|
08.03.2026
19:11 Uhr
|
Wie tief frisst sich die AfD in Kreistage und Gemeinderäte? Hat sie gar Chancen auf einen Bürgermeister oder einen Landrat? Am frühen Wahlabend platzen die ersten Hoffnungen. Stichwahlen könnte es trotzdem geben.

Für die AfD zählt, in welche, mit wie viel Prozent und in wie viele kommunale Parlamente sie in Bayern einzieht oder wo sie sich behaupten kann. Daniel Karmann/dpa
Die Aussicht bei der AfD ist gut am frühen Sonntagabend. Jedenfalls hier, in Dingolfing. Die Wahlparty steigt in der Oberen Stadt, in einem Wirtshaus mit Blick über die Dächer der Altstadt. „Schauen wir mal, ob wir es in die Stichwahl schaffen“, sagt Stephan Protschka, der AfD-Landratskandidat. „Wir lassen uns überraschen.“
Bis zum Wahlabend ist jede Kommunalwahl eine Blackbox. Es gibt Bauchgefühle, aber in der Regel keine Umfragen, wie vor Bundestags- oder Landtagswahlen. Zwei Fragen geisterten besonders oft durch den bayerischen Kommunalwahlkampf: Wie tief kann sich die AfD in die Kreistage, Stadt- und Gemeinderäte hineinfressen? Hat sie gar Chancen, einen Bürgermeister zu stellen oder einen Landrat?
Von Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.
Dingolfing ist ein guter Ort, um an diesem Sonntag erste, halbwegs belastbare Antworten auf diese Fragen zu finden. Der Wahlabend ist ja ein Puzzle, das sich erst nach und nach zusammensetzt, weil die Einzelergebnisse aus den Kommunen nach und nach einlaufen. Protschka, 48, hat alle Puzzleteile im Blick. Er ist nicht nur AfD-Landratskandidat in Dingolfing-Landau. Er ist auch Landesvorsitzender der AfD Bayern. Wer den Wahlabend mit Protschka im Wirtshaus verbringt, bekommt womöglich früher ein Gesamtbild als anderswo.
Dingolfing-Landau gehört zu den wenigen Landkreisen, in denen ein AfD-Landrat nicht völlig außerhalb jeder Vorstellungskraft lag. Bei der jüngsten Bundestagswahl bekam die Rechtsaußen-Partei hier fast 29 Prozent. Ihr Direktkandidat und heutiger Landratskandidat Protschka holte mehr Prozente (26,4) als Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger (21,7). Sehr zugespitzt könnte man fragen: Wenn die „blaue Welle“ in Dingolfing nicht ins Rollen kommt, ja, wo denn dann in Bayern?
Er glaube fest daran, „nach der Stichwahl erster westdeutscher AfD-Landrat“ zu sein, hat Protschka im Wahlkampf gesagt. An diesem Sonntag geht es aber erst mal darum, ob es überhaupt für die Stichwahl reicht. Bei der Wahl 2020 hatte die AfD hier noch keinen Landratskandidaten. Bei der Kreistagswahl 2020 kam sie auf 7,1 Prozent. Seitdem stellt sie drei Kreisräte und eine Kreisrätin in Dingolfing-Landau. Ziel der AfD war es, diese Zahl zu verdoppeln. Mindestens.
Um 18 Uhr läuten die Kirchenglocken in der Dingolfinger Altstadt. Die Wahllokale sind jetzt geschlossen. Um 18.36 Uhr steht Stephan Protschka vor dem Wirtshaus, raucht eine Zigarette und sagt: „Das ist gelaufen.“ Er schaut in sein Handy, sieht die Zwischenergebnisse auf der Homepage des Landratsamts: knapp 58 Prozent für CSU-Kandidat Werner Bumeder, rund 25 Prozent für Protschka. Platz zwei, aber die Stichwahl ist schon jetzt weit weg. Es ist still geworden im Wirtshaus.
Rund 50 Leute sind zur AfD-Wahlparty gekommen, überwiegend Helferinnen und Helfer im Wahlkampf. Man sieht blaue AfD-Kappen, blaue AfD-Jacken. Einer trägt eine rote Donald-Trump-Kappe, „Make America Great Again“. Und je mehr Zeit vergeht, desto tiefer sinkt Protschkas blauer Balken auf der Leinwand. Um 19 Uhr ist er unter die 20-Prozent-Marke gerutscht, CSU-Kandidat Bumeder liegt über 60. Drei Viertel der Gebiete sind da schon ausgezählt. Der AfD-Kandidat scheint mit seinem Gefühl recht zu behalten: Es ist gelaufen.
Und anderswo? Neben Dingolfing-Landau hatte sich die Rechtsaußen-Partei auch anderswo Hoffnungen gemacht auf eine Stichwahl. Besonders oft genannt wurden in der AfD die Landratswahlen in Günzburg, Bamberg-Land, Unterallgäu oder Rosenheim. Überall dort holte die AfD relativ gute Ergebnisse bei der Bundestagswahl.
Im Landkreis Rosenheim liegt AfD-Kandidat Andreas Winhart gegen 19 Uhr bei gut 16 Prozent. Weil aber der CSU-Kandidat und amtierende Landrat Otto Lederer da bei knapp 44 Prozent liegt, scheint eine Stichwahl zu diesem Zeitpunkt möglich für die AfD. Allerdings ist da noch nicht ganz die Hälfte aller Gebiete ausgezählt. Ebenso in Bamberg-Land, wo AfD-Kandidat Florian Köhler zur selben Zeit bei knapp 22 Prozent liegt, CSU-Kandidat Johannes Maciejonczyk allerdings bei gut 53. Das würde ihm für die Direktwahl reichen. Auch in Günzburg ist um 19 Uhr noch eine Stichwahl denkbar.
„Bayern wird blau“, hatte AfD-Landeschef Protschka vor der Wahl angekündigt. CSU-Chef Markus Söder hat dagegen gewettet: „Die AfD wird kein Rathaus in Bayern übernehmen.“ Hinter vorgehaltener Hand hat man das auch in der AfD oft gehört. Wer Bürgermeister werden möchte oder Landrat, braucht 50 Prozent der Stimmen. Das sei nahezu unmöglich, hieß es, selbst in den AfD-Hochburgen im Freistaat.
Und trotzdem, das lässt sich schon am frühen Sonntagabend prophezeien: Die AfD wird sich für ihr Wahlergebnis feiern. Schließlich trat sie bei der Kommunalwahl 2020 noch mit relativ wenigen Kandidaten und Listen an – und holte auch deshalb ein relativ niedriges Gesamtergebnis in den Landkreisen und kreisfreien Städten: 4,7 Prozent. Während die AfD in sehr vielen kleineren Kommunen erneut keine Kandidatinnen und Kandidaten mobilisieren konnte, tritt sie in den Landkreisen und Großstädten diesmal flächendeckend an. Die spannende Frage ist deshalb nicht, ob die AfD zulegt. Sondern, ob sie ihr Ergebnis nur verdoppelt oder doch eher verdreifacht. Für eine Prognose ist es am Sonntag, 19 Uhr, noch zu früh.
Bürgermeister und Stadträte, Landräte und Kreistage: Es stehende tausende Ämter zur Abstimmung. Hier finden Sie die Ergebnisse in Karten und Grafiken.
Lesen Sie mehr zum Thema
In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.
Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien
Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: