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01.07.2026
13:48 Uhr
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Victor Willis, der Polizist der „Village People“, ist tot. Nachruf auf einen Künstler, der die immense Bedeutung seines Werks selbst mit den giftigsten Klagen nicht einfangen konnte.

Wichtige Frage jetzt: Wenn man einen Song zumindest mal miterschaffen hat, der einem entgleitet und unendlich viel größer wird als man selbst, ist das dann das Bedeutendste, was ein Künstler erreichen kann? Oder ist es eher dessen Auflösung im Werk? Sprich: Könnte man sich Victor Willis, theoretisch, als glücklichen Menschen vorstellen?
Es muss an diesem Tag, an dem der Tod des Sängers verkündet wurde, natürlich, noch mal um „Y.M.C.A.“ gehen. Im Jahr 1978 erstmals gesungen von der irre tollen, irre blöden, irre irren und, ja, schon auch irre bedeutenden Kostüm-Discotruppe Village People. Willis, 1951 in Dallas, Texas, geboren, war der Polizist. Er war für ein paar Jahre außerdem der Frontmann der Band. Ein Sänger, der mehr Soul hatte, als die Produktionen das zu jeder Zeit preisgaben. Und er war – hier biegt man, was das Rechtliche betrifft, langsam auf Schotterstraßen ab – einer der Autoren des Textes von „Y.M.C.A.“. Oder auch der alleinige Autor. Oder auch nur derjenige, der die ursprünglich halb französisch hingesäuselten Strophen der Musikproduzenten Jacques Morali und Henri Belolo in skandierbares Englisch brachte. Hing etwas davon ab, wen man fragte.
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Relativ gesichert ist, dass Willis der Klagefreudigste der Village People war. Wenn es um die Rechte an den Songs ging, ohnehin. 1980 hatte er die Urformation verlassen, eine Kokainsucht entwickelt und zeitweilig in einem Trailerpark gelebt. Nachdem er nüchtern geworden war, erstritt er sich einen Anteil an den Autorenrechten von 20 Village-People-Liedern.
Willis war aber auch umtriebig, was die Wirkung des Songs betraf. Es ist nun mal so: Das Lied war und ist gigantisch, absolut unverschnittene, reinste Pop-Herrlichkeit. Gar nicht unbedingt, was Komposition, Produktion, Text und so weiter betrifft. Aber dafür umso mehr, was es in die Welt trug, auch als ewiggültiger Schlachtruf der Ausgelassenheit. Aber mehr schon noch als eine Art trojanisches Pferd der queeren Community. Also je nachdem wen man fragt.
Die Village People, das schrieb etwa der Musik-Promotor Peter Shapiro einst, seien die „subversivste Gruppe in der Geschichte der modernen Musik“. Sie hätten es schließlich geschafft, den Rednecks aller Länder die weltgrößte Schwulenhymne unterzujubeln. Tolles Fazit.
Der Song über den Christlichen Verein junger Männer schaffte es in 14 Ländern auf Platz eins der Charts. In Deutschland stand er dort elf Wochen lang. Es gibt eine Version mit der wenigstens offiziell immens heterosexuellen Fußballnationalmannschaft, aufgenommen 1994. Und es gab und gibt Politiker, die ihn nutzten. Colin Powell hat ihn als US-Außenminister gesungen, mit gelbem Bauarbeiterhelm. Und Donald Trump zeigt zu der Musik immer wieder, nun ja, Tanzbewegungen auf irgendwelchen Bühnen. Was, bitte, kann ein Song in diesem bunten Zirkus namens Pop denn mehr erreichen? Man könnte über die historische Dimension des Ganzen doch sehr begeistert sein.
Leider teilte Willis Shapiros Einschätzung, mindestens zuletzt, nicht. Vor ein paar Jahren ließ er auf Facebook wissen, das Stück sei nie als Hymne an den schwulen Lebensstil zu verstehen gewesen. „Wer das behauptet, soll sich die schmutzigen Gedanken aus dem Kopf waschen.“ Dann kündigte er an, jedes Medium zu verklagen, das „Y.M.C.A.“ als Song der Gay-Community bezeichnet.
Weil Künstler von einer gewissen Dimension an aber eben nicht mehr in der Hand haben, wie die Welt ihr Werk rezipiert, kann man – frei von Schadenfreude oder Hohn, dafür mit ehrlicher Trauer – dies festhalten: Am Dienstag ist Victor Willis, Mitschöpfer einer der größten Hymnen der Gay-Community, gestorben. Er wurde 74 Jahre alt.
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