SZ 02.06.2026
11:38 Uhr

Debatte bei den French Open: Das Wunder von Paris: Zwei Frauen dürfen abends spielen!


Naomi Osaka und Aryna Sabalenka spielen bei den French Open eine Night Session. In Paris keine Selbstverständlichkeit, sondern noch immer ein Politikum – über das nun wieder debattiert wird.

Debatte bei den French Open: Das Wunder von Paris: Zwei Frauen dürfen abends spielen!
„Ich persönlich fand es wirklich cool“: Die Japanerin Naomi Osaka kämpft um jeden Zentimeter in ihrem Abendmatch gegen die Weltranglistenerste Aryna Sabalenka, das sie 5:7, 3:6 verliert. Stephane Mahe/Reuters

Da saß Naomi Osaka, diesmal nicht in Tüll, Seide oder womöglich Cellophan gehüllt – der modischen Ausnahmeerscheinung im Frauentennis traut man inzwischen alles zu, – und sie staunte. Was? Ihr Achtelfinale an diesem späten Montag gegen die Weltranglistenerste Aryna Sabalenka aus Belarus, das sie 5:7, 3:6 verlor, war die erste sogenannte Night Session zweier Frauen auf dem Court Philippe-Chatrier seit drei Jahren? „Welches Match fand vor diesem hier statt?“, fragte Osaka. „Sabalenka gegen Stephens“, bekam sie zugerufen. 2023 war das.

Da staunte Osaka gleich noch mehr. „Wow. Ich meine, ich persönlich fand es wirklich cool“, sagte die 28 Jahre alte Japanerin: „Ehrlich gesagt, hat es wirklich Spaß gemacht, dort zu spielen. Das letzte Mal, dass ich mich erinnern kann, hier ein Match in der Abend-Session gespielt zu haben, war natürlich gegen Iga.“ Sie meinte die viermalige Siegerin der French Open, die Polin Iga Swiatek: „Allerdings wurde mir gesagt, dass dies kein offizielles Night Match gewesen sei. Es ist mir eine Ehre, dass das Turnier uns für diesen Spieltermin ausgewählt hat, und ich hoffe, dass sie dies auch in Zukunft so handhaben werden.“

„Komme nicht, um eine Modenschau zu machen“: Tennisprofi Laura Siegemund scheitert in Paris, echauffiert sich aber über ihre Gegnerin im Glitzerkleid. Diese werde von den Schiedsrichtern bevorzugt.

Zwei Frauen in Paris zur Abendbegegnung im Hauptstadion anzusetzen, mag nach einer Selbstverständlichkeit klingen. Nur: Beim Sandplatzklassiker in Frankreich ist es das nicht. Dieses Thema ist, seit 2021 die Night Matches eingeführt wurden, regelmäßig ein Politikum. Der französische Tennisverband (FFT) nimmt als Veranstalter zunächst einmal aufgrund zusätzlich verkaufter Tickets noch mehr Geld ein; die Preise rangieren zwischen 60 und 280 Euro. Und in Frankreich wurden die TV-Rechte für die Night Matches exklusiv an Amazon Prime verkauft. Das ist erfreulich für die Fédération Française de Tennis, und doch herrscht jedes Jahr Verstimmung unter den Spielerinnen. Sie fühlen sich übergangen, die Statistik belegt ihren Unmut. Seit 2021 fanden bis zum Duell Osaka gegen Sabalenka 56 Männerpartien am Abend statt – und nur vier Frauenpartien. Da kann man wie Osaka „Wow“ sagen.

Natürlich musste sich Amélie Mauresmo rechtfertigen. Zu Beginn des Turniers traf die neue WTA-Vorsitzende, Valerie Camillo, die frühere Tennis-Weltranglistenerste, die seit 2021 als Turnierdirektorin der French Open arbeitet. Camillo warb für eine stärkere Präsenz von Frauenmatches. Nachdem acht Partien in Serie nur mit Männern besetzt wurden, geriet Mauresmo öffentlich wieder unter Druck, sie kennt das Spielchen, und im Grunde kennt jeder hier Mauresmo.

Früher auf dem Platz war die Defensive ihre Stärke, auch heute lässt die 46-Jährige Angriffe an sich abperlen, nur verbal. „Die Paarungen sind sowohl bei den Herren als auch bei den Damen immer interessant“, sagte sie am Montag völlig allgemein: „Wie üblich spielen bei unserer Entscheidung mehrere Faktoren eine Rolle. Wie Sie wissen, berücksichtigen wir dabei auch die potenzielle Dauer der Matches – und so wurde entschieden, dieses Spiel am Abend anzusetzen.“ Sie bezog sich auf Osaka und Sabalenka. Eine Stunde und 27 Minuten dauerte deren Partie. Mauresmo dürfte sich nachträglich bestätigt sehen, dass Männer fast immer den Vorrang erhalten.

Was könnte die Lösung sein, um alle zu befrieden? Bei den Australian Open und den US Open finden pro Tag zwei Abendmatches statt, je eines der Frauen und der Männer. In Wimbledon gibt es keine Night Session, dort ist die Geschichte eine andere. Denn aus Lärmschutzgründen darf im All England Club nur bis 23 Uhr gespielt werden. Sollte sich Paris ein Beispiel an Melbourne und New York nehmen? Diese Frage beantwortete Mauresmo 2025 so: „Wir müssen die 15 000 Zuschauer, die zu den Abendspielen anwesend sein werden, im Blick behalten.“ Und: „Wenn wir zwei Spiele in der Abendsession haben, funktioniert das nicht, wenn man bedenkt, wie spät die Spieler fertig sind. Das ist meine Meinung.“ Ihr war es wichtig zu betonen: „Die Message war niemals, dass Frauen es nicht wert sind, das Abendmatch zu bestreiten.“ Doch genau so kam es bei manchen an. „Ich glaube nicht, dass Sie Töchter haben, denn ich glaube nicht, dass sie Ihre Töchter so behandeln wollen“, sagte im vergangenen Jahr die Tunesierin Ons Jabeur.

Die viermalige Grand-Slam-Siegerin Osaka sah die Sache in Paris entspannter, jedoch aus einem bezeichnenden Grund: Sie verbinde „dieses Turnier gar nicht mit Night Sessions“. Sabalenka, die auf ihren ersten Triumph in Frankreich hofft und im Viertelfinale auf die Russin Diana Schnaider trifft, wollte sich an der Debatte nicht groß beteiligen. Die 28-Jährige fand das Erlebnis aber toll: „Wenn man mich fragen würde, ob ich gern öfter in den Night Sessions spielen würde, würde ich natürlich sagen: Ja, das würde ich gern – es herrschte wirklich eine Wahnsinnsatmosphäre.“

Am deutlichsten sprachen derweil Männer aus, dass sich etwas ändern müsse. Boris Becker forderte als Kommentator bei Eurosport: In Zeiten der Gleichberechtigung müssen „auch mal die Damen abends ran, egal, wie lang das Match ist“. Und der frühere britische Profi Tim Henman meinte: „Wenn die Night Session für eine höhere Zuschauerreichweite und mehr Aufmerksamkeit für das Match sorgt, ist es von entscheidender Bedeutung, dass auch die Damen diese Chance erhalten.“

Seit vier Jahren fallen Bomben auf ihr Land. Die Ukrainerin Oleksandra Olijnykowa klagt den Aggressor an – und ihre Gegnerin Diana Schnaider. Sie wirft der Russin vor, bei einem von Gazprom gesponserten Turnier gespielt zu haben. Und Schnaider? Will nur über Tennis reden.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: