SZ 16.03.2026
14:44 Uhr

(+) Feindliche Übernahme: Was das Angebot der Unicredit für die Commerzbank bedeutet


Unicredit-Chef Andrea Orcel will die Frankfurter und die Bundesregierung an den Verhandlungstisch zwingen. Trotz mächtiger Gegner könnte sein Plan aufgehen.

(+) Feindliche Übernahme: Was das Angebot der Unicredit für die Commerzbank bedeutet
Die Zentrale der Commerzbank in Frankfurt. Im September 2024 war Unicredit erstmals bei der Bank eingestiegen. KIRILL KUDRYAVTSEV/AFP

Die Liste der deutschen Politiker, die sich Andrea Orcel in den vergangenen anderthalb Jahren zu erbitterten Gegnern gemacht hat, ist ebenso lang wie prominent bestückt. Die Namen Friedrich Merz und Olaf Scholz etwa finden sich darauf, genau wie die der Kollegen Christian Lindner, Lars Klingbeil und Boris Rhein. Und doch gibt der Chef des italienischen Finanzkonzerns Unicredit den Versuch nicht auf, die Frankfurter Commerzbank zu übernehmen. Im Gegenteil: Nachdem alles Antichambrieren nicht gefruchtet hat, will Orcel Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp und die widerspenstigen Berliner Politgrößen nun mit einem sogenannten freiwilligen Übernahmeangebot gewissermaßen an den Verhandlungstisch zwingen.

Dabei war Bundeskanzler Friedrich Merz der zweitgrößten deutschen Privatbank im vergangenen Jahr sogar mit einem Schreiben an den Betriebsratsvorsitzenden beigesprungen: Er nehme die Sorgen um die Zukunft der Commerzbank ebenso ernst wie jene um den Finanzstandort Deutschland, betonte er. Die Commerzbank sei nicht nur eine der systemrelevanten Banken Europas, sondern auch eine führende Adresse bei der Finanzierung des deutschen Mittelstands.

An dieser Haltung hat sich durch Orcels jüngsten Vorstoß nichts geändert, wie Vertreter von Kanzleramt und Finanzministerium am Montag ausdrücklich bestätigten. „Der Bund unterstützt die Strategie der Eigenständigkeit der Commerzbank“, sagte ein Sprecher Klingbeils. „Eine feindliche Übernahme“, so der Vertraute des Ministers weiter, wäre „nicht akzeptabel“.

Im September 2024, als der Bund begann, Teile seiner Beteiligung zu veräußern, war Unicredit erstmals bei der Commerzbank eingestiegen. Seitdem hat Orcel seinen Anteil schrittweise auf zuletzt rund 29 Prozent ausgebaut. Es ist ein feindlicher Übernahmeversuch, wie es ihn selten gibt in der Bankenbranche.

Der Unicredit-Chef hatte zwar wiederholt versichert, nicht gegen den Willen der Regierung vorgehen zu wollen. Er lässt sich jedoch von dem Widerstand ganz offensichtlich auch nicht abschrecken und will alle Beteiligten nun mit Macht zu einer Aussprache zwingen. „Unsere Botschaft an die Commerzbank lautet: Es ist an der Zeit zu reden“, sagte Orcel am Montag in einer Telefonkonferenz mit Analysten. Er strebe weiterhin einen „konstruktiven Dialog“ mit anderen Commerzbank-Aktionären an, womit vor allem die Bundesregierung gemeint sein dürfte, die noch rund zwölf Prozent der Anteile hält.

Wie weit Orcel mit seinem Angebot kommt, ist allerdings unklar. Anders als bei einem Pflichtangebot, das er ab einer Beteiligung von 30 Prozent hätte vorlegen müssen, kann er Zeitpunkt und Preis bei einem freiwilligen Angebot selbst bestimmen. Das Angebot, das die Mailänder Großbank in eigenen Aktien bezahlen will, bewertet die Commerzbank nach derzeitiger Planung jedoch nur mit knapp 35 Milliarden Euro. Offiziell will er das Angebot Anfang Mai vorlegen, es soll rund vier Wochen lang laufen. Damit bietet er lediglich einen Aufschlag von rund vier Prozent auf den letzten Durchschnittskurs der Commerzbank, deutlich weniger als die sonst üblichen 20 bis 30 Prozent, die Aktionären ein Angebot normalerweise schmackhaft machen sollen. Damit dürfte Orcel zunächst wohl nur auf etwa 40 Prozent der Commerzbank-Aktien kommen. Anschließend müsste er entweder ein neues Angebot vorlegen oder versuchen, weitere Anteile schrittweise über den Markt zuzukaufen. Der Nachteil: Das könnte sich über Jahre hinziehen, ohne dass er die Kontrolle über die Bank gewinnt und die damit verbundenen Kostenvorteile bereits realisieren kann.

Andererseits könnte Orcel auch auf diese Weise doch irgendwann ans Ziel kommen, glauben Experten. „Er wird über kurz oder lang die Commerzbank übernommen haben, das ist wahrscheinlich nicht mehr abwendbar“, sagt Finanzprofessor Volker Brühl von der Goethe-Universität Frankfurt. Er warnt jedoch, dass die Hängepartie die Kunden der Commerzbank verunsichern und damit die Erträge belasten könnte. Ein sinkender Aktienkurs würde es Orcel erleichtern, seinen Anteil weiter auszubauen. „Das Management der Commerzbank kann jetzt nur noch das Beste für die Aktionäre herausholen, und auch der Bund kann zumindest noch Bedingungen stellen, bevor er seinen Anteil verkauft“, so Brühl.

Commerzbank-Betriebsratschef Sascha Uebel kritisierte das Vorgehen der Unicredit sogar als „geschäftsschädigend“. Mit der Ankündigung eines Übernahmeangebots setze Orcel sein Taktieren fort – zulasten der Mittelstandskunden und der Belegschaft der Commerzbank. „Das ist die nächste Stufe der Unverschämtheit. Das ist nicht nur unabgestimmt, das ist feindlich“, sagte er der dpa und kündigte deutlichen Widerstand an: „Wir werden mit allen Möglichkeiten und Mitteln dagegen vorgehen.“ Spätestens zur Commerzbank-Hauptversammlung am 20. Mai dürfte mit Aktionen der Belegschaft zu rechnen sein.

Erstaunlich ist, dass die italienische Regierung Orcels Vorgehen nicht oder zumindest nicht aktiv unterstützt. So haben sich offenbar weder Ministerpräsidentin Giorgia Meloni noch Finanzminister Giancarlo Giorgetti bei ihren Amtskollegen in Berlin für die Übernahme starkgemacht. Auch Orcel selbst wurde vor Abgabe seines Angebots nicht noch einmal bei der Bundesregierung vorstellig. Stattdessen machte er sich offenbar die Verluste der Commerzbank-Aktie in der vergangenen Woche zunutze, um loszuschlagen.

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Richtig ist allerdings auch, dass die Bundesregierung trotz ihres Minderheitsanteils de facto kaum Möglichkeiten hat, auch eine als feindlich angesehene Übernahme zu verhindern. „Die Bundesregierung ist keine Aufsichtsbehörde“, räumte der Klingbeil-Sprecher ein. Zuständig seien die Europäische Zentralbank (EZB) und das Bundeskartellamt, die unabhängig von der Politik agierten und dem Vorhaben bislang grundsätzlich zugestimmt haben.

Aus den Reihen der Commerzbank-Aktionäre kam die Aufforderung, nun erst einmal zu reden. „Nachdem das Übernahmeangebot auf dem Tisch liegt, würde ich davon ausgehen, dass das Commerzbank-Management mit Herrn Orcel und der Unicredit in einen konstruktiven Dialog tritt. Was dann dabei herauskommt, werden wir sehen“, sagte Alexandra Annecke von der Fondsgesellschaft Union Investment. Die Frage ist allerdings auch, wie die Aktionäre der Unicredit eine lange Hängepartie bewerten: Der Aktienkurs der italienischen Großbank gab am Vormittag zunächst um mehr als zwei Prozent nach, während der Aktienkurs der Commerzbank um mehr als acht Prozent stieg. Orcel hatte zuletzt immer betont, die Übernahme der Commerzbank sei ihm eigentlich zu teuer, nachdem sich der Aktienkurs der Frankfurter mehr als verdoppelt hatte. In den vergangenen Monaten war der Commerzbank-Kurs zwar gefallen, dennoch stellt sich die Frage, ob er sich nicht übernimmt.

Orcel hatte zuletzt auch immer wieder gesagt, er könne sich bis Ende 2027 Zeit lassen mit der Übernahme. Doch je länger die Hängepartie dauert, desto eher könnte es Kritik der eigenen Aktionäre und des eigenen Aufsichtsrates an der Milliardenbeteiligung geben, die sich für Unicredit erst auszahlt, wenn die Übernahme gelingt. Commerzbank-Chefin Orlopp lehnte das Angebot am Montag jedenfalls erneut ab. An ihrer Haltung habe sich nichts geändert, ⁠teilte die Bank mit. Die überraschende Offerte sei keine Basis für Gespräche, nachdem Unicredit darin nichts dazu sage, weshalb eine Fusion wertstiftend sein sollte. „Wir sind überzeugt von der Stärke und dem Potenzial unserer Strategie, die auf Eigenständigkeit und profitables Wachstum setzt“, sagte Orlopp.

Vor einem Jahr bei der Commerzbank überraschend Chefin geworden, ist der Druck auf Bettina Orlopp von Beginn an hoch: eine drohende Übernahme abwenden, dazu die Belegschaft und die Bundesregierung hinter sich bringen. Wie hat sie das geschafft?

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