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12.05.2026
10:40 Uhr
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Lange hielt man Riesenkalmare für eine Legende. Nun meinen Forscher, dass ein ähnliches Tier einst sogar mit Meeressauriern an der Spitze der Nahrungskette stand. Werden Kopffüßer noch immer unterschätzt?

Es ist dunkel und einsam in den Tiefen der Ozeane. Nicht leicht, dort rätselhafte Kreaturen zu finden, vor denen Seefahrer einst in Angst und Schrecken lebten. Um gewaltige Kraken und Kalmare ranken sich seit jeher Legenden, ganze Schiffe sollen sie in die Tiefe gerissen haben.
Das sind nur Mythen, aber die Tiere sind real, wie man inzwischen weiß: Architeuthis dux etwa, der Riesenkalmar, ist mit bis zu zwölf Metern das größte wirbellose Tier der Welt, vielleicht gibt es sogar noch größere Exemplare. Aber sehr viel mehr ist nicht über ihn bekannt. Erst 2004 wurde das Tier erstmals lebendig fotografiert, mit einer an einer kilometerlangen Angel in die Tiefe gehängten Kamera.
Heute lebt der Riesenkalmar verborgen in der Tiefsee. Wenn er nicht regelmäßig in den Mägen von Pottwalen landen würde, wo man seine Überreste dann findet, wüsste man noch weniger über ihn. Doch nun berichten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von einem ähnlichen Tier, das vor rund 80 Millionen Jahren gelebt haben soll. Und es könnte geradezu der Legende entsprungen sein.
Denn der riesige Oktopus Nanaimoteuthis haggarti soll sogar bis zu 19 Meter lang gewesen sein – und einer der mächtigsten Meeresjäger seiner Zeit, der es womöglich sogar mit den gewaltigen Mosasauriern aufnehmen konnte.
Das Forscherteam um den Paläontologen Yasuhiro Iba von der Universität Hokkaido hat kürzlich im Fachmagazin Science über seine Untersuchungen der Überreste von riesigen, krakenähnlichen Tieren aus Japan und Kanada berichtet.
In der Studie untersuchten die Forscher die fossilen Kauwerkzeuge von insgesamt 27 Oktopus-Verwandten aus der Kreidezeit. Sie identifizierten dabei zwei Arten, Nanaimoteuthis jeletzkyi und Nanaimoteuthis haggarti. Die Kiefer haben eine schnabelartige Form und sind die einzigen Überreste der wirbellosen Tiere. Die Autoren schätzen ihre Körperlänge auf sieben bis 19 Meter, insbesondere Nanaimoteuthis haggarti dürfte eine enorme Größe erreicht haben. Studienautor Yasuhiro Iba räumt ein, dass die Schätzung voraussetzt, dass Nanaimoteuthis einen ähnlichen Körperbau habe wie heutige Oktopusse. Der Paläontologe Christian Klug von der Universität Zürich, der nicht an der Studie beteiligt war, hält die Schätzung für „halbwegs realistisch“. Damit wäre dieser Oktopus das größte jemals entdeckte wirbellose Tier.
Mit dem neuen Fund hinterfragen die Paläontologen das Bild vom schwachen, wirbellosen Tier im Zeitalter der stärksten Wirbeltiere. In der Kreidezeit regierten Wirbeltiere wie Tyrannosaurus Rex die Landmassen und riesige Wasserechsen die Ozeane – aber offenbar nicht unangefochten. Die neue Studie beschreibt Nanaimoteuthis haggarti als Spitzenjäger, der möglicherweise neben Mosasauriern und Haien die Ozeane der Kreidezeit dominierte. Darauf deuten Abnutzungsspuren an den Schnäbeln hin.
Die Studie schätzt den Verschleiß auf etwa zehn Prozent der Kieferlänge – mehr als bei heutigen Kopffüßern, die harte Beute fressen. Die Forschenden schließen daraus, dass Nanaimoteuthis selbst harte Schalen knacken konnte, etwa die von Ammoniten. „Bei den Ammoniten haben wir ab und zu Schalenverletzungen, die sind dreieckig in der Form und passen perfekt zur Form der Oktopodenschnäbel“, sagt René Hoffmann, Paläontologe von der Ruhr-Universität Bochum, der nicht an der Studie beteiligt war.
Eine weitere seltsame Beobachtung der Studienautoren: An den Schnäbeln sieht man, dass diese rechts und links unterschiedlich stark abgeschliffen sind. Die Kreidezeit-Oktopusse haben beim Fressen eine Mundseite offenbar der anderen vorgezogen. Das ist für die Forscher ein möglicher Hinweis auf komplexe Gehirnfunktionen. Studienautor Yasuhiro Iba sagt: „Eine solche Lateralität geht mit komplexen Nervensystemen und ausgefeiltem Verhalten einher.“ Doch René Hoffmann ist skeptisch. „Einseitige Abnutzung der Kauapparate gibt es bei sehr vielen Organismen. Daraus abzuleiten, dass der Nanaimoteuthis haggarti sehr intelligent war, halte ich für schwierig.“ Christian Klug dagegen schätzt die These als „relativ plausibel“ ein. Zumal auch die heutigen Oktopoden als klug gelten.
Eine direkte evolutionäre Verbindung gibt es nicht zwischen Nanaimoteuthis und dem heutigen Riesenkalmar. Beide Tiere gehören zu den Kopffüßern, wobei Architeuthis dux zehn Tentakel hat, Nanaimoteuthis haggarti nur acht. Studienautor Yasuhiro Iba betont jedoch, dass sich riesige Körpergrößen und ausgeprägte Raubtierfähigkeiten bei Kopffüßern offenbar in der Evolution immer wieder entwickelt haben.
Und so bleiben die Tiere auch heute noch fast mythische Wesen, die Forscher faszinieren. Denn trotz der neuen Befunde ist das Wissen über die großen Kopffüßer weiterhin dürftig.
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