SZ 28.09.2026
15:55 Uhr

Fashion Week Mailand: Zur Kasse, Schätzchen!


Wie geht Kaufrausch? Gucci, Prada oder Jil Sander liefern bei der Mailänder Modewoche dazu ganz unterschiedliche Ansätze. Diesel inszeniert stattdessen erotische Momente im Publikum.

Fashion Week Mailand: Zur Kasse, Schätzchen!
Model Rosie Huntington-Whiteley präsentiert einen Gucci-Look mit ganz viel Fake Fur aus der Spring/Summer-2027 - Kollektion.
Claudia Greco/REUTERS

Der dystopische Film „RoboCop“ von Paul Verhoeven liegt bald vierzig Jahre zurück. Roboter-Polizisten gibt es, soweit man weiß, immer noch nicht, sehr wohl aber mehr und mehr von den Robo-Dingern an anderen Stellen. Vergangene Woche zum Beispiel auf dem Laufsteg bei der Mailander Fashion Week. Allerdings wird ihr Auftritt dort eher als „RoboFlop“ in die Geschichte eingehen.

Die Macher von Vogue World, dem finanziell durchaus erfolgreichen Modezirkus-Format für zahlende Gäste, hielten es dort jedenfalls für eine gute Idee, nach lauter Topmodels wie Gigi Hadid und Promis wie Jennifer Lopez noch zwei tanzende Roboter über den Runway zu schicken. Das Internet tobte. Denn offiziell sollte diese Sause ja italienische Handwerkskunst feiern. Wer bitte hatte hier den Schuss nicht gehört? Mit KI und Maschinen hat es die Branche nämlich nicht so. Schließlich lautet ihr Überlebensnarrativ, dass echter Luxus gefälligst human- und handmade sein muss, nicht zuletzt, um mit dem romantischen Faktor Mensch die irren Preise der Produkte zu rechtfertigen.

Oder stammte die „innovative“ Idee mit den tanzenden Robotern etwa von den neuen Sponsoren des Events, Meta und Open AI? Miuccia Pradas versteinerter Gesichtsausdruck in der ersten Reihe gehört jedenfalls jetzt schon zu den beliebtesten Memes in der Kategorie „WTF“.

Die Designerin hatte mit ihrem Co-Kreativdirektor Raf Simons wenige Stunden zuvor die Mailänder Fashion Week eröffnet und die Latte gleich mal wieder ziemlich hoch gelegt. Prada zeigte für nächsten Sommer keine einzige Hose, kein einziges Kleid, sondern einfach mal 63 Variationen von knielangen Röcken. Es ist nicht zu übersehen, dass Frau Prada selbst auch Röcke bevorzugt und sie für so essenziell und universell wie ein T-Shirt hält, aber in dieser Konsequenz hatte sie noch nie damit gespielt. Die Models trugen Wickelröcke mit Velcro-Klettbandverschlüssen, plastifizierte Plissées, eine Art Kristall-Macramé, übereinander geschichtete Röcke und so weiter. Kombiniert werden sie betont eklektisch mit Pullovern, Oberteilen mit Blumenmustern oder gewellten Bruststreifen, die man mit viel gutem Willen als Bandeau-Top bezeichnen könnte. Der sehr bauchfreie „Bra-zu-Rock-Look“ war später auch noch bei Dolce & Gabbana bis Fendi zu sehen und wird uns und unsere Abdominalregion in Zeiten von Ozempic offensichtlich noch lange begleiten.

Apropos: Der Abnehmpillenhersteller Eli Lilly war auch Mitsponsor der Vogue World, was angesichts der wieder sehr mageren Models auf den Laufstegen ein bisschen zu gut ins Bild passte und aktuell noch für Diskussionen sorgt.

Teilweise waren an den Prada-Mini-Tops noch Mini-Täschchen mit abnehmbarem Clip befestigt, in die aber – Stichwort Schwerkraft – besser keine zu schweren Lippenstifte und Schlüssel gesteckt werden sollten. Ebenfalls ein Bestseller dürften die „Splitscreen“-Sonnenbrillen mit unterschiedlichem Design links und rechts werden. Alles in allem keine bahnbrechende Kollektion, die auf der ewigen Prada-Hitliste unter den Top Ten landet, aber ein astrein durchkomponiertes Angebot, das zu weiterhin sehr guten Umsätzen im Konzern führen dürfte. Denn, Zitat Prada: „Wir entwerfen Kleidung für ein Unternehmen, das Kleidung verkaufen muss. Wenn ich etwas machen wollte, das sich nicht verkauft, sollte ich den Job wechseln.“ Klingt nach Binsenweisheit, aber die Denke hat sich tatsächlich erst seit dem Abflachen der Post-Pandemie-Shopping-Euphorie so richtig durchgesetzt. Deshalb wird backstage bei Jil Sander unverblümt gestreut, dass die Marke unter dem neuen Designer Simone Bellotti wieder schwarze Zahlen schreibe. Nächste Saison dürften sie sogar noch fett schwärzer werden, denn seine dritte Kollektion jetzt ist noch einmal auf ganzer Länge besser.

Lässig geschnittene Anzüge, Jacketts und Mäntel, die an der Taille gerafft sind, Hosen mit mehrfachen Bügelfalten, Hemden mit extra großer Kragenweite, damit sie am Hals leicht nach vorn kippen, Seidenröcke, die unter der Knitteroptik noch einen subtilen Print offenbaren. Wer das immer noch stumpf „Minimalismus“ nennt, hat offensichtlich nur Dolce & Gabbana und Roberto Cavalli zum Vergleich auf der Pfanne.

Wobei dieses Spektrum gerade ebenfalls wieder an Bedeutung gewinnt. Cavalli, weil die Gen Z furchtlos Animalprints in Vintage-Läden hervorkramt, D&G, weil sie sich angesichts eines erdrückenden Schuldenbergs wieder auf ihre Kernkompetenz „endless Sicilian Summer“ besinnen. Weiße Sommerkleider mit Lochspitze, Korbtaschen, Spitze, Leo-Muster, wild durcheinander und mit sehr vielen Accessoires kombiniert.

Die Geschmacksrichtung „tacky“ ist definitiv zurück, weil das nun mal deutlich mehr Spaß macht als streng guter Geschmack. Deshalb wird an jeder Ecke in Mailand noch einmal die erste und einzige Kollektion von Dario Vitale für Versace bejammert. Wie „hot“ und gleichzeitig „cool“ war das bitte? Der Italiener hatte hier vor einem Jahr sein Debüt gezeigt, wurde nach der Übernahme der Marke durch Prada kurzerhand abgesägt, nächste Saison wird er für Emporio Armani entwerfen. Bei dem Gedanken daran, was der Mann in Zukunft alles mit dem technoiden Adler-Logo anstellen könnte, bekommen manche Modeleute bereits feuchte Augen.

Die beiden besten Showsets der Saison lieferten – wenig überraschend – die Megabrand Gucci, und – durchaus überraschend – die Jeansmarke Diesel. Dort zeigte der Belgier Glenn Martens seine letzte Kollektion, weil er sich fortan im gleichen Konzern auf seinen Job bei Maison Margiela konzentrieren wird, und zum Abschluss bewies der 43-Jährige noch einmal, dass er zu den Besten seiner Generation gehört.

Materialien „ätzen“ hier förmlich ineinander und sorgen für lässigen Materialmix mit ausgefransten Kanten. Sehr viel mehr bekamen die meisten von der Kollektion dann leider nicht mehr mit, weil im Publikum plötzlich ein Pärchen mit heftigem „Petting“ loslegte, wie das in der Bravo früher hieß. Sie streichelten sich selbst, gegenseitig, kuschelten und knutschten wild miteinander rum, dazu lief Donna Summers „Love to love you Baby“ mit extra lautem Gestöhne, und als man dahinter und daneben weitere Paare und Dreierkonstellationen entdeckte, war klar, dass das jetzt ein bisschen zu heiß wurde, um nicht inszeniert zu sein. Später gab’s die Aufklärung: 200 Performancekünstler des Kollektivs LA(HORDE) aus Marseille waren engagiert worden, um die spezielle „Diesel-Energie“ aus Rausch und Lust zu transportieren. Die Zahlen stimmen hier übrigens auch, vergangenes Jahr soll die Marke das beste Ergebnis seit zehn Jahren erreicht haben.

