SZ 31.05.2026
14:00 Uhr

Pharmaproduktion: Sandoz warnt vor Europas China-Abhängigkeit bei Antibiotika


Im österreichischen Kundl steht das einzige große Antibiotika-Werk, das alles macht – von der Fermentation bis zur Verpackung. Ausgelastet ist es nicht. Das liegt nach Ansicht des Konzernchefs auch am unfairen Wettbewerb.

Pharmaproduktion: Sandoz warnt vor Europas China-Abhängigkeit bei Antibiotika
Sandoz hat kräftig in Kundl investiert, auch in die neue Produktionsanlage für Antibiotika-Wirkstoffe. Peter Ginter/Sandoz

Blöd, wenn jemand zum runden Geburtstag einlädt, aber selbst nicht so recht in Feierlaune ist. Vergangene Woche lud der Pharmakonzern Sandoz mit Vorstandschef Richard Saynor ins Werk im österreichischen Kundl ein, um gleich drei Jubiläen zu begehen. Vor 140 Jahren wurde Sandoz in Basel gegründet. Heute produziert der Konzern Medikamente, die nicht mehr patentgeschützt sind. Sandoz ist weltweit einer der größten Hersteller von Nachahmerprodukten. Vor 20 Jahren brachte Sandoz sein erstes Biosimilar auf den Markt; Biosimilars werden mit lebenden Zellen hergestellt. Seit 80 Jahren werden Antibiotika in Kundl produziert.

Ein wenig Zeit nimmt sich Saynor in der Pressekonferenz am Donnerstag schon für die Geschichte. Was Saynor allerdings mehr umtreibt als die Vergangenheit ist die Gegenwart und die Zukunft. Antibiotika seien das Rückgrat der modernen Medizin. Jede Operation, jede Intensivpflege sei heute so sicher, weil es Medikamente gegen bakterielle Infektionen gebe. Ohne Antibiotika könnten selbst Routineeingriffe lebensbedrohlich werden. Solche Sätze gehören zu seinem festen Repertoire. Der auch: Kundl sei das „letzte vollintegrierte Werk für Antibiotika in Europa“.

Sandoz macht dort alles – von der Fermentation bis zur Verpackung. In den vergangenen Jahren hat der Konzern dort 200 Millionen Euro investiert. In Kundl könnte Sandoz 4400 Tonnen Wirkstoff herstellen und 250 Millionen Packungen. Die wichtigsten Produkte sind die Penicilline Amoxicillin und Amoxiclav. Saynor kommt schnell zu seiner größten Sorge, das sind die Abhängigkeiten von China und die Preise. Ein Kaffee koste fünfmal so viel wie eine Tagesdosis Penicillin in Österreich, die bei etwa einem Euro liegt. Der Manager zeigt dazu eine Fotokombo, um seinen Worten mehr Eindruck zu verleihen.

Der Druck steigt, so Saynor: „Kundl steckt in einem perfekten Sturm von Schocks.“ Die Preise für Energie, Arbeit, Verpackungsmaterial und Rohstoffe seien in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen. Zum Beispiel Zucker, davon brauche Sandoz in Kundl jedes Jahr 50 000 Tonnen. Durch den Krieg in der Ukraine und gestörte Lieferketten sei der Preis um bis zu 80 Prozent in der Spitze gestiegen. Während die Kosten „explodierten“, seien die Preise für Antibiotika im Großen und Ganzen unverändert geblieben.

Die größte Bedrohung für Saynor ist China, nicht nur für die eigene Produktion, sondern für die Versorgung mit Antibiotika in der westlichen Welt. Im Kern geht es um Penicilline wie Amoxicillin und einen zentralen Baustein, 6-APA. Sandoz produziert alles selbst in Kundl. Aber Saynor zufolge stammen weltweit 94 Prozent der Wirkstoffe für generische Antibiotika aus China. Er zeigt eine Landkarte mit einem grünen Punkt in Kundl und vielen grünen Punkten mit Produktionsstandorten in China. Das Land habe über Jahrzehnte den Aufbau von Kapazitäten massiv subventioniert und dominiere den Weltmarkt, sagt Saynor. Auch Indien habe die Produktion stark gefördert und erhebe Zölle auf den Import von Wirkstoffen, zum Beispiel aus China, es sei denn, sie dienten der Produktion für den Export. Diese Mengen drängen nun zusätzlich nach Europa.

Saynor sagt, er sei ein Freund von Wettbewerb, aber dieser sei extrem unfair. Sandoz wehrt sich. Im März hat der Konzern bei der EU-Kommission den Entwurf einer Anti-Dumping-Beschwerde gegen Amoxicillin-Wirkstoffe aus China eingereicht. „Das ist jetzt der letzte Weckruf“, sagt Saynor. Zwischen 2022 und 2025 seien die Importe aus China kräftig gestiegen, während der Marktanteil europäischer Produzenten kollabierte. Die Folgen der chinesischen Subventionen für den europäischen Markt seien verheerend, sagt Simon Goeller, der bei Sandoz für Transformation und Wachstum zuständig ist. Die Preise für die Wirkstoffe seien im Schnitt um fast 60 Prozent gefallen.

Das spüren sie in Kundl. Das Werk mache „knapp“ Gewinn, operativ, sagt Saynor in der Pressekonferenz. Was das im Detail heißt, erläutert Goeller. Die Kapazitäten seien noch zu mehr als 50 Prozent ausgelastet, aber nur weil auch Medikamente zu nicht mehr kostendeckenden Preisen vertrieben würden. Die Kapitalkosten, Sandoz hat allein in Kundl in den vergangenen fünf Jahren rund 200 Millionen Euro investiert, „verdienen wir hier nicht. So was kann man nicht lange aushalten.“ So wie Sandoz das Werk auch in dieser Größenordnung betreibe, sei es eigentlich unwirtschaftlich. Goeller will nicht darüber spekulieren, wie viele Jahre Sandoz das aushält. So wie der Markt heute sei, würden „wir nicht mehr hier investieren.“

Goeller weiß um das Dilemma: „Jeder will Medikamente möglichst billig haben, um die Gesundheitssysteme zu entlasten, aber jeder wünscht sich auch eine zuverlässige Versorgung, auch in einer Pandemie wie Corona oder wenn gerade mal wieder Lieferwege wie die Straße von Hormus unterbrochen sind.“ Der Preis müsse allen Ansprüchen genügen. „Wir müssen gesellschaftlich verstehen, dass wir resilient und billigst nicht unter einen Hut bekommen.“ Die Frage sei doch, wie viel Europa die Souveränität wert sei. Es gibt Ansätze, die sehen auch Goeller und Saynor, die die Lage entspannen können, wie den Critical Medicines Act, den die EU plant, um die Versorgung mit kritischen Medikamenten sicherzustellen. Aber da bleibe erst einmal abzuwarten, wie er denn ausgestaltet würde, sagt der Sandoz-Chef.

Bei der Ausschreibung von Medikamenten soll es „EU-Slots“ geben, für Hersteller, die in Europa produzieren. „Klingt gut“, sagt Saynor. Aber da bleibe abzuwarten, wie „produziert in der EU definiert“ wird. Es ist ein wenig wie bei einer Handtasche, sagt Goeller. Sie darf das Label „Made in EU“ tragen, wenn sie zu wesentlichen Teilen in der EU hergestellt wurde. Aber was ist wesentlich? Wenn das Zwischenprodukt 6-APA aus China kommt, der Rest aber in der EU gemacht wurde, erfüllt ein solches Medikament dann die Anforderungen für einen EU-Slot? Wenig überraschend, dass die Manager wollen, dass in den Slots Antibiotika den Zuschlag erhalten, deren gesamte Produktion in Europa stattfindet, so wie in Kundl.

Medikamente seien keine gewöhnlichen Produkte, sagt Saynor am Nachmittag bei einer Podiumsdiskussion, sie seien ein „essenzieller strategischer Wert“. Sandoz hat viele Experten nach Kundl eingeladen. Alle beklagen die Abhängigkeiten von China und Indien.

Das Problem bei Generika wie Penicilline sei der Preis, sagt die Apothekerin und Chemikerin Ulrike Holzgrabe, die an der Universität Würzburg gelehrt hat und Beiratsvorsitzende der Stiftung für Arzneimittelsicherheit ist: „Solange die gesetzlichen Krankenkassen so wenig zahlen, lösen wir das Problem nicht.“ Es gebe gute Ansätze, wie den Critical Medicines Act, sagt sie: „Aber passiert ist bislang wenig, und es geht viel zu langsam.“

Vergangene Woche hat sich die EU-Kommission bei Saynor gemeldet. Beide Seiten suchen nun nach einem Termin, um über die Anti‑Dumping‑Beschwerde von Sandoz zu sprechen. Ein anderer Termin steht schon fest: Ende Juni wird Bundeskanzler Friedrich Merz den Sandoz-Standort in Barleben besuchen.

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