SZ 29.03.2026
10:50 Uhr

(+) Wildtiere in Bayern: „Das ist die Verhausschweinung der Hirsche“


Die Fütterung des Rotwilds ist seit jeher umstritten. Bisher ist sie nur in der kalten Jahreszeit üblich. Jagdminister Aiwanger will sie nun auch in den Sommermonaten ermöglichen. Experten sind alarmiert.

(+) Wildtiere in Bayern: „Das ist die Verhausschweinung der Hirsche“
Rotwild an einer Winterfütterung. Foto: Konrad Wothe/Imago

Der Förster Alfons Leitenbacher ist bekannt dafür, dass er die Dinge direkt anspricht.  So auch, wenn um es um die Pläne von Jagdminister Hubert Aiwanger (FW) zur Fütterung des Rotwilds in den Bergwäldern Bayerns geht. „Wenn sie so Wirklichkeit werden, wie es sich Herr Aiwanger vorstellt, dann ist das die Verhausschweinung der Hirsche“, sagt Leitenbacher, einer der besten Kenner nicht nur des Rotwilds, sondern außerdem der Bergwälder in Bayern. „Hirsche sind keine frei lebenden Wildtiere mehr, wenn man sie das ganze Jahr füttert.“

Wie Leitenbacher, 66, denken viele in der Waldszene in Bayern, auch wenn sie es nicht so offen aussprechen wie der Förster. Dazu muss man wissen, dass die Fütterung des Rotwilds seit jeher heftig umstritten ist. Bisher ging es freilich ausschließlich um die sogenannte Winterfütterung zwischen November und April. Sie ist weitverbreitet. Ihre Befürworter, unter ihnen vor allem die Jäger, halten sie unbedingt notwendig, damit die Tiere gut durch die kalte Jahreszeit kommen und nicht zu viele Fraßschäden in den Bergwäldern anrichten.

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Die Kritiker entgegnen, dass das Rotwild wie alle anderen Wildtiere von seiner Biologie her keinerlei Fütterung braucht. Denn es frisst sich in der warmen Jahreszeit Fettreserven an, von denen es im Winter zehrt. Außerdem stellen die Tiere in den kalten Monaten ihren Stoffwechsel um und sind weniger aktiv. Leitenbacher sieht eine Rotwild-Fütterung allenfalls in extrem schneereichen und sehr kalten Wintern als gerechtfertigt an. Solche Winter sind wegen des Klimawandels aber immer seltener.

Nicht zuletzt wegen der milden Winter ist die Zahl der Hirsche, Hirschkühe und Jungtiere in den Bergwäldern auf Rekordniveau. Das zeigen einschlägige Forschungen, das Ansteigen der Abschusszahlen und vor allem die Fraßschäden, die trotz aller bisheriger Fütterung nicht weniger werden, sondern bestenfalls auf hohem Niveau stagnieren und vielerorts sogar zunehmen. „Was die Wälder brauchen, ist weniger Rotwild“, lautet deshalb das Credo des Experten Leitenbacher. „Die Jäger müssen die Bestände in ihren Revieren absenken, damit Population und Lebensraum endlich wieder zueinanderpassen.“

Aiwanger will derweil nicht nur die Winterfütterung des Rotwilds fortsetzen, wie er das im Februar auf einer Jagdmesse in Salzburg angekündigt hat. Sondern zusätzlich die Fütterung der Tiere in der warmen Jahreszeit ermöglichen. So kann man es im Entwurf der neuen Ausführungsverordnung zum bayerischen Jagdgesetz aus seinem Ministerium nachlesen, der derzeit in der Waldszene kursiert.  Aiwangers Begründung: Damit könne man „in gewissen Ausnahmefällen“ Schäden in den Wäldern oder an landwirtschaftlichen Kulturen vermeiden. Zumindest in den „Ausnahmefällen“ dürften die Jäger dann das Rotwild das ganze Jahr hindurch füttern.

Das Agrarministerium, das immerhin für eine gute Zukunft der Wälder in Bayern zuständig ist, will sich nicht zu Aiwangers Plänen äußern. Als Grund nannte ein Sprecher von Ministerin Michaela Kaniber (CSU), dass die neue Verordnung dazu ja bisher nicht beschlossen und bekannt gemacht worden sei.

Wie angeschlagen ist Markus Söder nach den Kommunalwahlen? Und was bedeuten die herben CSU-Verluste für die Machtverhältnisse in Bayern? Der Parteienforscher Michael Weigl sieht „ein echtes Warnsignal“ und erklärt, warum Hubert Aiwanger trotz des Erfolgs aufpassen muss.

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