Bei Gucci ging es mit den Zahlen (und dem Sex) zuletzt bekanntlich in die andere Richtung. Deshalb wurde der Mastermind Demna geholt, der auf dem Papier nun seine dritte Präsentation, aber, wie er vorab erklärte, jetzt seine erste „wirkliche“ Vision für das Haus präsentierte. Dafür gab es natürlich erst mal Häme, dass da jemand offenbar drei Debüts Anlauf braucht und so weiter. Fakt ist, dass andere Designer bei anderen Häusern durchaus mehr Zeit bekommen, sich auf eine Marke einzustellen. Die hat der Mutterkonzern Kering aber nicht, denn unter seinem Dach läuft es gerade nirgendwo so richtig gut. Alexander McQueen verschwindet in der Bedeutungslosigkeit, Saint Laurent steht vor einem Designerwechsel, Balenciaga offensichtlich auch schon wieder. Gucci muss jetzt wirklich zünden, es muss jetzt bitte wirklich geshoppt werden – und für den Fall, dass irgendwer nicht mehr weiß, wie das geht, wurde als Showkulisse kurzerhand das neue Storedesign in die Messehalle montiert. Promis wie Shawn Mendes, Bianca Jagger und (die ehemalige Gucci-Verkäuferin) Georgina Rodríguez saßen auf beigefarbenen Sofas vor Marmorfurnier, während viele der Models bei ihrem Walk so taten, als schauten sie sich die mit echten Produkten der aktuellen Kollektion bestückten Auslagen an. Als Show natürlich großartig. Aber werden die Leute jetzt endlich wieder Gucci kaufen?

Die männlichen Demna-Fans vermutlich schon. Die bourgeois-verwahrlosten Typen mit lang gezogenen Loafern, knöchellangen Jeans und Hemden oder Jacken mit Gucci-Monogramm als Futter sieht man jedenfalls schon regelrecht aus der Boutiquentür heraus ins echte Leben laufen. Sie tragen das typische „Horsebit“ auf den Kragen der Hemden oder Epauletten der Mäntel, in XXL-Version am Gürtel und auf Handtaschen. Der ewige Reiter-Chic, die Trenchcoats und die bis zum Zwerchfell geschlitzten Tom-Ford-Abendkleider bei den Frauen sind hingegen hinlänglich bekannt. Wirklich neu oder zwingend ist hier wenig, allenfalls die Fake Furs in Palazzo-Größe und Bomberjacken zu Schottenröcken und einem Dutzend Ketten. Dieses „Gucci-Gefühl“ irgendwo zwischen hedonistisch, großspurig und ein eben auch ein bisschen tacky macht definitiv Laune; löst aber wahrscheinlich noch keinen Kaufrausch aus, wie bei der Konkurrenz von Chanel.

Für alle, die bei Mode vor allem wissen wollen, was man denn demnächst so trägt: Übergreifende Trends gibt es immer weniger, ein paar aber natürlich schon. Für nächsten Sommer kann man schon mal in perforierte Schuhe investieren (Tod’s, Prada, Jil Sander), in Pastellfarben, insbesondere Gelb mit Lila oder Rosa (Bottega Veneta, Jil Sander) sowie mit einem Styling anfangen, das die New York Times „Gen Z Chaos“ nennt. Bloß nicht Ton in Ton und schon gar nicht nur gleiche Stile kombinieren (Marni, Dolce & Gabbana).

Marken wie  Tod’s, Fendi oder Ferragamo scheinen sich aber gar nicht mehr groß um Trends und Hypes zu scheren und machen einfach (und gut) ihr Ding. Die Kollektion von Maximilian Davis für Ferragamo mit doppelten Gürteln, die aber nicht nur die Silhouette akzentuieren, sondern ein Kostüm in extrem kurze Jacke und hoch tailliertem Rock unterteilen, gehörte sogar zu seinen bislang besten. Wenn man das Geld hätte, würde man sogar in diesen 40er-Jahre-inspirierten Vinyl-Kleidern auf die Straße gehen.

Im Film „RoboCop“ spürt der Cyborg-Polizist Murphy übrigens doch immer wieder seine Menschlichkeit hinter der Platine, seine alte Identität erweist sich als stärker als die Technik, die ihn kontrollieren will. Die perfekte Parabel dazu liefert am Ende Louise Trotter bei Bottega Veneta. Ihre Kollektion ist wieder randvoll mit kreativer Handwerkskunst, die keine Maschine so fertigen könnte. Diesmal wirken die meisten Silhouetten zudem leichter, weniger bemüht. Sie verstehe den Sommer als optimistische Idee, sagt die Engländerin, „weniger tragen, mehr fühlen“. Im Publikum sitzt Jacob Elordi, als letztes Model läuft seine aktuelle Freundin Kendall Jenner, die er dabei verzückt mit seiner Digitalkamera fotografiert. Endlich, Amore! Und zwar nicht als Inszenierung oder Aktionskunst – und auch nicht von Robotern. Der schönste Promi-Moment von Mailand.

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