SZ 09.03.2026
15:50 Uhr

(+) Genossenschaftsbanken: Bei den Volksbanken herrscht Chaos


Fünf Rettungsfälle haben zuletzt die genossenschaftliche Bankengruppe erschüttert. Strengere Regeln sollen nun verhindern, dass aus einzelnen Krisen-Volksbanken ein Systemrisiko wird. Doch schon kündigt sich das nächste Problem an.

(+) Genossenschaftsbanken: Bei den Volksbanken herrscht Chaos

In den vergangenen zwei Jahren haben es gleich fünf kleinere Volksbanken geschafft, in teils aberwitzige Skandale abzugleiten. Mal erbeuteten Gauner 100 Millionen Euro von der einen Volksbank, ein anderes Mal verzockte sich ein Institut mit Immobilieninvestments, ein weiteres fiel durch die Finanzierung eines Bordells und vermeintlich heiliger Quellen irgendwo im Ausland auf. Um die Banken schließlich vor der Pleite zu bewahren, musste der genossenschaftliche Verbund Risiken von rund 1,3 Milliarden Euro aus dem gemeinsamen Sicherungstopf abschirmen. Für 2026 wünschten sich die Genossenschaftsbanken daher vor allem eins: Das Chaos endlich hinter sich lassen. Wieder bodenständig sein.

Doch seit Wochen sorgt mit der Volksbank Braunschweig Wolfsburg (Brawo) erstmals auch ein größeres Institut für Unruhe. Der Grund: Auch im März 2026 liegt noch immer kein testierter Konzernabschluss für 2024 vor. Nun könnte man sagen: kann passieren, wird Gründe haben. Doch die Brawo ist bekannt für ihre eher ungewöhnlichen und zahlreichen Beteiligungen in Immobilien, Fitnessstudios, Restaurants und Villen, unter anderem auf Mallorca. Man könnte sagen, die Brawo ist ein kleiner Konzern, und im genossenschaftlichen Sektor wächst deshalb die Sorge, dass auch in Braunschweig-Wolfsburg die vielen Extrageschäfte womöglich nach hinten losgehen können. Eine Anfrage der SZ dazu ließ die Brawo unbeantwortet. Gegenüber dem Handelsblatt hatte das Institut die Bedenken zurückgewiesen und erklärt, die Verzögerung liege ausschließlich daran, dass eine frühere Beteiligung vollständig und rückwirkend im Konzernabschluss abgebildet werden müsse. Bei den Immobilien verfüge man sogar eher über stille Reserven. Doch was ist, wenn es anders kommt?

Nervös sind die Genossenschaftsbanker nicht ohne Grund, denn Volksbanken versprechen, sich im Krisenfall gegenseitig zu retten, damit weder der Staat noch die Kunden darunter leiden müssen. Ihr Topf für Notfälle ist aufgrund der Skandale aber erheblich geschrumpft, und all das, weil sich einige Volksbanken zulasten der Gemeinschaft in heikle Deals gestürzt haben. Für die rund 670 Volksbanken ist das ein großes Ärgernis, auch weil einzelne Chaosbanken die gemeinsame Marke ruinieren können.

Seit mehr als einem Jahr feilt der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) in Berlin daher an einem Maßnahmenkatalog mit deutlich mehr Zugriffsrechten auf einzelne Institute und einem Wertekodex, den die BVR-Führung diesen Dienstag auf der Jahrespressekonferenz in Frankfurt wohl erläutern wird. Im Sommer will die Bankengruppe die neuen Regeln auf ihrer Mitgliederversammlung beschließen.

Diese sollen dann Fälle verhindern wie jenen der Volksbank Bad Salzungen Schmalkalden in Thüringen. Fachwerkhäuschen reihen sich dort an Kirchtürme, das Renaissance-Schloss Wilhelmsburg war lange fast das Einzige, wofür Schmalkalden mit seinen 19 000 Einwohnern bekannt war. 2018 wurde der Ex-Fußballer Stefan Effenberg Berater im Firmenkundengeschäft – was der Bank den schillernden Spitznamen „Effenberg-Bank“ einbrachte. Der frühere Nationalspieler sollte unter anderem Finanzierungen für Spielertransfers einfädeln, ein für eine Volksbank eher ungewöhnliches Geschäft. Tatsächlich erscheinen die Deals im Vergleich zum waghalsigen Expansionskurs der Bank aber fast schon harmlos. Unter ihrem Ex-Chef nämlich hatte die Volksbank unter anderem in heiliges Wasser in Griechenland, Bordelle oder eine Expresswäscherei investiert und sich damit derart verhoben, dass zwischenzeitlich sogar die Finanzaufsicht Bafin eingriff und die Führung an sich riss. Vor rund einem Jahr mussten dann auch die Genossenschaftsbanken eingreifen und die Bank mit mehr als 500 Millionen Euro auffangen, der damalige Vorstand und Aufsichtsrat wurden ausgetauscht.

Viele Finanzprodukte sind unnötig teuer oder ungeeignet. Dennoch verkaufen Banken und Sparkassen sie weiterhin. Frage an Bafin-Chef Mark Branson: Sollte sich die Finanzaufsicht nicht stärker um den Verbraucherschutz kümmern?

Seinerzeit hieß es im „Geno-Lager“ oft: ein Einzelfall, ein paar Sonnenkönige, die sich verhoben haben. Doch dann folgten Schlag auf Schlag vier weitere Krisen: Die Raiffeisenbank im Hochtaunus musste nach aggressiver Expansion mit Garantien von rund 440 Millionen Euro gerettet werden, die Volksbank Düsseldorf‑Neuss fiel auf Betrüger herein und verlor womöglich um die 100 Millionen Euro. In Dortmund‑Nordwest hatten Spekulationen mit Immobilienfonds das Eingreifen der Sicherungseinrichtung nötig gemacht. Und ganz frisch hinzugekommen: Das oberbayerische Bankhaus RSA brauchte im Oktober 2025 plötzlich Hilfe, weil es die Eigenkapitalanforderungen nicht aus eigener Kraft erfüllen konnte.

Warum aber lassen sich die Vorstände immer wieder dazu hinreißen, riskante Deals einzugehen? „Viele der Banken haben in der Niedrigzinsphase nach anderen Einnahmen gesucht“, sagt Oliver Mihm, Chef der auf Banken spezialisierten Unternehmensberatung Investors Marketing. Hinzugekommen sei der Wunsch, eigenständig zu bleiben: „Der berechtigte Wille zur Eigenständigkeit eines Instituts ist aus Sicht der Eigentümer und des Vorstands der Bank nachvollziehbar“, sagt der Experte. „Gleichwohl muss man sich der Realität stellen, dass gerade kleineren Instituten bei permanent steigenden Anforderungen der Regulierung die Kosten davonlaufen.“

Hinzu kommt das, was Ökonomen „Moral Hazard“ nennen: Trotz Niedrigzinsphase verfügen die Volksbanken insgesamt über hohe Rücklagen, viele Institute haben zuletzt hohe Gewinne gemacht. Wer scheitert, wird daher auch von den anderen gerettet. Selbst wenn der Vorstand seinen Posten verliert, muss er sich nicht vor den Kunden für Schlangen an den Geldautomaten rechtfertigen – denn die Probleme haben für die Kunden bislang keine direkten Folgen. Auch Schadenersatzforderungen sind bislang selten. Das genossenschaftliche Prinzip „einer für alle, alle für einen“ klingt gut, könnte aber die Risikobereitschaft mancher Bankvorstände gefährlich entfesselt haben.

Außerdem fehlt es vielen Aufsichtsräten, die die Vorstände kontrollieren sollen, offenbar an Wissen, um heikle Geschäfte zu durchschauen. In Schmalkalden beispielsweise saßen vor allem Politiker und Unternehmer aus der Region im Aufsichtsrat; in Düsseldorf-Neuss war es unter anderem ein Landwirt. Die Finanzaufsicht Bafin sprach in ihrem jüngsten Jahresbericht ungewöhnlich deutlich von „einzelnen, außergewöhnlich teuren Sanierungsfällen“ bei Genossenschaftsbanken. Ursache seien gravierende Mängel im Risikomanagement und in der Governance, also der Unternehmensführung.

Die Genossen in den oberen Etagen wollen das ändern. Nach einem Jahr voller Diskussion sind nun 40 Einzelmaßnahmen und stärkere Eingriffsrechte geplant. Beteiligt an dem „Frühwarnsystem“, wie es der Chef der DZ-Bank, Cornelius Riese, nennt, seien „Prüfungseinrichtungen, die Sicherungsverbände“ und die DZ-Bank selbst, das „Dachinstitut“ der Volksbanken. Man wolle „koordiniert“ vorgehen, sagte er vergangene Woche auf seiner Bilanzpressekonferenz. „Aus praktischer Sicht ist das Thema für uns bereits gut umgesetzt – da sind wir schon dort, wo wir sein wollen.“

Parallel zu den neuen Sicherungen wollen die Genossen auch einen Wertekodex erarbeiten. In diesem wollen die Volksbanken unter anderem auf eine stärkere Trennung von Aufsichtsrat und Vorstand pochen. Orientieren soll er sich am Deutschen Corporate Governance Kodex, einem Regelwerk für börsennotierte Unternehmen. Rechtlich bindend wäre er damit nicht. Ob das die Volksbank-Vorstände von riskanten Deals abhalten wird? „Es ist jedenfalls mal eine Richtgröße“, sagt ein hochrangiger Vertreter der Gruppe.

Parallel zur Neuausrichtung gibt es noch immer Nachwehen der vergangenen zwei Chaosjahre, zuletzt im Januar 2026. Da verhängte die Finanzaufsicht Bafin eine Strafe von 325 000 Euro gegen die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden. Der Grund dafür waren „Mängel in der Geldwäscheprävention, die während der Amtszeit der damaligen Geschäftsleitung des Instituts im Geschäftsjahr 2023 verursacht wurden.“ In Wolfsburg-Braunschweig wartet man derweil auf den testierten Konzernabschluss von 2024. Seine Veröffentlichung würde vermutlich etwas Ruhe in die Branche bringen. Je nachdem, was dort im Kleingedruckten steht.

Lange galten sie als stabile Anlage, gerade Volksbanken und Sparkassen verkauften sie oft. Doch jetzt musste bereits der zweite offene Immobilienfonds innerhalb kurzer Zeit schließen. Anleger kommen damit vorerst nicht mehr an ihr Erspartes.

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