SZ 15.08.2026
07:12 Uhr

(+) Hitze und Trockenheit: Der Wald brennt, Munition explodiert


Das Feuer in der Eifel hat sich über Nacht nicht ausgebreitet, der schlimmste Waldbrand in der Geschichte Nordrhein-Westfalens wütet jedoch weiter. Weltkriegsmunition erschwert die Löscharbeiten. Bergepanzer schlagen Schneisen in den Wald.

(+) Hitze und Trockenheit: Der Wald brennt, Munition explodiert

Die Eifelgemeinde Großhau hat Glück gehabt. Bisher. Nur wenige Hundert Meter entfernt verdeckt schmutzig-grauer Rauch den Himmel, es stinkt verbrannt, Rotoren und Sirenen lärmen. Ständig fliegen Hubschrauber über den Ort. Unter ihnen hängen Wassertanks, die sie neben Großhau über den schlimmsten Waldbrand in der Geschichte Nordrhein-Westfalens auskippen. Die Polizei hat die Bundesstraße B399 gesperrt, die von der Siedlung in Richtung Flammeninferno führt. Doch regelmäßig rumpeln Traktoren mit Tankanhängern an der Sperre vorbei; Bauern bringen den Feuerwehrleuten mehr Wasser. Auf den Straßen in der Umgebung rollen Kolonnen von Einsatzfahrzeugen: Feuerwehr, Rotes Kreuz, Technisches Hilfswerk, Polizei.

Glück hat Großhau gehabt, weil das Feuer, das am Donnerstag ausbrach, sich in die andere Richtung, zur Nachbarsiedlung Gey, vorangefressen hat. Deshalb musste Großhau nicht evakuiert werden, anders als Gey. Da haben Polizei und Feuerwehr die mehr als 2000 Bewohnerinnen und Bewohner in der Nacht zum Freitag aus dem Bett geklingelt. Sicherheitshalber. Auch ein Pflegeheim und ein Pferdegestüt wurden geräumt. Um vier Uhr morgens fiel die Entscheidung, bis acht Uhr war die Rettung abgeschlossen.

Am Samstagmorgen hieß es, der Waldbrand habe sich nicht weiter ausgebreitet. „Unsere Strategie für die Nacht ist aufgegangen“, sagte Kreisbrandmeister Karlheinz Eisnar der Nachrichtenagentur dpa. „Wir konnten die Flanken halten.“ Allerdings sei dies auch dem Wetter zu verdanken. Es sei kaum ein Wind gegangen. Die Flammen sind noch immer 150 bis 200 Meter von Gey entfernt, das Dorf gehört wie Großhau zu Hürtgenwald, einer Gemeinde mit 9000 Einwohnern nahe der belgischen Grenze. Der brennende Wald heißt genauso.

Die aus Gey in Sicherheit gebrachten Menschen kamen erst in einer Grundschule und einem Schützenheim in der Nähe unter. Viele fanden dann schnell Unterschlupf bei Freunden oder Verwandten, andere wurden in weiter entfernte Unterkünfte gebracht, weil die Belastung durch den Rauch zu viel wurde. Wolken zogen sogar bis ins 50 Kilometer östlich gelegene Bonn. Silke Gorißen, Landwirtschaftsministerin des Bundeslandes, nennt bei ihrem Besuch in Hürtgenwald die weithin sichtbaren Rauchsäulen „so ein bisschen apokalyptisch“.

Hürtgenwalds Bürgermeister Stephan Cranen ist als Krisenmanager im Dauereinsatz. Der parteilose 55-Jährige ist daher nur auf seinem Handy zu erreichen. „Es gab am Donnerstag schon zwei andere Brände, die aber nicht so schlimm waren“, sagt er. Als er am Nachmittag auf dem Weg zum zweiten war, habe er von dem dritten, größeren erfahren. „Und gerade, als ich ins Bett gehen wollte, hat sich der Wind gedreht. Wir haben dann entschieden zu evakuieren.“ Zeit zum Schlafen habe er immer noch nicht gehabt.

Hürtgenwald gehört zum Landkreis Düren. Dessen Landrat Ralf Nolten sagt, gegen die Evakuierung habe es keinen Widerstand gegeben: „Wenn Sie die Feuerwand gesehen haben – die Bäume haben ja schon ihre Höhe und dann brennt es noch mal ein paar Meter über der Krone –, wenn Sie das gesehen haben, dann gehen Sie schon und fangen nicht an zu diskutieren.“

Der Auslöser des Brands in der Nordeifel, einer beliebten Ausflugsregion und Teil eines Nationalparks, ist unklar. Die Kölner Polizei ermittelt. Der Brand hat sich in dem knochentrockenen Wald inzwischen zu einem gefürchteten Wipfelfeuer entwickelt. Dies bedeutet, dass sich das Feuer in den Kronen verselbständigt, von Wipfel zu Wipfel springt und daher dem Brand am Boden vorauseilen kann. Die Hitze und starke Winde aus wechselnden Richtungen erschweren das Löschen. Ein Feuerwehrsprecher sagt, die Bedingungen seien „denkbar schlecht“. Nach seinen Schätzungen brennen 300 Hektar, was der Größe von 420 Fußballfeldern entspricht. Zum Vergleich: In ganz Nordrhein-Westfalen brannten im vergangenen Jahr nur 52 Hektar Wald ab. Damit ist das Feuer in Hürtgenwald nach allem, was der Regierung bekannt ist, das schlimmste in der Geschichte des bevölkerungsreichsten Bundeslandes.

Die Löscharbeiten werden noch zusätzlich erschwert, weil im Waldboden Munition und Minen aus dem Zweiten Weltkrieg verborgen sind. Der alte Wald war Ende 1944 und Anfang 1945 Schauplatz einer der längsten und blutigsten Schlachten an der Westfront. Die US Army wollte durch die Eifel vorstoßen, doch die Wehrmacht hatte sich verschanzt. US-Soldaten nannten den Wald Death Factory, Todesfabrik. Einsatzkräfte hörten bereits Explosionen. CDU-Landrat Nolten sagt, wegen dieser Gefahr könnten keine einzelnen Feuerwehrleute mit Löschrucksäcken in den Forst geschickt werden. In der Nacht zum Freitag hätten sich auch einzelne Einheiten zurückziehen müssen, damit sie nicht vom Feuer eingekesselt würden.

Insgesamt sind bis zu 1400 Menschen im Einsatz, darunter Soldaten der Bundeswehr. Als Antwort auf das Risiko von Explosionen setzen die Brandbekämpfer stärker auf schweres Gerät und löschen aus größerer Distanz. Zwei Räumpanzer der Bundeswehr schlagen Schneisen in den Wald, die Polizei besprüht die Bäume mit Wasserwerfern. Zudem ist ein gerade erst von der Landesregierung angeschafftes Spezialfahrzeug namens Fire Fighter im Einsatz. Das ist geländegängig, kann steile Hänge überwinden und 10 000 Liter Löschwasser aus einem Tank verspritzen. Aus der Luft bekämpfen fünf Hubschrauber von Polizei und Bundeswehr mit riesigen Wasserbehältern das Feuer. Bürgermeister Cranen sagt am Telefon, dass ein Löschflugzeug angefordert sei, das noch mehr Wasser transportieren kann. Die Feuerwehrleute nutzen inzwischen auch Gegenfeuer als Strategie: An bestimmten Stellen werden Feuer entzündet, die dem größeren Brand Nahrung entziehen, wie ein Feuerwehrsprecher sagt.

In der Nacht zum Samstag wurde in besonders gefährdeten Bereichen der Personaleinsatz am Boden fast verdoppelt, wie der Sprecher der Feuerwehren im Kreis Düren, Peter Berndgen, der Deutschen Presse-Agentur sagte. Viele zusätzliche Löschzüge wurden in diese Bereiche geführt. Zwei Bergepanzer der Bundeswehr hätten in der Nacht weitere Schneisen im Bereich des Ortsteils Gey geschlagen.

Alle zwölf Stunden machen sich rund 500 Einsatzkräfte aus NRW auf den Weg zum Schichtwechsel ins Brandgebiet. Die Einsatzplanung reiche derzeit bis Montag. Selbst wenn der Brand bald unter Kontrolle sein sollte, müssen Feuerwehrleute danach sämtliche Glutnester auf 300 Hektar sorgfältig löschen, damit kein neues Feuer entsteht. Unklar ist auch, wie schnell die Bewohner in ihr evakuiertes Dorf zurückkehren dürfen. An diesem Samstag wird Ministerpräsident Hendrik Wüst Hürtgenwald besuchen; er hat seinen Urlaub früher beendet. Bürgermeister Cranen hatte für dieses Wochenende eigentlich eine Radtour geplant. „Aber ich habe meiner Frau schon gesagt, sie soll die absagen“, berichtet er. „Wir werden hier sicher noch einige Tage gebraucht.“

Hinweis der Redaktion: Der Artikel wurde um Informationen vom Samstagmorgen ergänzt.

Die Feuerbekämpfer des Vereins @fire stellen sich ohne Bezahlung und mit eigener Ausrüstung den extremer werdenden Waldbränden in den Weg – bevorzugt mit der Harke. Ein Besuch.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: