SZ 05.05.2026
13:50 Uhr

(+) Oktoberfest: Wiesn-Wirte im Schlagabtausch – Streit um Zeltvergabe eskaliert


Christian Schottenhamel zeichnet eine „Horrorvision“ mit Döner, Pizza und Kölsch. Alexander Egger wirft ihm daraufhin Falschbehauptungen vor. Bislang nicht vertretene Münchner Brauereien dürften da genau hinhören.

(+) Oktoberfest: Wiesn-Wirte im Schlagabtausch – Streit um Zeltvergabe eskaliert
Bei der juristischen Auseinandersetzung vor der Vergabekammer geht es auch ums Schottenhamel-Zelt – und um die Frage, ob die Betreiber automatisch immer Schottenhamel heißen müssen. Felix Hörhager/dpa

Christian Schottenhamel wirkt etwas blass um die Nase. Wer ihn besser kennt, vermag ihm sogar eine enorme Anspannung zu attestieren. Er steht für einen Post auf Instagram unter dem Account „Heimatpakt“ vor der Kamera. Im Biergarten seines Wirtshauses „Paulaner am Nockherberg“, direkt vor dem Bierbrunnen, den man getrost als Symbol der Paulaner-Brauerei werten kann. Der Post, und das wird schnell klar, markiert einen Wendepunkt in einer Geschichte, in der es zunächst um eine juristische Auseinandersetzung ging, wenngleich mit enormer Tragweite.

Das Wirtepaar Wickenhäuser-Egger will von der Vergabekammer Südbayern – und notfalls auch vom Europäischen Gerichtshof – ein für allemal klären lassen, ob die Wiesn aufgrund ihrer enormen wirtschaftlichen Bedeutung nicht europaweit ausgeschrieben werden müsse. Es geht also um Geld. Um viel Geld. Genauer gesagt, um sehr viele Millionen, die auch künftig in dieser Stadt verdient werden wollen.

Dass sich die Auseinandersetzung längst aus Sitzungssälen hinter verschlossenen Türen in die Öffentlichkeit verlagert hat, zeigt sich in den Medien und auf Social-Media-Kanälen. Unerwidert will die Gastro-Seite, allen voran Christian Schottenhamel, den Eggerschen Vorstoß bei der Justiz offenbar nicht hinnehmen. Und der Ton, der dabei angeschlagen wird, klingt nach verhärteten Fronten und nach harten Bandagen.

Schottenhamel beschwört auf Instagram eine „Horrorvision“ des Oktoberfests herauf, wie er es in dem Video nennt, die mit einer „türkischen Dönerkette und an jeder Ecke Pizzaschnitten“ sowie „Kölsch in kleinen Gläsern“ einhergeht. „Wir wollen, dass das Oktoberfest münchnerisch bleibt, dass es bayerisch bleibt, dass es Traditionen und Werte lebt. (...) Dass es dort Schweinshaxn gibt und Hendl, dass es ein frisches Münchner Bier gibt. Und darauf sind wir stolz.“

In welcher seiner vielen Funktionen Schottenhamel da spricht, wird nicht ersichtlich: als Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands? Als stellvertretender Wiesnwirtesprecher oder als selbst von dem Vorstoß betroffener Wirt? Eines jedoch wird klar, nämlich der Appell an alle, die den Post sehen: Folgt dem Heimatpakt auf Instagram und „rettet die Wiesn“.

Der Heimatpakt hat sich 2023 zusammengeschlossen und besteht aus mehr als 30 Verbänden, vom Bauernverband über den Hotel- und Gaststättenverband bis hin zu den Münchner Wiesnwirten. Zu denen auch Schottenhamel gehört. Er ist aber eben auch einer, gegen den sich Eggers Vorstoß ganz direkt richtet: Im Mittelpunkt des Verfahrens an der Vergabekammer steht explizit Schottenhamels Zelt und die Paulaner-Festhalle – weshalb weder er noch Wiesnwirt Lorenz Stiftl bis zum 25. Mai Verträge mit der Stadt unterzeichnen dürfen. Bis zu diesem Termin muss die Vergabekammer entschieden haben.

Schottenhamel sagt auf Nachfrage der SZ, er habe „jetzt keine Lust mehr, das zu kommentieren“. Das Video habe er als Gründungsmitglied des Heimatpakts aufgenommen. Was er dort gesagt habe, „ist auch meine Meinung“. Ansonsten will er sich zum gesamten Vorgang nicht mehr äußern: „Ich warte jetzt ab, was der Stadtrat am 11. Mai in seiner Sitzung entscheidet, und zu welchem Schluss dann die Vergabekammer kommt.“

Auf das Video und viele andere Äußerungen von Schottenhamel und den Wiesnwirten hat Alexander Egger mit einer Pressemitteilung reagiert – was man gut und gerne als Schlagabtausch verstehen kann. Egger wirft darin den etablierten Wirten vor, sie operierten mit falschen Behauptungen: „Aussagen zu Kölsch-Bier und einer türkischen Döner-Kette zeichnen ein befremdliches, engstirniges und völlig falsches Bild und tragen nicht zu einer sachlichen Debatte bei.“ Das schüre Ressentiments und sei nicht mit dem Grundgedanken einer Weltstadt mit Herz vereinbar, so Egger.

Zudem müsse die Wiesn nicht „gerettet“ werden, argumentiert Egger. Aber mehr Chancengleichheit, um an ihrer Tradition partizipieren zu können, würde ihr guttun. Der eingereichte Nachprüfungsantrag werde „in keiner Weise den Charakter des Oktoberfests und seine besondere Bedeutung als traditionelles Volksfest für München, Bayern und Millionen Besucherinnen und Besucher verändern“. Im Gegenteil, so Egger, die Stadt könne auch bei einer europaweiten Ausschreibung weiterhin festlegen, welches Bier ausgeschenkt und welche Speisen angeboten werden dürfen. Aber: „Wettbewerb schafft ein günstiges Oktoberfest für alle Besucher, ohne jede Einbuße an Tradition.“ Er wolle mit seinem Vorstoß Chancengleichheit für alle Zelte herstellen, vor allem für die Brauerei-Festzelte.

Das dürfte Giesinger Bräu und auch die Münchner-Kindl-Brauerei freuen. Denn sollte Egger recht bekommen, würden auch deren Chancen wachsen, auf dem Oktoberfest ausgeschenkt zu werden. Dazu sagt der Chef von Giesinger Bräu, Steffen Marx: „Es mag schon sein, dass Alexander Egger nun eine Lanze für uns bricht.“ Von dessen Weg über juristische Auseinandersetzungen will er sich aber ganz bewusst distanzieren: „Wir verfolgen einen anderen, einen diplomatischen Weg mit der Stadt, der darauf abzielt, sich zu einigen.“

Auf gastronomischer Ebene hat sich die Diplomatie aber offenbar verabschiedet. Das Video von Schottenhamel hat mit derzeit etwa 5600 Likes deutlich mehr Menschen erreicht als jedes andere auf dem Account des Heimatpakts. Sogar mehr als alle bisherigen Beiträge dort zu diesem Thema. Was als nüchterne Auseinandersetzung auf rechtlicher Basis begann, klingt nun nach zunehmend persönlichen Ressentiments.

Ein Streit um die Zeltvergabe könnte das Oktoberfest grundlegend verändern. Im Stadtrat herrscht „Alarmstimmung“. Was gerade hinter den Kulissen geschieht.

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