SZ 06.07.2026
15:44 Uhr

(+) Hochschule in Bayern: Bilder, die Wissenschaftsminister Blume nie wieder sehen will


Tropfende Decken, löchrige Böden, gesundheitsgefährdende Schadstoffe: Im vergangenen Jahr dokumentierten Studierende in einer Ausstellung marode Hochschulgebäude. Was die Aktion bewirkt hat.

(+) Hochschule in Bayern: Bilder, die Wissenschaftsminister Blume nie wieder sehen will

Über Gastgeschenke soll sich der Gastgeber normalerweise freuen. Die Andenken, die der bayerische Landesstudierendenrat am Montagvormittag an Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) überreicht, sind jedoch als Mahnung gedacht. Die gerahmten Fotos zeigen marode Hochschulgebäude, in denen es rostet und tropft und wo Schwangeren wegen Schadstoffen der Zutritt untersagt ist. Die Bilder mit Titeln wie „Tropfsteinhöhle“, „Ungeziefer“ oder „Gefahr für Schwangere“ stammen aus einer Fotoausstellung, die der Studierendenrat Ende vergangenen Jahres organisiert und die Blume zu einer Bau- und Sanierungsoffensive bewegt hat.

„Damit das nicht in Vergessenheit gerät“, sagt Studierendensprecherin Sabine Kamintzky zum Minister, als sie und ihre Kollegen die Fotos überreichen. „Das kommt im Ministerium an die nicht vorhandene wall of shame“, scherzt Blume. Er verspricht seinen Gästen, dass „die Bilder von undichten Dächern, gesperrten Hörsälen und Löchern in den Böden der Vergangenheit angehören“ sollen. „Danke für den Weckruf.“

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In diesem und nächstem Jahr fließt eine Milliarde Euro zusätzlich in den bayerischen Hochschulbau. Das Geld stammt aus dem Infrastruktur-Sondervermögen des Bundes. Die Mittel, so Blume, sollen schnell und unbürokratisch abfließen. Die ersten 142 Millionen hatte der CSU-Politiker bereits bei einem Besuch der Fotoausstellung im Dezember zugesagt. „Das, was da abgebildet ist, das muss behoben werden“, habe er damals gedacht und direkt die ersten Uni-Präsidenten angerufen. Das Geld werde unter anderem für Dachsanierungen an rund 30 Standorten, Fassaden- und Fensterarbeiten an 15 Standorten sowie für sieben Mensen und zwei Bibliotheken genutzt.

Die meisten Mängel auf den 25 Schockfotos seien bereits behoben (zehn) oder derzeit in Bearbeitung (elf). Der Regen, der durch das Dach der Uni Regensburg in notdürftig aufgestellte Eimer tropft? Erledigt, sagt Blume und pappt im Ministerium ein aktuelles Hochglanzfoto auf das Ausstellungsbild. Der sogenannte Hürdenparcours mit zahlreichen Absperrungen in einem Flur an der Würzburger Julius-Maximilians-Universität? Eine inzwischen abgeschlossene Baumaßnahme, wie ein weiteres Ministeriumsfoto zeigt.

Und das seit Jahren mit dem als krebserzeugend eingestuften Schadstoff PCB belastete Gebäude der Philosophischen Fakultät in Erlangen, zu dem schwangeren und stillenden Frauen aus gesundheitlichen Gründen der Zutritt verboten wurde? Da helfe nur noch abreißen und neu bauen, sagt der Minister. Zwei Milliarden nehme der Freistaat an der Friedrich-Alexander-Universität bereits in die Hand. Zum Beispiel für das neue Geisteswissenschaftliche Zentrum in Erlangen.

Bis dort gelehrt und geforscht wird, vergehen aber noch ein paar Jahre. In der Zwischenzeit müssen die Studierenden weiterhin in den baufälligen Räumen arbeiten. Ein unbefriedigender Zustand, wie Studierendensprecher Amir Hasukic im Ministerium anmerkt. Er sagt, dass „Gebäude inklusiv sein sollen und nicht eine gesundheitliche Gefährdung“ für bestimmte Personengruppen darstellen sollten. Und dass die Probleme bereits seit 2012 bekannt seien.

An der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen werden junge Mütter aufgefordert, bei „längerem Aufenthalt“ für eigene Sicherheit zu sorgen. Eine Giftbelastung? Wurde dort bereits vor zwölf Jahren festgestellt.

Die Studierenden hätten mit ihrer Ausstellung „den Finger in die Wunde gelegt“, sagt der Wissenschaftsminister. Der bundesweite Verfall an Lehr- und Forschungsgebäude wird seit Jahren thematisiert, der deutsche Hochschulverband geht von einem Sanierungsstau in Höhe von mehr als 140 Milliarden Euro aus. Blume betont zwar, dass Bayern im bundesweiten Vergleich gut dastehe und „unheimlich viel“ neu baue. Er habe „jede Woche irgendwo Eröffnungstermine“. Doch der Politiker räumt ein, dass die Pflege und der Erhalt bestehender Gebäude auch im Freistaat „chronisch vernachlässigt“ worden seien.

Das ist besonders misslich, weil Bayern sich mit Markus Söders milliardenschwerer Hightech-Agenda seit Jahren für seine Spitzenforschung rühmt. Verstopfte Toilettenrohre, die etwa in Passau zu Wasserlecks in der Decke geführt haben, passen da eher nicht ins Bild. Wie groß der konkrete Sanierungsbedarf in Bayern derzeit ist, kann Blume nicht beziffern, das sei Angelegenheit der jeweiligen Hochschule. Die Opposition spricht von zehn Milliarden Euro.

„Das ist wie beim Zahnarzt“, sagt Blume über den Zustand der Bausubstanz: Das erste Zwicken lasse sich noch gut behandeln. Wer allerdings so lang warte, bis die Schmerzen unerträglich werden, dem sei nicht mehr zu helfen. „Dann muss der Zahn raus.“ Bayern versuche deshalb, beim Bauunterhalt „in den präventiven Modus zu kommen“. Der Wissenschaftsminister ruft alle Verantwortlichen zu mehr Achtsamkeit auf. Man dürfe Gebäude nicht verfallen lassen und müsse rechtzeitig handeln. Auch die Staatsregierung denke über neue Formen bei Bau und Unterhalt nach.

Das Kabinett von Markus Söder befasst sich mit einer Reihe von Wissenschaftsthemen. In den kommenden Jahren fließen viele Milliarden an Uni-Kliniken und Hochschulen. Störenden Studenten droht in Zukunft der Rauswurf.

Moritz Schmid, der dritte Sprecher des Landesstudierendenrates, sagt, es habe fast 100 Fotoeinsendungen gegeben, man habe nur die schwerwiegendsten Fälle für die Ausstellung kuratiert. Die Bilder seien Belege dafür, dass sich ein „extremer Sanierungsstau aufgetan“ habe. Dass Bayern die Probleme nun ernst nehme und weiteres Geld bereitstelle, sei „ein Schritt in die richtige Richtung“.

Ob die Ankündigungen reichen? „Klar, mehr geht immer“, sagt der Regensburger Politikstudent. Aber die politische Reaktion zeige, „dass hier ein Wille da ist“. Und falls doch mal Zweifel aufkommen sollten, lassen sich in Bayern bestimmt noch ein paar Fotos für eine weitere Ausstellung finden.

Bayern investiert Rekordsummen in die Forschung, trotzdem haben viele Hochschulen Geldprobleme. Gebäude verfallen, Stellen werden gestrichen – und manche Studenten fürchten um ihre Gesundheit. Was ist da los?

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