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04.05.2026
11:05 Uhr
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Begleitet von unerwarteten Tönen rutscht St. Pauli auf den vorletzten Tabellenplatz ab. Ein Endspiel am 34. Spieltag kündigt sich an – doch die Ausgangslage wird schlechter.

Einige St.-Pauli-Fans finden, dass Trainer Alexander Blessin eine Mitschuld trägt an der aktuellen Misere. Christian Charisius/dpa
Das Hamburger Millerntorstadion steht im Ruf, eine Bastion der guten Laune zu sein, in der sich St. Paulianer und Fans des Gegners gleichermaßen wohlfühlen dürfen. Und wohlfühlen sollen. Das zumindest besagt das Klischee, und bekanntlich ist an jedem Klischee ein bisschen etwas dran. Am Sonntag jedoch, als der Schiedsrichter zur Halbzeitpause pfiff und St. Paulis Trainerteam in Richtung Kabine schritt, wurde jedwede Trautsamkeit für handgestoppte zehn Sekunden abgeschafft. Es wurde leidenschaftlichst gepfiffen. Und mindestens so leidenschaftlichst geschimpft wurde auf den Tribünen auch.
Der Delegation des Kiezklubs gehörten zu diesem Zeitpunkt vier Leute an. Aber es darf als unwahrscheinlich gelten, dass sich der Unmut an den Analysten Niklas Landwehr oder den Torwarttrainer Sven Van Der Jeugt gerichtet hatte, auch der im Publikum sehr angesehene Assistenzcoach Peter Nemeth kam hierfür eher nicht infrage. Es lag somit auf der Hand: Ausgepfiffen wurde Chefcoach Alexander Blessin.
Der Abstiegskampf spitzt sich zu: Union Berlin, Borussia Mönchengladbach und der Hamburger SV sind gerettet. St. Pauli verliert – der VfL Wolfsburg verbessert sich auf den Relegationsrang.
Mit 0:2 war der FC St. Pauli nach einer fußballerisch dürftigen ersten Halbzeit zurückgelegen, nach einer nicht mehr ganz so dürftigen zweiten Hälfte lautete das Ergebnis gegen Mainz 05 schlussendlich 1:2. Schimpf und Schande waren nach dem Abpfiff deutlich heruntergepegelt, mutmaßlich, weil die Kiezkicker in der zurückliegenden Viertelstunde das getan hatten, was sie den Rest der Partie größtenteils unterlassen hatten: Sie drückten den Gegner in dessen Spielhälfte und kombinierten sich sogar ein-, zweimal gefährlich in dessen Strafraum; es handelte sich dabei um jene Art von Mindestengagement, durch das der späte Anschlusstreffer durch Abdoulie Ceesay (87. Minute) überhaupt erst seine stimmungsaufhellende Wirkung entfalten konnte. Bei der Heimelf war also wenigstens der Versuch zu erkennen, sich gegen die prekäre Gesamtlage zu stemmen. Einige Kadermitglieder argumentierten hinterher, in dieser Phase sei zu sehen gewesen, wie viel „Leben“ weiterhin in St. Paulis Team stecke. Dieses Urteil war nicht völlig falsch, nur: Reicht das, um daraus Hoffnungen auf ein weiteres Jahr Erstklassigkeit zu schöpfen?
Die Gesamtlage drückt sich jedenfalls auch in verheerenden Zahlen und Fakten aus: St. Pauli ist seit acht Spielen sieglos, in diesem Zeitraum wurden gerade einmal drei Pünktchen eingesammelt – der Trend scheint den Klub mit einiger Vehemenz in die zweite Liga zu drücken. Zumal die Konkurrenz aufgehört hat, sich als Helfer in St. paulianischer Sache einzubringen: Beim Stadtrivalen HSV konnte an diesem Wochenende offiziell der Klassenverbleib vermeldet werden, ebenso bei Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Union Berlin. St. Pauli dagegen wurde durch Wolfsburgs 1:1 in Freiburg nun vom Relegationsplatz verdrängt; beide Klubs sind punktgleich, die Werkself weist aktuell aber das um drei Treffer bessere Torverhältnis aus.
Nach Stand der Dinge könnte den Wolfsburgern am letzten Spieltag, wo ein direktes Duell mit St. Pauli ansteht, ein Remis reichen. Sollte es so kommen, wäre das aus VfL-Sicht eine komfortable Ausgangslage: Erste Hochrechnungen zeigen, dass St. Pauli dann ein Tor mehr schießen müsste als der Gegner – eine Aufgabe, die mit Blick auf ligaweite Schützenstatistik (27 Treffer; mit deutlichem Abstand letzter Platz) und vereinsinterne Schützenkompetenzen (Andréas Hountondji, Martijn Kaars, Abdoulie Ceesay; allesamt auf Dauer keine Erstligaqualität) reichlich ambitioniert erscheint.
Andere Vereine würden angesichts der aufziehenden Bedrohung wohl längst eine tiefergehende Trainerdebatte führen. Auf St. Pauli, wo sie stets einen dezidiert alternativen Blick auf die Fußballbranche werfen wollen, führen sie diese Debatte dagegen einfach nicht. „Wir werden zwei Spieltage vor Schluss nicht anfangen, über den Trainer zu reden“, sagte Verteidiger Hauke und klang dabei wie ein Pflichtverteidiger nach seinem vierten Morgenkaffee. Auch Präsident Oke Göttlich wiegelte ab, Alexander Blessin stehe nicht zur Disposition. Der Coach selbst wiederum zeigte Verständnis für den Tribünengroll und versicherte glaubhaft, dass er bereits selbst abgetreten wäre, wenn er nicht mehr das Gefühl hätte, seine Spieler mit den nötigen Impulsen versorgen zu können.
Es ist tatsächlich eine Art Geschmacksfrage, ob ein Trainertausch die Krisenlage eher ausweiten oder einhegen würde. Blessin jedenfalls ist es nicht anzulasten, wenn Verteidiger Wahl und Mittelfeldmann Eric Smith, wie in der sechsten Minute gegen Mainz, mit einer verhängnisvollen Fehler-Co-Produktion den Mainzer Führungstreffer (Philipp Tietz) in die Wege leiten und den Matchplan somit über den Haufen werfen. Ebenso wenig kann er etwas dafür, dass seine Offensive fast ausschließlich aus Rumpelfußballern besteht, die auf Steilpässe lauern – die aber sichtlich an ihre Grenzen stoßen, sobald sie den Ball an den Füßen (Hountondji, Ceesay) führen oder behaupten (Kaars) müssen.
In der Sommerpause wurden von St. Paulis Sportdirektor Andreas Bornemann sämtliche Dribbler aus dem Kader entfernt, der Plan war offenbar, den in der Vorsaison produktiven Gegen-den-Ball-Fußball noch mehr auf Umschaltmomente auszurichten. Herausgekommen ist dabei jedoch eine selbstverordnete Eindimensionalität, weshalb sich eben doch die Frage nach dem Trainer stellt: Blessin hat diesen Kaderumsturz mitgetragen; seit Wochen leidet das Team aber nicht nur an Qualitätsdefiziten, es mangelt ihm zudem an jener Risikobereitschaft und jenem Mut, auf die Außenseiter in der entscheidenden Saisonphase nun mal angewiesen sind.
Blessin räumte die Verantwortung für – schönes Wort! – den „Grundgesamtkontext“ ein, in dem St. Pauli zwei Spieltage vor Saisonende steckt. Und es scheint festzustehen, dass dies auch bei einem möglichen Erstliga-Abstieg der Fall sein wird.
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