SZ 17.03.2026
12:09 Uhr

(+) Kinopremiere zur WM 1990: „Jeder weiß, wo er war, als wir Weltmeister geworden sind“


Eine aufgekratzte Rasselbande älterer Herren trifft sich in München im Kino, zu sehen sind da etwa ein weinender Thomas Häßler, der ewig-alberne Pierre Littbarski und eine ganz besondere Devotionalie.

(+) Kinopremiere zur WM 1990: „Jeder weiß, wo er war, als wir Weltmeister geworden sind“
Mannschaftsfoto der Fußball-Weltmeister von 1990, von links hinten: Jürgen Klinsmann, Andreas Köpke, Holger Osieck, Guido Buchwald, Hansi Pflügler und Paul Steiner. Vorne von links: Stefan Reuter, Klaus Augenthaler, Thomas Häßler, Pierre Littbarski, Lothar Matthäus, Raimond Aumann und Rudi Völler. Florian Peljak

Klar geht es heute um Fußball und das Wiedersehen mit den Jungs. Aber wenn man schon mal da ist, denkt sich Klaus Augenthaler und schaut im Foyer des Hotels Vier Jahreszeiten doch mal kurz, was im Tabakladen so an Rauchwaren geboten ist. Jede Menge, wie selbst Laien erkennen, aber dann reißt sich der 68-Jährige los, denn die Meute drängt zum Aufbruch: ab zur Pressekonferenz. Schließlich ist die aufgekratzte Rasselbande älterer Herren nicht nur zum Spaß da, sondern auch, um die Werbetrommel für einen Kinofilm zu rühren. Wobei das nicht nötig ist. Als später am Montagabend „Ein Sommer in Italien“ in den Mathäser-Kinos anläuft, braucht es gleich vier Säle, um dem Ansturm gerecht zu werden, darunter Edel-Fans wie Boris Becker und Markus Söder.

Die Fußball-WM 1990. Wer schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, dem läuft bei dem Gedanken an dieses italienische Sommermärchen des frisch wiedervereinten Deutschlands ein wohliger Schauer über selbigen. Das Solo von Lothar Matthäus beim 4:1 gegen Jugoslawien, dafür wurde der Begriff unwiderstehlich erfunden. Jürgen Klinsmanns Siebenmeilenstiefel-Gerenne nach dem Platzverweis des angespuckten Rudi Völler: Kann sich kein Drehbuchautor ausdenken. Das Elferschießen gegen England. Und schließlich Andi Brehmes Schuss ins Glück. Rudi Völler sagt: „Jeder weiß, wo er war, als wir Weltmeister geworden sind.“ Stimmt. Es war heiß, und Deutschland war tatsächlich Weltmeister, nach zuvor zwei verlorenen Finals.

Keine Frage, dass das Stoff für großes Kino ist, auch wenn die Welt schon die herrlichen VHS-Aufnahmen des damaligen Torwarttrainers Sepp Maier gesehen hatte. 36 Jahre nach der magischen Nacht von Rom haben die Regisseurinnen Vanessa Goll und Nadja Kölling die Helden von einst noch mal zum Gespräch gebeten und dabei berührende Sätze und Bilder eingefangen. Dass es einem Lothar Matthäus mal die Sprache verschlägt, hat man noch nie erlebt, aber als er über den vor zwei Jahren verstorbenen Andreas Brehme spricht, geht irgendwann nix mehr.

Nun, bei der Pressekonferenz im Hotel Vier Jahreszeiten, sagt er gefasst: „Ich würde so gern das Handy zücken und ihm schreiben. 200 Tage im Jahr haben wir damals das Zimmer geteilt. Er war wie ein Bruder.“ Thomas „Icke“ Häßler rollen im Film dicke Tränen runter, als er sagt: „Es ist einfach scheiße, dass die nicht mehr da sind.“ Außer Brehme meint er den im Vorjahr gestorbenen Frank Mill und natürlich Franz Beckenbauer, den sie alle nur „Chef“ nannten. Über ihn sagt Matthäus: „Er hat jeden so behandelt, dass er sich wichtig gefühlt hat.“ Klaus Augenthaler erzählt: „Ich war vor der WM verletzt und wollte gar nicht mitfahren. Aber als der Franz zum zweiten Mal anrief, konnte ich nicht mehr nein sagen. Wenn der Kaiser ruft …“ Am Ende hatte Augenthaler jedes Match durchgespielt und die meisten Ballkontakte – „wahrscheinlich, weil ich so oft zurückgespielt hab’“, frotzelt der Ex-Libero.

Für den sehr fußballverrückten Moderator Micky Beisenherz fühlt sich die launige Plauderrunde wohl an wie eine schönwarme Badewanne voller Erinnerungen. Als 13 der 22 WM-Helden den Saal betreten, sagt er: „Für mich ist es so, als würde ich live in das Poster meines Jugendzimmers hineintreten. Endlich darf ich meine Helden duzen.“ Tagelang könnten die wohl von früher erzählen, doch der Zeitplan gibt nur 45 Minuten her. Also Gas geben in der Fragerunde: Herr Littbarski, ist das etwa ein Match-worn-Trikot, das Sie da unterm Anzug tragen? „Mein Final-Trikot, erste Halbzeit. Mein liebstes Stück. Noch mit Blutflecken, 36 Jahre nie gewaschen. Das trag’ ich sonst nur im Bettchen.“ Litti ist immer noch Pausenclown und Entertainer der Truppe, am 16. April, seinem 66. Geburtstag, tritt er in Köln gar mit einem Theaterprogramm auf. Im Vier Jahreszeiten hat er allen Teamkameraden ein Geschenk mitgebracht: einen weißen Hoodie, mit dem Filmlogo vorne und allen Spielernamen hinten drauf. „36 Jahre ist es her“, sagt er ernst, „man weiß ja nie, wie lang man sich noch hat.“

Ansonsten blüht der Flachs, wenn Littbarski petzt, dass der damalige Co-Trainer Holger Osieck den mit Udo Jürgens aufgenommenen WM-Song „Wir sind schon auf dem Brenner“ praktisch allein eingesungen habe, Kollege Paul Steiner „den Text heute noch komplett auswendig“ könne, Matthäus immer „Er gehört zu mir“ gegrölt und dabei den WM-Pokal gemeint habe.

Und dann hat der säbelbeinigste aller DFB-Kicker, der den Film schon zweimal gesehen hat, noch eine Empfehlung an Jürgen Klinsmann, Olaf Thon, Raimond Aumann, Guido Buchwald, Hansi Pflügler, Stefan Reuter und alle anderen Kinobesucher: „Ihr werdet in eure Kindheit versetzt, werdet sehen, wie schön es früher war. Steckt auf jeden Fall Taschentücher ein!“ Dem damaligen Ersatztorwart Andreas Köpke ruft er zu: „Der Köppie tut immer so hart – aber der ist glaub’ ich der Erste, der heult.“ Na dann: Wasser marsch.

Lothar Matthäus über den WM-Film „Ein Sommer in Italien“, sein Verhältnis zu Jürgen Klinsmann und Franz Beckenbauer – und den eigenen Nacktauftritt mit dem Pokal vor dem Schritt.

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