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22.07.2026
14:22 Uhr
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Es gab Zeiten, da war Lewis Holtby als Mitglied der „Bruchweg-Boys“ einer der aufregendsten deutschen Fußballer. Danach erlebte er vor allem beim HSV eine Karriere mit eher abschüssiger Tendenz – die nun zu Ende geht.

Lewis Holtby 2014 im Trikot des HSV: Bei diesem Klub lief es für ihn nicht unbedingt nach Wunsch. Für manche war er gar das Gesicht des Hamburger Niedergangs. Oliver Hardt/Getty
Lewis Holtby hat geschafft, was nur wenige schaffen. Sein Name ist in der großen Enzyklopädie des deutschen Fußballs verewigt, dort findet man ihn allerdings nicht unter „H“ wie Holtby, sondern in unmittelbarer Nachbarschaft zu Ballack, Beckenbauer und Breitner. Das mag übertrieben klingen, weil es Holtby weder zum Weltmeister noch zum WM-Zweiten oder deutschen Meister brachte; seine Titelsammlung beschränkt sich auf einen Superpokalsieg im fernen Jahr 2012 mit dem FC Schalke 04. In der noch ferneren Saison 2010/2011 war er jedoch Bandmitglied der sogenannten Bruchweg-Boys, und, jetzt mal ehrlich: Waren damals nicht alle irgendwie Fans besagter Bruchweg-Boys?
Es ist schon erstaunlich, in welch kurzer Zeit es die dreiköpfige Gruppe geschafft hat, sich ins kollektive Fußballgedächtnis zu zocken. Holtby und die weiteren Bandmitglieder André Schürrle und Adam Szalai hatten nur diese eine Saison miteinander, dennoch erinnern sich die Leute bis heute gern daran zurück, wie die Bruchweg-Boys damals im Trikot des FSV Mainz 05 die Liga aufgemischt haben. Mit geradezu archaischer Offensivlust kombinierten sich die drei in die Köpfe und Herzen des Fußballpublikums, wild, dynamisch, mitunter aberwitzig sah das aus. Hach, lange her …
Der außerordentlich vielseitige Konrad Laimer ist ein Schlüsselspieler im System des FC Bayern. Nun hat er verlängert – nachdem sich sogar Uli Hoeneß dazwischengeschaltet hatte.
Wie lange, lässt sich zudem an ein paar historischen Rahmeninformationen ablesen: Gecoacht wurden die Mainzer von einem jungen Trainertalent namens Thomas Tuchel, dem es gelang, in München den von Louis van Gaal befehligten FC Bayern zu schlagen. Der FSV Mainz 05 stand seinerzeit im Rang eines Liganeulings und wurde vor Zusammenfassungen in der „Sportschau“ oftmals nicht unter seinem offiziellen Klubnamen, sondern als peppiger „Karnevalsverein“ vorgestellt. Und Mittelfeldmotor Lewis Holtby galt nicht nur als der wohl talentierteste Bruchweg-Boy, sondern überhaupt als einer der begabtesten deutschen Fußballer. „Wir waren alle Anfang 20, jung und wild“, erinnerte sich Holtby mal in einem Interview.
Inzwischen ist er 35 Jahre alt und blickt auf eine rastlose Fußballerkarriere zurück, mit Stationen bei zehn Klubs in Deutschland, England und zuletzt bei NAC Breda in den Niederlanden. Und das ist in diesem Fall wörtlich zu verstehen: Holtby blickt fortan nur noch zurück, weil es für ihn mit dem Kicken nicht mehr weitergeht. „Es ist Zeit, Abschied zu nehmen“, ließ der Mittelfeldmann am Dienstag via Instagram ausrichten: „Nach fast 20 Jahren als Profi endet heute meine aktive Karriere. Ich verlasse den Platz mit Stolz, Demut und unendlich viel Dankbarkeit.“ Holtby war mit Breda in der vergangenen Spielzeit abgestiegen, sein bis 2027 datierter Vertrag wurde auf eigenen Wunsch hin aufgekündigt.
Ein Karriereende ist stets ein geeigneter Anlass, um Reflexionsprozesse darüber einzuleiten, wo man richtig und wo man womöglich falsch abgebogen ist. Holtby hat sich dessen allerdings entledigt, weil er sich derlei Gedanken bereits auf der Zielgeraden seines Fußballerdaseins gemacht hat. Und er ist dabei zu sehr akkuraten Erkenntnissen gekommen. Holtby weiß, dass er als Hätte-wäre-wenn-Fußballer in Erinnerung bleiben wird, als einer, der in der Praxis weit unter seinen theoretischen Möglichkeiten durchgetaucht ist. Dass vieles, fast alles zu Beginn seiner Karriere für ihn drin zu sein schien. Und dass sich diese Karriere irgendwann in einem permanenten Auf und Ab verlor, bei insgesamt abschüssiger Tendenz.
Seine Pionierphase als Bruchweg-Boy, damals als Leihspieler vom FC Schalke? Einfach fantastisch, erzählte Holtby, wenn er in den vergangenen Jahren mal danach gefragt wurde. Seine Rückkehr zu Königsblau, sein Debüt im Europapokal? Ein viel zu früher Karrierehöhepunkt, eine viel zu kurze Episode. Sein Wechsel zu Tottenham Hotspur, wo er 2013 den Kaderplatz von niemand Geringerem als Luka Modric einnahm? Keine gute Idee, weil, nun ja, hallo: Luka Modric?! Sein etwas willkürliches Inselhopping, mit weiteren Stationen in Fulham und Blackburn? Ausweis seiner Ungeduld, ebenfalls keine guten Ideen.
Seine drei Einsätze fürs DFB-Team zwischen 2010 und 2012? Es habe Zeiten gegeben, in denen habe er sich 30, eher 60 Länderspiele als Ziel gesetzt, resümierte Holtby: Aber hey, drei Länderspiele – wie viele Profis hätten gern auch nur ein Länderspiel in den Datenbanken stehen? Dabei war an Holtby, Sohn eines Engländers, seinerzeit nicht nur der DFB interessiert. Auch der englische Verband hatte mal um ihn geworben, alles andere wäre beim dutzendfachen deutschen Jugendnationalspieler ja auch geradezu fahrlässig gewesen. Fast so fahrlässig jedenfalls wie Holtbys Wechsel 2014 zum Hamburger SV; er selbst unterteilt seine Karriere in eine Phase vor und eine nach dem HSV.
Verpflichtet worden war Holtby als Hoffnungsträger, verabschiedet hat er sich 2019 als Symbolfigur des Bundesliga-Abstiegs. Holtby war in Hamburg versessen darauf, sich zur Führungsfigur aufzuschwingen; in seinem unbändigen Ehrgeiz und Herumgegrätsche fehlte ihm jedoch die Selbstwahrnehmung dafür, ob und wann er die Grenze vom Leader zur Karikatur eines Mentalitätsspielers überschritten hatte. Nach einem Spieltagsstreik wurde er mit Schimpf und Schande aus dem Volkspark gejagt.
„Das hat mich lange beschäftigt“, sagte Holtby mal, im Wissen, dass er als Fußballer letztlich ein uneingelöstes Versprechen geblieben ist. Aber das ist ja noch lange kein Grund, nachtragend zu sein. Als Holtby 2024 mit Holstein Kiel aufstieg, verzichtete er auf jedwede Spitzen gegen seinen früheren Klub. Dabei hätte er sich diese aus einer Position der Stärke heraus leisten können: Holtby, das Gesicht des Hamburger Abstiegs, hatte es vor dem HSV zurück in die erste Liga geschafft.
Lewis Holtby galt als großes Talent und war Teil eines legendären Mainzer Trios. Nach schwierigen Jahren beim HSV und in England startet der Mittelfeldmann jetzt mal wieder neu - beim kriselnden Zweitligisten Holstein Kiel.
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