SZ 08.07.2026
06:34 Uhr

(+) Schiedsrichter-Ärger bei Ägypten: „Sie wollten wohl, dass Messi im Rennen bleibt“


Nach dem Last-Minute-Aus im Achtelfinale gegen Argentinien wütet Ägyptens Trainer gegen den Schiedsrichter. Der Weltmeister habe offenbar „Unterstützung auf allen Ebenen erhalten“. Der ägyptische Verband legt Beschwerde ein.

(+) Schiedsrichter-Ärger bei Ägypten: „Sie wollten wohl, dass Messi im Rennen bleibt“
Im Zentrum der Wut: Der französische Schiedsrichter François Letexier (re.) diskutiert mit Ägyptens Kapitän Mo Salah (2 .v. r.) und Trainer Hossam Hassan. Erik S. Lesser/AP

Bis zur 79. Minute war die Sensation bei dieser Weltmeisterschaft zum Greifen nah. Ägypten führte in Atlanta 2:0 – im Achtelfinale gegen Weltmeister Argentinien und seinen Kapitän Lionel Messi. Kurz darauf waren die Ägypter dann doch ausgeschieden. In einer spektakulären Schlussoffensive erzielte Argentinien drei Tore und gewann noch mit 3:2. Konnte das mit rechten Dingen zugegangen sein?

Der Stürmer Mostafa Ziko, dem in der zweiten Halbzeit vom Videoschiedsrichter (VAR) ein Tor aberkannt worden war, stand nach dem Abpfiff jedenfalls tränenüberströmt auf dem Rasen – und bebte noch, als man ihm zum Blitzinterview ein offizielles Fifa-WM-Mikrofon vor den Mund hielt. „Der Schiedsrichter war nicht fair“, sagte er also hinein, „nicht fair! Wirklich nicht fair! Eine 2:0-Führung reicht nicht, um Argentinien zu besiegen. Es ist klar, dass dieses Turnier gefixt ist.“

Damit war der Ton gesetzt – und der Vorwurf ausgesprochen: Messis Argentinier seien too big to fail und sollten auf Kosten kleinerer Nationen ins Endspiel geleitet werden. Denselben Vorwurf erhob kurz darauf auch Trainer Hossam Hassan, 59. Bloß, dass er mit deutlich mehr Worten auf das Team um den französischen Schiedsrichter François Letexier schimpfte. Hassan war gar nicht mehr zu bremsen.

„Wir waren besser als der Weltmeister, aber das Ergebnis ist durch interne und externe Faktoren beeinflusst worden. Argentinien hat Unterstützung auf allen Ebenen erhalten“, schimpfte er auf der Pressekonferenz nach dem Spiel. „Es schien, als habe die argentinische Seite Druck auf den Schiedsrichter ausgeübt. Jeder hat gesehen, dass das Trikot gezogen wurde. Sie wollten aber wohl, dass Messi im Rennen bleibt.“ Ägyptens Verbandspräsident Hany Abo Rida sagte vor Reportern im Mannschaftshotel, er habe Beschwerde gegen den Schiedsrichter Letexier und seine Assistenten eingereicht. Zudem habe er den Ausschluss des Schiedsrichterteams vom Turnier gefordert.

Hintergrund war eine Szene kurz vor dem Konter, den Enzo Fernández in der zweiten Minute der Nachspielzeit zum 3:2‑Siegtreffer abschloss. Alexis Mac Allister hatte Hamdy Fathy zuvor im argentinischen Strafraum den Ball abgenommen, Fathy war zu Boden gegangen, ein Ziehen am Trikot des Ägypters hatte daran seinen Anteil. Doch statt Elfmeter für Ägypten gab es Tor für Argentinien. Der Videoassistent hatte nichts einzuwenden – anders als in der 60. Minute: Da war Ziko ein Treffer nachträglich storniert worden, weil der VAR in der Entstehung – diesmal weit in der ägyptischen Hälfte – ein Foul entdeckt hatte. Ziko hatte kurz darauf dennoch zum 2:0 getroffen, aber die Führung reichte nicht. Als Trainer Hassan später auf Zikos ungültigen Treffer zu sprechen kam, befand er, dieser sei „aus welchen Gründen auch immer“ annulliert worden.

Während das Foul vor Zikos aberkanntem Tor bei Ansicht der Videobilder unstrittig war, wunderten sich auch die ehemaligen Referees, die die WM-Spiele fürs deutsche Fernsehen kommentieren, über die offenbar ausgebliebene Überprüfung des argentinischen Siegtreffers. Der Ärger sei „nachvollziehbar“, sagte etwa Patrick Ittrich, bis zur vergangenen Saison noch in der Bundesliga und jetzt am Mikrofon bei Magenta TV aktiv. „Alle strittigen Entscheidungen“ seien in diesem Achtelfinale „gegen Ägypten getroffen worden“. Auch ARD-Experte Lutz Wagner fand Mac Allisters Vorgehen im eigenen Strafraum „sehr unclever“, Argentinien habe in dieser Szene „viel Glück gehabt“.

„Das Leben ist unfair, die Welt ist unfair, aber warum gibt es keine Fairness im Fußball, im Sport?“, fragte derweil Hossam Hassan – und weil er schon mal in Fahrt war, ärgerte er sich auch noch über andere Dinge, etwa die frühe Anstoßzeit. „Wer ein Spiel für zwölf Uhr mittags ansetzt, hat nie Fußball gespielt. Sollen die Spieler um 7.30 Uhr Mittag essen?“ Er fliege jetzt zurück nach Ägypten, sagte Hassan – „und dann schaue ich kein einziges WM-Spiel mehr“.

Was für eine Remontada: Argentinien steht gegen Ägypten vor dem Aus, ehe Lionel Messi das Spiel herumreißt. Danach brechen die Emotionen aus ihm heraus – auch, weil er sich schuldig fühlte.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: