa
Was am 3. Juli 2025 in einem ICE zwischen Obertraubling und Passau passierte, ist eine Mischung aus blankem Horror und sehr viel Zivilcourage. Mohamad A., ein 21-jähriger Syrer aus Homs, soll mehrere Menschen mit einer Axt und einem Hammer attackiert und schwer verletzt haben. Am Ende wurde er vor einem seiner Opfer und weiteren Passagieren überwältigt und bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten.
Fast genau ein Jahr später wird Mohamad A. mit Hand- und Fußfesseln in den Gerichtssaal geführt. Der junge Mann trägt ein weißes Hemd, gestreifte Krawatte, auf seiner rechten Wange ist eine lange Narbe zu sehen. Über seinem rechten Ohr klebt ein großes, weißes Pflaster. Er schweigt an diesem Tag zu den Vorwürfen. In dem Sicherungsverfahren vor der Zweiten Jugendkammer des Landgerichts Regensburg geht es darum, den Sachverhalt aufzuklären und ihn dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik unterbringen zu können.
Aufgrund schwerer psychischer Störungen gilt der Mann als nicht schuldfähig – die Staatsanwaltschaft hält ihn aber für weiterhin sehr gefährlich. In der Antragsschrift, aus Zeugenvernehmungen und mehreren Videos wird vor Gericht deutlich, was sich in den Minuten der Tat in dem Waggon abgespielt haben soll.
Eine Mutter saß mit ihren drei zum Teil erwachsenen Kindern in einem Viererabteil. Auch sie stammen zufällig alle aus Syrien. Die Familie war auf dem Weg nach Passau. Dort hatten sie vor ihrem Umzug nach Hannover lange gewohnt, die Familie wollte Freunde und Verwandte in der niederbayerischen Stadt besuchen. Laut Staatsanwaltschaft soll der ihnen unbekannte Mann kurz vor der Tat den älteren Sohn der Familie angesprochen haben. Mohamad A. habe ihn aufgefordert, später draußen „mit seinen Freunden“ auf ihn zu warten. Damit waren laut Staatsanwaltschaft wohl seine Mutter und seine zwei Geschwister gemeint. Wenig später soll der 21-Jährige mit einer Axt und einem Zimmererhammer durch den Zug gegangen sein und die Familie weiter beobachtet haben, in der Antragsschrift ist hier von einem „feindseligen Blick“ die Rede.
Die Mutter wies ihren jüngeren Sohn daraufhin an, mit seinem Handy die Polizei zu rufen. Doch dieser hatte kein Netz. Als ein anderer Fahrgast die Polizei verständigte, griff der 21-Jährige laut Staatsanwaltschaft zunächst diesen Mann an und verletzte ihn mit einem Axthieb schwer am Kopf. Er erlitt unter anderem einen Bruch des Stirnbeins und musste später operiert werden. Anschließend soll Mohamad A. zur Familie zurückgekehrt sein und mehrfach versucht haben, den älteren Sohn mit Axtschlägen gegen den Kopf zu töten. Dessen Mutter soll sich mehrmals dazwischengeworfen haben und dabei von Mohamad A. am Kopf getroffen worden sein.
Vor Gericht sitzt die Frau mit dem Rücken zum mutmaßlichen Täter, sie möchte ihm nicht in die Augen schauen müssen. Die Frau – das ist auch im Sitzen zu erkennen – ist deutlich kleiner als er. Die 52-Jährige sagt aus, dass sie sich mit weit ausgestreckten Armen vor ihre Kinder gestellt hat, als der Angreifer mit Hammer und Axt auf die Familie zugegangen sei: „Ich hatte große Angst um meine Kinder, deshalb habe ich den Schlag auf meinen Kopf nicht richtig gemerkt.“ Sie habe laut um Hilfe gerufen, aber der vorher volle Waggon sei nun fast leer gewesen. Sie erlitt bei der Attacke unter anderem eine offene Fraktur am Kopf und Platzwunden, kann nach eigenen Angaben seit der Tat nicht mehr allein in einen Zug einsteigen.
Im anschließenden Gerangel wurde der ältere Sohn von A. zweimal durch Axt- und Hammerhiebe am Bauch und am Rücken verletzt. Dennoch gelang es ihm, A. die Axt und später auch den Hammer abzunehmen. Mit der dem Angreifer entrissenen Axt soll er A. während des Gerangels auf den Kopf geschlagen und ihn anschließend am Boden fixiert haben. Die Staatsanwaltschaft bewertet das als Verteidigung seiner selbst und seiner Familienangehörigen. Doch A. soll noch immer nicht mit seinem Angriff aufgehört haben. Die Staatsanwaltschaft schildert weitere Tritte, Bisse und einen Würgegriff gegen den Sohn, der erst durch das Eingreifen weiterer Fahrgäste beendet worden sei. „Ich habe laut um Hilfe gerufen, und es kamen mehrere Männer, die mir halfen, ihn weiter festzuhalten“, sagt Muhammad H., der ältere Sohn, vor Gericht aus. Einer der Männer soll ein Soldat gewesen sein.
Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Mann zur Tatzeit an einer schweren schizophrenen Erkrankung mit Wahnvorstellungen und Realitätsverlust litt und deshalb schuldunfähig war. Zeugen hatten kurz nach der Tat von religiösen Ausrufen während des Geschehens berichtet, auch Muhammad H. sagt vor Gericht aus, dass der Mann „Allahu Akbar“ gerufen habe. Ermittler erklärten jedoch damals bereits, dass es keine belastbaren Hinweise auf einen extremistischen oder terroristischen Hintergrund gebe. Auch am ersten Prozesstag in Regensburg ergeben sich darauf keine weiteren Hinweise. Bei Untersuchungen wurden im Blut des Syrers nach der Tat mehrere Betäubungsmittel nachgewiesen. Mutter und Sohn sagen vor Gericht aus, dass der 21-Jährige „nicht normal“ gewesen sei, verwaschen gesprochen und rote Augen gehabt habe.
Mohamed A. lebte zum Zeitpunkt der Tat legal in Österreich. Dort besaß er einen Aufenthaltstitel. Offenbar war er aber bereits wenige Monate vor dem Angriff im ICE strafrechtlich aufgefallen. Das österreichische Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl teilte mit, dass A. zweimal wegen schwerer Körperverletzung und versuchten Widerstands gegen die Staatsgewalt verurteilt worden war. Ein Verfahren zur Aberkennung seines Asyl-Titels war demnach bereits eingeleitet worden.
Es sind sechs weitere Verhandlungstage für den Prozess angesetzt. Das Urteil könnte im Juli gesprochen werden.
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