SZ 13.05.2026
06:29 Uhr

(+) Sicherheitssoftware: Verfassungsschutz setzt auf Palantir-Alternative


Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat eine europäische Datenanalysesoftware zur Terrorismusbekämpfung und Spionageabwehr erworben. Auch, um unabhängiger von den USA zu werden.

(+) Sicherheitssoftware: Verfassungsschutz setzt auf Palantir-Alternative
Der US-Konzern Palantir steht seit Jahren in der Kritik. Er gilt als Datenkrake. ARND WIEGMANN

Deutsche Sicherheitsbehörden wollen unabhängiger von den USA werden. Nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR setzt das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) bei der Datenanalyse künftig offenbar auf einen Konkurrenten des umstrittenen US-Konzerns Palantir: Die Behörde kaufte kürzlich ein Produkt der französischen Firma Chapsvision.

Das Unternehmen, das dem französischen Techunternehmer Olivier Dellenbach gehört, wollte sich auf Anfrage nicht äußern. „Grundsätzlich betreibt das BfV regelmäßig Marktsichtungen, um Firmen und Produkte kennenzulernen“, teilte ein Sprecher des Bundesamtes für Verfassungsschutz auf Anfrage mit. „Wir bitten um Verständnis, dass das BfV zu Angelegenheiten, die etwaige konkrete nachrichtendienstliche Erkenntnisse oder Tätigkeiten betreffen, grundsätzlich nicht öffentlich Stellung nimmt.“

Die Programme von Chapsvision können große Datenmengen mittels künstlicher Intelligenz analysieren. In Frankreich nutzen mehrere Behörden die Software bereits, darunter auch der Inlandsgeheimdienst DGSI. Der US-Anbieter Palantir wiederum steht seit Jahren in der Kritik. Er gilt als Datenkrake, auch wird seine Nähe zu US-amerikanischen Sicherheitsbehörden als problematisch betrachtet. Hinter dem Unternehmen steht der libertäre Tech-Investor Peter Thiel, ein Unterstützer der Trump-Regierung.

Zu Chapsvision heißt es aus dem Verfassungsschutz: Ein Test sei erfolgreich abgeschlossen worden. Die französische Software, mit der Informationen aus Datenbanken miteinander in Beziehung gesetzt und ausgewertet werden sollen, sei einsatzbereit, etwa für die Terrorismusbekämpfung und in der Spionageabwehr. Auf welche Daten die Software in welchem Umfang künftig zugreifen soll, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt.

Das BfV ist damit die erste Sicherheitsbehörde des Bundes, die sich für eine europäische Palantir-Alternative entschieden hat. In Hessen, Bayern und Nordrhein-Westfalen vertrauen die Polizeien seit mehreren Jahren auf Palantir-Anwendungen, wenn es um die Bekämpfung von Kriminalität und die Abwehr von Gefahren geht. In Baden-Württemberg hatte die frühere Landesregierung eine Einführung von Palantir-Produkten ebenfalls beschlossen. Und auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) wollte bislang einen Einsatz von Palantir-Software bei den Bundesbehörden nicht grundsätzlich ausschließen.

„Es ist unabdingbar, dass unsere Sicherheitsbehörden über leistungsfähige Software-Tools verfügen“, sagt der innenpolitische Sprecher der SPD im Bundestag, Sebastian Fiedler. „Palantir aber darf auf Bundesebene auf keinen Fall eine Rolle spielen. Wir brauchen europäische Alternativen.“ Das gebiete „neben allen Irritationen, die das erratische Verhalten von Palantir-Verantwortlichen auslöst“, schon das Interesse an digitaler Souveränität. „Diese Unabhängigkeit ist längst Teil unserer nationalen Sicherheitsstrategie geworden.“

Auch der Grünen-Innenpolitiker Konstantin von Notz begrüßt die Entscheidung des BfV für eine europäische Palantir-Alternative. Er kritisiert jedoch das Bundesinnenministerium dafür, einen Einsatz von Palantir weiterhin nicht auszuschließen. „Über Jahre hat man es verpasst, sich mit europäischen und deutschen Alternativen zu beschäftigen. Dabei gibt es die zuhauf“, so Notz. „Wer staatlich souverän agieren will, darf Palantir nicht einsetzen.“ Der Einsatz „automatisierter Datenanalysetools“ könne einen großen Mehrwert für die Arbeit von Sicherheitsbehörden bieten, meint der Grünen-Politiker. Dies gehe allerdings auch mit Grundrechtseingriffen einher, daher seien Transparenz und unabhängige Kontrolle geboten.

Im Zuge einer umfassenden Reform der deutschen Nachrichtendienste soll das BfV neue Kompetenzen bekommen. Daran wird seit Monaten in Berlin gearbeitet. Nach Plänen des Bundesinnenministeriums könnte der Dienst auch Befugnisse zur Nutzung von künstlicher Intelligenz und Gesichtserkennungssoftware erhalten. Bislang ist es dem Verfassungsschutz beispielsweise nicht erlaubt, kommerzielle Software, etwa zur Gesichtserkennung, einzusetzen.

Das US-Unternehmen stellt umstrittene Software für Polizei und Militär her. Jetzt macht die Firmenleitung klar: Palantir will Politik machen. Kritiker warnen, das Ziel sei die Übernahme des Staates durch libertäre Tech-Bosse.

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