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22.07.2026
15:39 Uhr
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Die Finanzaufsicht legt den Sterbegeldversicherer Bochumer Versicherungsverein still. Er hatte sich mit Investitionen in Immobilien verhoben – ausgerechnet bei Altersheimen.

Der kleine Versicherer Bochumer Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit (BVaG) ist am Ende. Die Finanzaufsicht Bafin hat ihm die Erlaubnis zum Geschäftsbetrieb entzogen. Das bestätigte Vorstandsmitglied Jan Kratel der Süddeutschen Zeitung. Schon im Mai hatte die Behörde der Sterbekasse das Neugeschäft untersagt. Das Unternehmen hatte sich mit Immobilieninvestitionen verhoben, ausgerechnet bei Altersheimen. In der Bilanz für 2025 muss der BVaG rund 30 Millionen Euro auf Immobilien abschreiben, ein Sechstel der Kapitalanlagen von insgesamt 180 Millionen Euro. Damit fehlt dem Versicherer das Geld, um die gesetzlichen Mindestkapitalanforderungen zu erfüllen.
Monatelang hatten der Sterbegeldversicherer und die Bafin einen Käufer für den Bestand gesucht. Vergeblich: Niemand wollte die Verträge übernehmen. Jetzt wird der BVaG wohl abgewickelt. Die Angehörigen der rund 120 000 Mitglieder müssen mit Leistungseinschränkungen rechnen.
Sterbegeldversicherer zahlen nach dem Tod den Angehörigen eine vorher vereinbarte Summe aus, meistens zwischen 3000 Euro und 8000 Euro. Die Beiträge betragen je nach versicherter Summe und Eintrittsalter zwischen 20 Euro und 50 Euro. Die meisten Anbieter sind Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit, gehören also ihren Mitgliedern. Viele Sterbegeldversicherer haben ihre Wurzeln in der Schwerindustrie: Bergleute und Stahlarbeiter wollten sicherstellen, dass ihre Familien nach ihrem Tod nicht auf den Bestattungskosten sitzenbleiben. So wurde auch der BVaG 1968 von Bochumer Bergleuten gegründet.
Der jetzt in der Krise steckende Versicherer hatte in den vergangenen 25 Jahren zahlreiche kleinere Sterbe- und Unterstützungskassen übernommen, oft mit nur wenigen Tausend Mitgliedern. Dazu gehörten die Notgemeinschaft Zeche Hugo, die Notgemeinschaft am Grabe Wesel, die Begräbnishilfe Berghofen, der Unterstützungsverein Unter uns von 1923 sowie die Betriebssterbekasse Krupp Koppers. Das dürfte andere Versicherer bei einer möglichen Bestandsübernahme abgeschreckt haben. Denn hinter jeder Fusion steckt auch ein weiteres, oft veraltetes Verwaltungssystem.
Die Beitragseinnahmen des BVaG blieben, typisch für diese Versicherungssparte, bescheiden: Er nahm etwas über sechs Millionen Euro im Jahr ein. Die 180 Millionen Euro Kapitalanlagen legte das Unternehmen vorsichtig an, Immobilien und Forstanlagen gehörten zu den bevorzugten Zielen. Dabei spezialisierten sich die Bochumer auf Immobilien von Altersheimen.
Aber in der Altenpflege herrschen heftiger Wettbewerb und Kostendruck. Die Bundesregierung von SPD, Grünen und FDP hat diesen Druck 2022 durch eine neue gesetzliche Regelung verschärft: Altersheime, die Geld aus der Pflegeversicherung erhalten wollen, müssen seither Mitarbeitende nach Tarif oder zumindest nahe am Tarif bezahlen. Viele Altersheimbetreiber gerieten dadurch in wirtschaftliche Schwierigkeiten und konnten die vereinbarten Mieten nicht mehr aufbringen. Die Folge: existenzbedrohende Verluste bei der Sterbekasse BVaG.
Laut Satzung darf der BVaG die zugesagten Leistungen kürzen, wenn das Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt. Dazu dürfte es hier kommen. Vorstand Kratel betont immerhin, dass der Bafin-Bescheid nur das Neugeschäft betrifft. „Bestehende Verträge werden weiterhin betreut.“ Bis zur Krise beschäftigte der BVaG 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Aufgrund des Stopps des Neugeschäfts musste unsere vierköpfige Vertriebsabteilung geschlossen werden“, teilt Kratel mit. „Die Mitarbeiter wurden sozialverträglich freigesetzt.“
Die Krise der Bochumer wird nicht die letzte unter den Sterbegeldversicherern sein. Zurzeit stehen 26 Gesellschaften unter Aufsicht der Bafin, von der BASF Sterbekasse bis zur Vorsorgekasse Commerzbank. Die Stadt München hat eine eigene Kasse, ebenso wie Dortmund. Es gibt eine Sterbekasse der Feuerwehren und eine der Saarbergleute. Dazu kommen zahlreiche sehr kleine Kassen, die von den Bundesländern beaufsichtigt werden.
Bei den Versicherern unter Bundesaufsicht liegen die Prämieneinnahmen zwischen 200 000 Euro und 20 Millionen Euro im Jahr: Spitzenreiter ist die Sterbekasse des Berliner Versicherers Ideal, der auch einer der wichtigsten Bestattungsunternehmer des Landes ist. Mit 6 Millionen Euro gehört der BVaG zu den vier größten Sterbegeldversicherern. Bei so kleinen Umsätzen wird es für die Gesellschaften immer schwerer, die Anforderungen der Bafin an die IT-Systeme und die Berichtspflichten zu erfüllen. Fusionen sind sehr wahrscheinlich, wenn die übrigen Kassen das Schicksal des BVaG vermeiden wollen.
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