SZ 02.08.2026
11:21 Uhr

Neuer Rekordflug: „Wir haben uns gefühlt wie Astronauten“


24 Stunden und 24 Minuten: Kein großes Passagierflugzeug war jemals länger in der Luft als ein Airbus von Melbourne nach Toulouse. Einer der Piloten berichtet, was man während einer solchen Reise erlebt – und warum er zwei Sonnenaufgänge gesehen hat.

Neuer Rekordflug: „Wir haben uns gefühlt wie Astronauten“
„Project Sunrise“ nannten Airbus und Qantas den Rekordflug. IMAGO/Manuel Blondeau/AOP.Press

Am Ende war selbst dafür noch genügend Sprit übrig. So flogen die Piloten des Airbus A350-1000ULR auf die Landebahn des Flughafens Toulouse-Blagnac zu. Aber statt endlich zu landen, kreisten sie einfach noch einmal über das Airbus-Werksgelände und winkten mit den Flügeln, so wie das in der Branche bei besonderen Anlässen üblich ist. Anschließend drehten sie noch eine Schleife und kehrten dann wirklich auf festen Boden zurück.

24 Stunden und 24 Minuten zuvor waren die fünf Piloten und sieben Ingenieure an Bord des Langstreckenjets in Melbourne/Australien gestartet. Sowohl in Sachen Flugzeit als auch der zurückgelegten Distanz von knapp über 23 000 Kilometern war die Reise damit der längste jemals von einem großen Passagierflugzeug durchgeführte Flug – auch wenn Airbus noch auf die offizielle Bestätigung wartet. Bislang hielt den Rekord Boeing mit einer 777-200LR, die 2005 von Hongkong nach London flog, aber in Richtung Osten, und dafür 22 Stunden und 42 Minuten brauchte.

Auch wenn das offiziell niemand zugeben würde: Den alten Boeing-Rekord zu brechen, ist den Airbus-Leuten natürlich insgeheim eine besondere Freude gewesen. Es ist sowieso erstaunlich, dass die Marke so lange gehalten hat. Aber jetzt gab es einfach einen guten Anlass: Testflug für das „Project Sunrise“ der australischen Fluggesellschaft Qantas. Die Airline hat zwölf modifizierte A350-1000ULR (ULR steht für ultra long range) bestellt, die von Herbst 2027 an nonstop von Sydney nach London und dann ein bisschen später von Sydney nach New York fliegen sollen. Bislang gab es schlicht keine Flugzeuge, die genügend Reichweite für die Strecke hatten. Doch dann bot Airbus eine A350 mit einem großen zusätzlichen Treibstofftank an, und schon wurde das Projekt realistisch.

Project Sunrise heißt das Vorhaben deswegen, weil die Piloten auf der sogenannten „Kangaroo Route“ in den 1940er-Jahren auf einer der Teilstrecken über dem Indischen Ozean mit ihren Catalina-Flugbooten so langsam unterwegs waren, dass sie zwei Sonnenaufgänge erlebten. Und siehe da: Auf dem Nonstop-Flug war dies wieder so: „Wir haben zwei Sonnenuntergänge und zwei Sonnenaufgänge erlebt“, erzählt Airbus-Testpilot Vincent Sibelle. „Wir haben uns gefühlt wie Astronauten.“

Der Flug war Teil eines Testprogramms, das nötig ist für die Zulassung der neuen Flugzeugversion. Bereits am 24. Juli hatten fünf Airbus-Testpiloten die Maschine von Toulouse nach Melbourne geflogen, in nur gut 22 Stunden. Für den Rückflug sollte der Airbus-Jet aber mindestens 23 Stunden in der Luft sein. Laut Sibelle ist das die Zeit, die die Maschine später unter den schlechtesten prognostizierten Bedingungen – sprich viel Gegenwind – von Sydney nach London brauchen wird. Normalerweise sind es aber eher „nur“ um die 20 Stunden. Damit die Reise für die Passagiere erträglich bleibt, will Qantas deutlich weniger Sitze in die Maschine einbauen und hat mit Wissenschaftler gearbeitet, um das Lichtdesign in der Kabine zu optimieren und Ruhephasen besser zu planen.

Eigentlich wollten Sibelle und seine Kollegen eine ganz andere Route fliegen: von Melbourne nach Osten über den Südpazifik nach Santiago de Chile, dann quer über Südamerika nach Buenos Aires und dann über den Südatlantik nach Europa. Dabei hätten sie zum Teil die Routen der alten Aéropostale aus den 1920er Jahren nachgeflogen, einem Vorläufer der Air France. Aber es war dann zu wenig Rückenwind prognostiziert.

Also flog die A350 von Melbourne nach Los Angeles und weiter nach Toulouse, zwei der derzeit längsten Langstrecken, kombiniert in einem Flug. Die Sonne ging noch über Australien unter und dann noch einmal über der Hudson Bay in Ostkanada. Sie ging wieder auf vor der amerikanischen Westküste und südlich von Island. Die Piloten wechselten sich im Cockpit in einem Vier-Stunden-Rhythmus ab, so wie das auch bei sehr langen Linienflügen üblich ist.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: