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05.06.2026
14:30 Uhr
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In der Theologie wird zwischen Nah- und Fernerwartung unterschieden. Was das in der Praxis bedeutet, hat ein Bub vor 55 Jahren im Grünwalder Stadion gelernt.

Der Fanblock das TSV 1860 im Stadion an der Grünwalder Straße. Foto: Sebastian Beck
Allzu gerne wird vergessen, dass diese Zeitung einen Bildungsauftrag hat, der sich, zumal in Altbayern, auch auf die Grundlagen des katholischen Glaubens erstreckt. Das erscheint umso dringlicher, als dass selbst die Christliche Soziale Union, abgekürzt CSU, in jüngster Zeit Schwierigkeiten mit den Basics hat: Die Landesgruppe im Bundestag postete am Donnerstag „Wir wünschen gesegneten Frohnleichnahm“, was leider zwei Hs zu viel enthält.
Deshalb fangen wir hier mal ganz von vorne an und erklären, was es mit der Nah- und Fernerwartung, aber auch mit der Parusieverzögerung auf sich hat. Kurz gefasst waren die Urchristen der Meinung, dass der Erlöser schon bald wiederkehren würde (Naherwartung). Weil er sich aber offensichtlich nicht mehr blicken ließ, wich die Nah- einer Fernerwartung: Irgendwann würde er schon kommen, dann aber mit Pauken und Trompeten und Verstärkeranlage, garantiert. Die nicht näher definierte Zeitspanne bis dahin nennt sich Parusieverzögerung, in der die Gläubigen zwischen Frust und Hoffnung schwanken, weil nichts vorwärtsgeht.
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Der Autor lernte die praktische Bedeutung dieser theologischen Begriffe schon im frühen Kindesalter kennen, als ihn sein Vater im Grünwalder Stadion 1971 mit der Naherwartung vertraut machte. Er sprach also: „Wirst sehen, Bub, wir steigen bald wieder auf und werden Deutscher Meister.“ Befeuert wurde die Naherwartung durch einen neuen Spieler namens Hans-Dieter Seelmann, den der Vater für den kommenden Erlöser hielt. Das sollte sich als Irrtum herausstellen, da Seelmann erstens Verteidiger war und zweitens in der ganzen Saison nur ein einziges Tor schoss.
So wich in Giesing die Naherwartung allmählich der Fernerwartung und dann der Fernsterwartung, die schließlich Züge der Erwartunglosigkeit annahm. Der Vater ist längst in der Parusieverzögerung gestorben, und selbst der Bub sieht inzwischen alt und grau aus. Seinen Söhnen berichtet er nun gerne davon, wie es damals war, als im Grünwalder Stadion noch Johannes 22,7 galt: „Ich komme bald.“
Dumm nur, dass er erst sehr spät das Kleingedruckte gelesen hat: Bald bedeutet in der Exegese nicht Dienstag oder Mittwoch oder so, sondern plötzlich und unerwartet. Insofern könnte der überraschende Zwangsabstieg der Sechzger als Zeichen gedeutet werden, dass sich nun endlich, nach 55 Jahren des Wartens, die Schrift erfüllt: Es wird ein Großmetzger kommen und sein Füllhorn über dem Verein ausschütten. Und wenn nicht sofort, so zumindest bald.
Der TSV 1860 will authentisch und proletarisch, aber auch groß und erfolgreich sein. So wie Giesing, wo sich alles abspielt. Einblicke in ein Viertel und seinen Verein, die stets zwischen Himmel und Hölle taumeln.
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