SZ 03.09.2026
15:45 Uhr

(+) Elternkolumne „Die Erziehungsberechtigten“: Im Tabak-Großraum zu den Großeltern


Die Kinder unseres Autors reisen regelmäßig unbegleitet mit dem Zug – so wie früher auch er. Doch damals war es wirklich noch abenteuerlich.

(+) Elternkolumne „Die Erziehungsberechtigten“: Im Tabak-Großraum zu den Großeltern
Kolumnist Patrick Bauer.
Lorenz Mehrlich

Mein Fahrlehrer sagte immer, wer in Berlin Autofahren lerne, könne überall Auto fahren (außer vielleicht in Mumbai). Und Stand jetzt hatte er recht, ich kam noch an jedem Ort gut zurecht (nur nicht in Mumbai, da gab ich nach zwei Minuten auf). Ich musste an die Fahrlehrerworte denken, weil meine elfjährige Tochter am Hamburger Hauptbahnhof allein den Zug wechseln musste. Und ich glaube, wer am Hamburger Hauptbahnhof umsteigen kann, wo man in der Regel Sekunden vor Abfahrt zu einem neuen Gleis geschickt wird und die Gleise in einem Rolltreppenloch zwischen zwei Fressmeilen liegen, der kann überall umsteigen (außer vielleicht in Mumbai). Sie hat es geschafft!

Ab dem sechsten Lebensjahr darf man in Deutschland offiziell unbegleitet mit der Bahn fahren. So früh sind unsere beiden Großen zwar noch nicht allein unterwegs gewesen, aber beide regelmäßig, bevor sie zehn wurden. Da ich deswegen von anderen Eltern oft erstaunt bis erschrocken angeschaut werde, frage ich mich, ob meine Sorglosigkeit naiv oder aus der Zeit gefallen ist. Ich kann aber nur Gutes berichten aus den Erlebnisberichten meiner Kinder: von herzallerliebsten Zugbegleitern, von hilfsbereiten Sitznachbarn, sogar von störungsfreiem Wlan.

Außerdem haben meine Kinder jedes Mal nicht nur so viele Snacks dabei, als hätten sie gerade einen Späti ausgeraubt, sondern sind auch erreichbar und können uns, die wir ihre Fahrt im „DB Navigator“ engmaschig verfolgen, jederzeit anrufen. An der Stelle langweile ich meine Kinder gerne mit der ollen Kamelle, dass ICH JA KEIN HANDY HATTE, wenn ich allein von Berlin zur Verwandtschaft nach Stuttgart fuhr in dem Alter. Ich hatte nur eine Karte einstecken, mit der ich im Notfall aus der Telefonzelle, die es damals neben dem Bordbistro gab, das damals noch Bordtreff hieß, nach Hause hätte funken können.

Dazu kam es aber nie, weil ich damit beschäftigt war, in Dauerschleife den Dauerschleifen-Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ zu glotzen, der damals im ICE auf den kleinen Bildschirmen im Sitz vor einem lief, aber nur in der ersten Klasse – und in den Raucherabteilen. An der Stelle behaupten meine Kinder, ich würde Quatsch erzählen. Aber es war so: Ich saß stundenlang im Kippendunst und sah ohne Ton, weil ich nie Kopfhörer dabeihatte, die immer gleichen Szenen mit Bill Murray. Ich kenne den Film bis heute nur in der stummen ICE-Raucher-Version. Meine Großeltern versuchten dann eine Woche, mir den Aschenbechergestank aus den Haaren zu shampoonieren, aber auf der Heimfahrt saß ich wieder im Tabak-Großraum.

Gesund war das sicher nicht, aber auch das Rauchen auf dem Bahnsteig ist nicht ungefährlich. Eine Mutter hat jetzt am Mannheimer Hauptbahnhof eine zu lange Zigarettenpause eingelegt, sodass ihre beiden Kinder, 13 Jahre und acht Monate alt, ohne sie weiter nach Stuttgart fuhren. Nach meinen Erfahrungen mit dem indischen Fernverkehr würde ich sagen: Nur in Mumbai hätte sie es noch in den anrollenden Zug geschafft.

In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.

Ob liebevoll in Szene gesetzt oder einfach draufgehalten: Fotos von der Familie gehören zum Sommerurlaub wie der Streit ums Fotografieren und Fotografiertwerden. Über eine Tradition mit Konfliktpotenzial.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: