SZ 13.03.2026
12:01 Uhr

Formel 1: Der Iran-Krieg bremst den Motorsport aus


Nach ihrer Asientour soll die Formel 1 im April zweimal in Nahost gastieren. Doch die Rennen in Bahrain und Saudi-Arabien stehen wegen des Iran-Kriegs vor der Absage.

Formel 1: Der Iran-Krieg bremst den Motorsport aus

Wenigstens die rasant steigenden Ölpreise sind kein großes Problem für die Formel 1. Die Rennwagen werden seit dieser Saison mit hundertprozentig nachhaltigem Sprit betrieben und die Hälfte der 1000 PS stammen ohnehin von einer Elektromaschine. Aber was nutzen schon krisenfeste 22 Rennwagen allein gegen die Ereignisse in Iran, die die ganze Golfregion lähmen? Die Motorsport-Karawane besteht aus mehr als 2000 Menschen, die mit den Autos um die Welt fliegen. Nach dem Großen Preis von China an diesem Wochenende in Shanghai werden die Diskussionen um die umstrittenen neuen technischen Regeln weitergehen. Ganz oben auf der Tagesordnung für Formel-1-Besitzer Liberty Media, den Automobilweltverband Fia und die elf Rennställe aber steht die drängende Frage, wie es mit dem Rennkalender weitergeht.

Denn nach dem Großen Preis von Japan Ende März stehen im April kurz aufeinanderfolgend die WM-Läufe in Bahrain und Saudi-Arabien auf dem Programm. Sie waren bewusst so gelegt worden, um den Ramadan zu umgehen, und stehen jetzt auf der Kippe. Denn der Formel 1 läuft wegen des Iran-Kriegs die Zeit weg.

Ein Batterie-Reglement, das nicht von Rennfahrern geschrieben wurde, sondern vom Zeitgeist, spaltet die Formel 1. Es begünstigt nicht die instinktivsten Piloten, sondern die schlausten.

Die gewaltige Logistik für den PS-Zirkus funktioniert zwar besser und zuverlässiger als die neue Rennwagengeneration, aber sie ist auch kompliziert und benötigt entsprechenden Vorlauf. Es geht dabei nicht nur um das Material für die Boxencrews, das wie die Autos mit sechs Boeing-777-Frachtmaschinen eingeflogen wird. Die großen und schweren Aufbauten werden per Schiff transportiert. Was kostensparend ist, nun aber das Problem verschärft, denn der Seeweg erscheint momentan noch gefährlicher als die Flugrouten.

Deshalb gehen Fahrerlager-Insider davon aus, dass nach dem Grand Prix in Shanghai die offizielle Absage der beiden arabischen Rennen erfolgt. Offenbar haben sich die Teams schon in Melbourne, wohin Teile der Rennmannschaften wegen des Kriegsausbruchs nur unter großen Schwierigkeiten und mit Umwegen sogar über Tansania gelangt waren, auf einen möglichen Verzicht verständigt. Als wirklich globaler Sport ist die Königsklasse stets besonders anfällig für komplizierte Weltlagen.

Reisewarnungen und Versicherungsfragen lassen wohl keine andere Wahl, mal ganz abgesehen von der Vernunft. Dahinter verbergen sich ganz praktische Überlegungen. Keiner will riskieren, dass Personal oder Material im Mittleren Osten festhängt, zumal das darauffolgende Rennen in Miami eines der wichtigsten und lukrativsten im ganzen Jahr ist. „An erster Stelle steht für uns die Sicherheit aller Beteiligten, der Menschen und des Veranstalters selbst“, betont Formel-1-Geschäftsführer Stefano Domenicali, der bislang auf Abwarten gespielt hat, aber seit zwei Wochen täglich die Lage neu einschätzen lässt. Die nötige Sicherheit kann ihm keiner garantieren, auch kein möglicher Waffenstillstand. Schon 2011 musste das Rennen in Bahrain wegen schwerer politischer Unruhen abgesagt werden, 2022 beschossen Huthi-Rebellen eine Raffinerie in der Nähe der Rennstrecke im saudi-arabischen Dschidda. Der russische Grand Prix wurde vor vier Jahren am Tag nach Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine aus dem Kalender gestrichen.

Der Italiener Domenicali ist Statthalter des US-Unterhaltungskonzern Liberty Media, dem die Formel-1-Rechte gehören. Dort will man alles, aber keine negativen Schlagzeilen. Vorbesitzer Bernie Ecclestone und sein Freund und Anwalt Max Mosley, praktischerweise auch der oberste Motorsportfunktionär, waren bei vorangegangenen Krisen nie so zimperlich. Gefahren wurde in Asien trotz Vogelgrippe; auch Kriegshandlungen, die den Weg der Formel 1 kreuzten, wurden ignoriert – man solle sich doch bitte nicht so anstellen. Widerspruch zwecklos.

Angesichts der medialen Aufmerksamkeit von heute wäre dieser Leichtsinn undenkbar. Mehr denn je wird von den Motorsportlern ein Höchstmaß an Verantwortung gefordert, in allen Bereichen. Der aus Dubai stammende Fia-Präsident Mohammed Ben Sulayem, der aus Gründen der „Sicherheit und des Wohlergehens“ bereits das für den 28. März in Katar geplante Rennen der Langstreckenrennen-Weltmeisterschaft hat absagen lassen, gibt sich staatsmännisch: „In dieser Zeit der Unsicherheit hoffen wir auf Ruhe, Sicherheit und eine rasche Rückkehr zur Stabilität. Der Dialog und der Schutz der Zivilbevölkerung müssen im Vordergrund stehen.“ Mercedes-Teamchef Toto Wolff drückt es einfacher aus: „In diesen Zeiten ist die Formel 1 nur die zweite Priorität.“

Natürlich geht es, wie immer in der Formel 1, auch ums Geld. Das ist heutzutage nicht anders, nur dass sich die Summen potenziert haben. Im vergangenen Jahr hat die boomende Rennserie gut 1,4 Milliarden Dollar an Tantiemen an die Teams ausgeschüttet, ein Großteil davon stammt aus den Start- und Werbegeldern für die 24 Rennen. Fallen die beiden hoch dotierten Gastspiele am Golf aus, würden mehr als acht Prozent an Einnahmen fehlen. Das würde sich auch empfindlich auf die Tantiemen auswirken. Die Rennstall-Bosse, die über die Absage mitentscheiden, haben bereits die Gegenrechnung erstellt, dass sie erheblich an Reise- und Transportkosten sparen.

Auf die Schnelle zwei Ersatzorte zu organisieren, wie es der Formel 1 während der Corona-Pandemie so bravourös gelungen war, scheint diesmal kaum möglich zu sein. Die ins Spiel gebrachten Strecken im portugiesischen Portimão und in Domenicalis italienischer Heimatstadt Imola müssten aus dem Stand ein Rennen organisieren – und vor allem refinanzieren, was bei aller spontanen Begeisterung des Publikums eher unwahrscheinlich ist. Und um die Rennen in Bahrain und Saudi-Arabien zu einem späteren Zeitpunkt des Jahres nachzuholen, fehlt der Platz im Rennkalender. Möglicherweise leisten die beiden arabischen Rennveranstalter aus Prestigegründen sogar eine kleine Abstandszahlung für den Verzicht. Die Ölstaaten wollen ihren Einfluss wahren, zumal sie entscheidende Geldgeber für die Rennställe von McLaren, Aston Martin und Audi sind. Den Saudis werden zudem immer wieder Absichten nachgesagt, die Formel 1 als Ganzes zu kaufen.

120 Rennmanöver statt 45 wie im Vorjahr: Der erste Grand Prix mit dem halb elektrischen Reglement liefert beim Doppelerfolg von Mercedes die gewünschte Unterhaltung. Die Anführer der Anti-Energiespar-Fraktion wirken wie schlechte Verlierer.

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