SZ 29.05.2026
02:41 Uhr

(+) „Germany's Next Top Model“: Ein Finale, das den Namen nicht verdient


Die Gewinner waren schon vorab bekannt, die Show erwartbar. Nicht mal geladene Promis wie Sharon Stone oder Demi Lovato konnten dieses GNTM-Finale retten. Nur Heidi Klum zeigt ihre Qualitäten.

(+) „Germany's Next Top Model“: Ein Finale, das den Namen nicht verdient

Je länger man zuschaut, desto klarer wird es: Diese Show hat ein Problem. Und das hat, obwohl es hier um das Finale der 21. Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM) geht, ausnahmsweise nichts mit unrealistischen Körperbildern zu tun. Oder mit extrem dehnbaren Vorstellungen von Diversität und Inklusion. Oder mit gemeinen, ja geradezu fiesen Umständen am Set, die ehemalige Kandidatinnen beklagen. Nein, das große Finale von GNTM krankt dieses Jahr an noch etwas ganz anderem.

Es ist schlicht öde.

Eine vorhersehbare und wenig inspirierte Show, aufgepeppt nur durch den Glamour der prominenten geladenen Gäste. Dabei hat Heidi Klum samt Mannschaft das Finale nach Los Angeles verlegt, und das große Spektakel bleibt trotzdem aus. Auch wenn Heidi Klum mehrfach betont, wie „cheeky“, also frech und spielerisch, die Auftritte der Models sein würden.

Erstmals wurde das Finale bereits Ende Februar aufgezeichnet, in einem für diesen Abend zum Fernsehstudio umfunktionierten Theater im Stadtzentrum von L.A. Die Pannen der Finalshow begannen schon vor Beginn der Ausstrahlung, denn die Namen der Gewinnerin und des Gewinners geisterten bereits durchs Internet. Die 22-jährige Aurélie Carina und der 21-jährige Ibo Ouro-Bodi, beide aus Nordrhein-Westfalen, waren schon vor Donnerstagabend auf dem Cover bereits verschickter Exemplare des Magazins Harper’s Bazaar zu sehen.

Blöd, dass das Titelbild Jahr für Jahr die Gewinner zeigt. In Boulevardmedien ließ sich ein Pro-Sieben-Sprecher damit zitieren, dass es viele Wege gebe, Spekulationen um das Finale herum anzuheizen. Die Sieger zu verraten, bei einer Show, die alles auf den Wettbewerb setzt, ist ein recht seltsamer Weg. Selbst angesichts dieses grundlegenden Problems würde man gerne ein Auge zudrücken, wäre wenigstens die Show an sich gut.

Die läuft dann so: Nach dem ersten Walk werden gleich zwei Kandidaten verabschiedet. Dann noch ein recht ansehnliches Fotoshooting im Stil eines Actionfilms, noch ein Walk, und das war es dann schon. Zumindest für die Kandidaten. Mindestens zwei Drittel aller regulären GNTM-Folgen sind überzeugender. Für genug Fans war diese Staffel ohnehin mit dem Halbfinale vorbei, als Luis, ein guter Läufer, der diverse Jobs bekam, aus unerklärlichen Gründen nicht ins Finale vorrückte.

Natürlich kann man GNTM als seichte Unterhaltung abtun. Aber wenn es seichte Unterhaltung schafft, 21 Staffeln lang nicht nur präsent, sondern gesellschaftlicher Zankapfel zu bleiben, muss sie einen Nerv treffen. Schönheit ist vergänglich; das Interesse an der Mode- und Modelwelt, das Interesse daran, weibliche und seit wenigen Jahren auch männliche Körper zu bewerten, ist es offensichtlich nicht.

Die diesjährigen Gewinner sind seit mehreren Jahren volljährig, werden sich aber an eine Zeit ohne GNTM nicht erinnern können. Der Rezensent kann es auch nicht. Dabei hat sich das Versprechen der Show seit Staffel eins grundlegend verändert: Den allermeisten Teilnehmern dürfte inzwischen klar sein, dass GNTM kein Weg an die Spitze der Modewelt ist. Dafür ist der Schritt zum „Personality-Influencer“ kein großer mehr, der Schritt zum Reality-Star auch nicht. Und für Heidi Klum gilt: Mit jeder weiteren Staffel wachsen Ruhm, Reichweite und Werbemöglichkeiten, ganz egal, wie nah GNTM dabei dem klassischen Trash-TV kommt. Zwischendrin bekommt man Kartoffelchips eingeblendet, „by Heidi Klum – Brathähnchen Style“.

Die beiden vielleicht ehrlichsten Parts des Finales waren die Worte, die Familienmitglieder und Freunde über die Finalistinnen und Finalisten zu sagen hatten. Die Mutter von Ibo Ouro-Bodi, dem Gewinner, schickt eine Grußbotschaft aus ihrem wintergrauen Garten, im Hintergrund steht ein Trampolin. Sie habe in der aktuellen politischen Lage kein US-Visum mit ihrem nigerianischen Pass bekommen können, sagt sie. GNTM war wohl selten so nah dran an der Weltpolitik.

Was das Staffelfinale dann doch herausstechen lässt, ist das im besten Sinne größenwahnsinnige Line-up. Für das Finale von „Germany’s Next Topmodel“ zieht Klum US-Promis heran, die von Pro Sieben vermutlich noch nie gehört haben. Und von GNTM oder von Bergisch Gladbach vermutlich genauso wenig.

Nastassja Kinski spricht über ihren Kampf, eine Szene mit ihr als entblößter 13-Jähriger aus einem Film von Wim Wenders entfernen zu lassen. Doch der Regisseur schweigt – und mit ihm die gesamte Filmbranche. Wie kann das sein?

Schauspielerin Sharon Stone gibt zu Beginn die Ansagerin und sitzt später neben Heidi auf der Couch, oder wie Stone sagt: „Kluuuum.“ Die beiden Modelstars Adriana Lima und Winnie Harlow dürfen die Kandidaten mitbewerten. Die Sängerin Demi Lovato gibt zwei Songs zum Besten, auch Nicole Scherzinger von den Pussycat Dolls tritt auf.

Heidi Klum ist eben eine Deutsche in Amerika, die die wirklich schwere Aufgabe gemeistert hat, als Heidi aus NRW auch in den USA zum Star zu werden. Und – mindestens genauso schwer – Star zu bleiben, mit all den entsprechenden Kontakten.

Als Demi Lovato von Heidi Klum gefragt wird, warum sie eigentlich beim GNTM-Finale sei, antwortet die Sängerin erst, dass sie die Challenges ganz toll finde. Und schiebt Richtung Klum hinterher: „And of course, I love seeing you.“ Und ich liebe es natürlich, dich zu sehen, Heidi. Lovato spricht damit ganz beiläufig eine Wahrheit aus, zu der man als geneigter Zuschauer nach 21 Staffeln ohnehin schon fand: Heidi, es sind ohnehin alle nur deinetwegen hier.

Eine Netflix-Doku arbeitet die Untiefen von „America’s Next Top Model“ auf. Das deutsche Publikum wird das nicht überraschen – Pro Sieben kopierte das Konzept mit Heidi Klum vor 20 Jahren sehr genau.

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