SZ 21.09.2026
15:50 Uhr

(+) Deutsche Olympiabewerbung: „Mir macht die gesamte politische Situation Sorgen“


Thomas Härtel, Präsident des Landessportbunds Berlin, erklärt, wie er nach dem Sieg der Linken in der Hauptstadt die Olympiabewerbung der Stadt retten will – und appelliert an die Bundesregierung.

(+) Deutsche Olympiabewerbung: „Mir macht die gesamte politische Situation Sorgen“
Das Olympiastadion ist das Prunkstück der Berliner Olympiabewerbung. Doch die Kampagne hat schon im nationalen Wettstreit ein gewaltiges Problem: auf der politischen Laufbahn.
Maja Hitij/Getty Images

Am kommenden Samstag endet im Kurhaus von Baden-Baden ein sportpolitischer Marathon: Die Delegierten von 42 olympischen Fachverbänden, das Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) sowie persönliche Mitglieder des Dachverbands entscheiden, welche Region sie ins Rennen schicken sollen, um sich beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 zu bewerben. Und auch wenn dieser nationale Vorentscheid, nach Jahren voller Volten, drei Finalisten hervorgebracht hat – Berlin, „KölnRheinRuhr“ und München –, so rechnen viele Beobachter hinter den Kulissen mit einem Zweikampf, spätestens seit vergangenem Sonntag.

Da triumphierte die Linke bei der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses überraschend klar – und damit die Partei, deren Spitzenkandidatin Elif Eralp die Berliner Bewerbung am Montag nochmals klar ablehnte, von „Steuergeldverschwendung“ sprach. Schwere Zeiten für Olympiabefürworter, auch für Thomas Härtel. Der 75-Jährige ist seit 2018 Präsident des Landessportbunds Berlin, er vertritt die Interessen von 60 000 Ehrenamtlichen, von denen einige für die Berliner Bewerbung geworben haben. Allein deshalb gibt sich Härtel auf den letzten Metern kämpferisch.

SZ: Herr Härtel, ist Ihre Bewerbung klinisch überhaupt noch am Leben?

Thomas Härtel: Elif Eralp hatte uns ihre Haltung schon zuvor in einem Gespräch mitgeteilt. Wir haben mit ihr eine hohe Übereinstimmung erzielt, was die Sportförderung, Aktivitäten und Entwicklungen in Berlin betrifft – aber eben nicht Olympia. Aus unserer Sicht gesprochen: Das Spiel um die Spiele wird am kommenden Samstag in Baden-Baden abgepfiffen. Bis dahin werden wir auf allen möglichen Ebenen kämpfen für die Bewerbung unserer Stadt.

Kaweh Niroomand, der Olympiabeauftragte Ihrer Kampagne, hat zuletzt gesagt, dass sich die künftigen Berliner Regierungsparteien rasch in der Olympiafrage positionieren sollen, am besten vor der Wahl jetzt in Baden-Baden. Ob ein rot-rot-grünes Bündnis dies tun wird, darf schwer bezweifelt werden, so skeptisch wie Linke und Grüne der Olympiabewerbung gegenüberstehen. Und eine mögliche Koalition aus CDU, SPD und Grünen würde erst weit nach der Entscheidung in Baden-Baden ins Spiel kommen, wenn überhaupt.

Das Signal kommt jetzt erst einmal von uns, aus der Berliner Bewerbung und dem Sport. Wenn wir das Wahlergebnis in Mecklenburg-Vorpommern mal hinzunehmen, sehen wir: Unsere Gesellschaft driftet auseinander. Wenn wir uns allein die Sorgen und Nöte der Berlinerinnen und Berliner anschauen, bis zu Themen wie Antisemitismus und Extremismus: Da ist doch vor allem der Sport mit seinen verbindenden Elementen gefordert. Und im Sport spielen Olympische und Paralympische Spiele nun mal eine zentrale Rolle.

Wie soll das die Vertreter der olympischen Fachverbände überzeugen, die in Baden-Baden noch zwei Alternativen haben?

Unser Konzept „Berlin+“ bezieht als einziges auch die ostdeutschen Länder mit ein, von Mecklenburg-Vorpommern über Brandenburg bis Sachsen. Man stelle sich vor, wir würden die Olympischen und Paralympischen Spiele im Jahr 2040 nach Deutschland holen, 50 Jahre nach der Wiedervereinigung – und dann sollen die ostdeutschen Bundesländer vor allem auf der Tribüne sitzen? Diese Botschaft wollen wir auch in dieser Woche noch mal bei den Mitbewerbern und auch den Mitgliedern des Deutschen Olympischen Sportbundes platzieren.

Im Berliner Wahlkampf hat diese Botschaft kaum eine Rolle gespielt, wie die Olympiabewerbung überhaupt.

Wir sind zwar froh, dass der Sport insgesamt durchaus beachtet wurde, etwa in den Wahlprogrammen der Parteien. Aber die Olympischen und Paralympische Spiele waren angesichts der vielfältigen Probleme der Stadt nicht das zentrale Thema, da haben Sie völlig recht.

Sie haben zwei weitere Probleme der Berliner Bewerbung angerissen: den Antisemitismus in Teilen der Berliner Linken, der nicht nur mögliche Bündnispartner abschrecken könnte, sondern auch das IOC. Zum anderen streben die Olympiagegner in Ihrer Stadt weiter einen Volksentscheid an, um eine Berliner Bewerbung nach einer Vergabe in Baden-Baden abzuwürgen.

Zum ersten Punkt sage ich: Der Sport hat eine klare verbindende Aufgabe, auch und gerade, wenn er für Olympische und Paralympische Spiele wirbt. Wir werden das allein wieder am kommenden Wochenende sehen, wenn knapp 56 000 Teilnehmende beim Berlin-Marathon starten, die hier von fast einer Million Menschen gefeiert werden. Ich appelliere an den DOSB und an die olympischen Spitzenverbände, dies bei ihrer Entscheidung eindeutig mit in den Blick zu nehmen. Und bezogen auf die „Nolympia“-Kampagne: Die hat Schwierigkeiten, ihre 20 000 Unterschriften zu sammeln, die notwendig sind, um überhaupt einen Antrag auf ein Volksbegehren einzubringen. Für dieses Begehren braucht es dann weitere 175 000 Unterschriften. Selbst wenn diese zusammenkommen, müssten am Ende rund 620 000 Berliner gegen die Spiele stimmen. Und diese Anti-Stimmung haben wir in der Stadt nicht, das muss man eindeutig sagen. Insofern braucht man davor keinerlei Ängste zu haben.

Berlin, „KölnRheinRuhr“ oder München? Der Deutsche Olympische Sportbund präzisiert das Verfahren, das den deutschen Olympiakandidaten kürt. Doch weitere Debatten sind zu erwarten – weil sich der Verband in zentralen Fragen in Geheimniskrämerei übt.

Sie glauben wirklich, dass das die Delegierten in Baden-Baden und letztlich auch das IOC überzeugen wird?

Der deutsche Sport kann einer Stadt, die gerade gewählt hat, auch ein Angebot machen: Seht her, hier besteht eine Chance für ein Großereignis in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 – gebt euch allen einen Ruck, diese Bewerbung zu stützen! Am Dienstag soll die Evaluierungskommission ja auch noch ihren Bericht vorstellen und die Ergebnisse der Bewertungsmatrix veröffentlichen. Ich glaube nur, dass es nicht viel bringen wird, wenn wir jede einzelne Sportstätte mit möglichen Ticketverkäufen aufwiegen. Die Frage muss doch sein, was der Sport für eine Gesellschaft erreichen kann, die gerade auseinanderdriftet. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass Berlin mit den ostdeutschen Ländern in der Hinsicht eine klare Botschaft senden kann.

Glauben Sie nicht, dass die Evaluierungskommission eher eine anderslautende Empfehlung herausgeben wird mit Blick auf die Berliner Wahl?

Ich glaube nicht, dass die Evaluierungskommission die Aufgabe hat, eine politische Kommentierung abzugeben. Sie hat die Konzepte der jeweiligen Bewerber einzuschätzen, bezogen auf klare Kriterien, die festgelegt sind. Die politische Unterstützung ist ein solches Kriterium, aber das wurde auch bei uns bepunktet, durch das positive Votum des Abgeordnetenhauses. Auch das darf man nicht vergessen: Wir haben dieses Votum auf den Weg gebracht durch eine Volksinitiative mit knapp 30 000 Unterschriften. Im Kuratorium der Bewerbung sitzt ein breites Bündnis, das die gesellschaftliche Vielfalt abbildet, von prominenten Vertretern der Grünen und Linken bis zum Lesben- und Schwulenverband. Auch das gilt es zu bewerten, nicht bloß: Bei denen ist es gerade zu unsicher nach den Wahlen. In Nordrhein-Westfalen wird im nächsten Jahr auch gewählt. Wer weiß, wie dann dort die Bedingungen sind.

Apropos Ausblick: Am Samstag endet in Baden-Baden ein deutscher Olympiavorentscheid, der enorme Volten geschlagen, viele Kosten verursacht hat. Erst wurde eine gesamtdeutsche Bewerbung angestrebt, dann suchte man in einem Wettstreit eine Stadt. Und all das fiel zeitlich zusammen mit Debatten um die Sportförderung, bei der sowohl politische Vertreter als auch Spitzenverbände mitmischen. Letztere stimmen nun in Baden-Baden über drei Olympiakonzepte ab, bei denen wiederum politische Vertreter massive Interessen haben. Kurzum: Hat dieser Wettstreit wirklich den besten Bewerber hervorgebracht? Oder überhaupt das Beste im deutschen Sport?

Ich habe schon das Gefühl, dass dieser Wettbewerb etwas für den Sport ausgelöst hat, auch in München und in Nordrhein-Westfalen. Ich habe auch immer gesagt, dass es das oberste Ziel sein muss, Olympische und Paralympische Spiele nach Deutschland zu holen. München hat ja kein schlechtes Konzept, um dort die Infrastruktur insgesamt und die bestehenden Sportanlagen fit zu halten. Nordrhein-Westfalen wiederum muss neue Sportstätten bauen und hat ein Problem mit den Entfernungen zwischen manchen Sportstätten. Das hat es vielen Athleten zuletzt bei den Winterspielen in Italien enorm erschwert, die Spiele mit möglichst vielen anderen Athleten zu erleben, das wird übrigens auch bei den kommenden Spielen herausfordernd sein. Nordrhein-Westfalens Konzept hat auf jeden Fall den Charme, eine Region zu verbinden. Aber der entscheidende Punkt ist ein anderer …

… welche Stadt im starken internationalen Wettbewerb überhaupt eine Chance hat, das stellt der DOSB selbst heraus.

Und da erachte ich Berlin mit der internationalen Strahlkraft, mit den Großveranstaltungen, der Kompaktheit des Konzepts, aber auch mit unseren Partnerregionen, mit denen wir deutliche Signale für den Sport senden wollen, noch immer als das beste Konzept. Nun wird man sehen, welche Ergebnisse die Evaluierungskommission präsentiert. Es gab bei manchen Kriterien zuletzt auch wieder Debatten; die Special Olympics World Games sollten etwa nicht berücksichtigt werden bei den Großveranstaltungen, die eine Bewerberregion bereits ausgerichtet hat. Das wurde aber ausgeräumt.

Unabhängig von allen politischen Aspekten: Dem Vernehmen nach soll das Berliner Konzept in der Bewertungsmatrix etwas hinter Nordrhein-Westfalen und München liegen, die an der Spitze angeblich eng beisammen sind.

Das wird kolportiert. Ich kann mir da aber noch keine abschließende Meinung bilden, jedenfalls hoffe ich, dass das nicht der Fall ist. Ich habe in vielen Gesprächen mit den olympischen Spitzenverbänden erfahren, dass wir bezogen auf unser eingereichtes Konzept gute Karten haben. Viele haben in diesen Gesprächen vor allem auf unsere politische Situation verwiesen – aber im sportfachlichen Konzept sehe ich uns keineswegs hinten.

Wenn wir den Blick noch einmal weiten: Auch wenn sich formal der DOSB für die Spiele bewirbt, das IOC und seine Mitglieder schauen im Kern vorwiegend darauf, wie sehr und stabil eine Regierung ist und die Spiele unterstützt. Der Bundeskanzler hat die jüngsten Wahlergebnisse zuletzt als „Desaster“ bezeichnet und einen Einfluss der Bundespolitik eingeräumt. Sie selbst wiederum empfanden es zuletzt als „skandalös“, dass der Posten des Staatsministers für Sport und Ehrenamt wochenlang unbesetzt blieb, ehe Ronald Rauhe benannt wurde.

An diesem schleppenden Prozess ist leider die nicht optimale Unterstützung der Politik für den Sport sichtbar geworden. Mir macht aber die gesamte politische Situation Sorgen. Bundeskanzler Friedrich Merz ist angeschlagen, wir führen Debatten über den Zustand der Koalition. Nun wird das IOC wahrscheinlich erst im Jahr 2029 die Spiele für 2036 vergeben. Aber ich sage schon jetzt an die Regierung gerichtet: Wir müssen wieder ein klares Zeichen setzen für mehr Gemeinsamkeit in diesem Land. Nehmen wir die Rentenpolitik als ein Beispiel: Da erarbeitet eine Kommission Vorschläge, es wird versprochen, diese nahezu eins zu eins umzusetzen – und Wochen später gibt es die unterschiedlichsten Auffassungen. Das führt nur zu Irritationen, das schadet unserem internationalen Ansehen. Vor allem schadet es dem Bemühen, innerhalb der Gesellschaft einen Zusammenhalt zu fördern. Da trägt die Bundesregierung eine große Verantwortung, um das deutlich zu sagen. Deshalb komme ich immer wieder auf unser Berliner Konzept zurück, das auch die ostdeutschen Bundesländer im Blick hat.

Abgesehen davon, wie sehr das heute beim IOC verfangen würde: Wenn die Tendenzen, die Sie aufzeigen, nicht gestoppt werden, dürfte das größte Problem einer deutschen Bewerbung ohnehin sein, dass eine AfD im Jahr 2036 noch viel stärker sein könnte. Und das 100 Jahre nach den Nazi-Spielen von Berlin.

Dann haben wir ein ganz anderes Problem. Genau deshalb appelliere ich auch an den deutschen Sport, eine Olympia- und Paralympics-Entscheidung zu treffen, die sichtbar macht, dass wir unsere Gesellschaft zusammenführen wollen. Weil wir damit auch ein klares Signal gegen Antisemitismus und Extremismus in unserer Gesellschaft setzen, Menschen eine Perspektive geben können. Die politischen Wahlen zeigen derzeit ja auch den Wunsch, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern. Also müssen wir alle daran arbeiten, die Sorgen ernst zu nehmen, die Leute mitzunehmen und nicht im Abseits stehenzulassen, um es mal sportlich zu sagen.

Sie haben immer betont, dass die Entscheider von heute den Kindern und Jugendlichen die Spiele geben sollten. Sie haben im Berliner Konzept interessante Komponenten verankert, etwa einen Jugendbeirat, der mit eigenem Budget und eigener Stimme die Spiele mitgestalten würde. Gerade die jungen Wähler haben nun in Berlin vor allem die Anti-Olympia-Partei gewählt.

Natürlich haben im Berliner Wahlkampf andere Themen eine Rolle gespielt: bezahlbarer Wohnraum, Sauberkeit, Sicherheit. Das interessiert auch junge Menschen, völlig klar. Aber in den Umfragen vorher war die Zustimmung vor allem der jungen Menschen für die Spiele hoch, gerade bei den Wählern von Grünen und Linken. Und wenn der Berliner Schülerausschuss sich für Olympische und Paralympische Spiele ausspricht und die Bedeutung des Sports betont, ist es auch ein klares Signal. Am Ende müssen wir uns fragen: Wie kommen wir denn oder bleiben im Gespräch mit den Bürgerinnen und Bürgern? Das findet doch auf dem Sportplatz und in der Sporthalle statt, bei Talentsichtungen, Schwimmausbildung für Menschen mit Migrationshintergrund oder wenn wir Übungsleiter ausbilden, die aus verschiedensten Ländern kommen, die Fluchterfahrungen gemacht haben und die jetzt im Sport Brücken bauen. Genau daran müssen wir arbeiten, übrigens völlig unabhängig von Olympischen und Paralympischen Spielen.

Hier ein paar weitere Millionen Tickets, dort mehr Prämien und Investitionen: Kurz vor der Kür des deutschen Olympiabewerbers spitzt sich ein Zweikampf zwischen „KölnRheinRuhr“ und München zu.

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