SZ 19.04.2026
14:07 Uhr

(+) Aktienmärkte: „Die Anleger wollen das Iran-Thema abhaken“


Die Lage im Nahen Osten ist chaotisch, dennoch reagierten die US-Börsen zuletzt mit Kursrekorden, auch der Dax stieg. Geht die Rally nun weiter oder folgt der Abschwung?

(+) Aktienmärkte: „Die Anleger wollen das Iran-Thema abhaken“
Am Freitag ging es aufwärts: Die Börse in Frankfurt am Main. Staff/REUTERS

Die Börsen starten in eine neue Woche voller Unsicherheiten, aber sie starten mit großen Erwartungen: Nach Meldungen, die Straße von Hormus sei wieder passierbar, hatten der Dax und die US-Börsen den Freitag mit starken Kursgewinnen beendet, Nasdaq und S&P 500 verzeichneten Allzeitrekorde. Und das, obwohl die Lage in Iran noch sehr unklar war. Das zeigte sich schon am Samstag: Da kündigte Iran an, die für die Weltwirtschaft wichtige Meerenge erneut zu blockieren. Nur sehr wenige der festsitzenden Frachter konnten die kurze Öffnung der Straße von Hormus am Freitag nutzen, um ihre Waren auf den Weltmarkt zu bringen.

Es stellt sich also die Frage: Geht es an den Börsen nun wieder abwärts, oder hält der Aufschwung an? Schließlich scheinen Aktionäre die wirtschaftliche Entwicklung grundsätzlich positiv zu bewerten, trotz der unruhigen Weltlage.

Dafür gibt es durchaus Gründe. In den USA zum Beispiel rechnen die meisten Experten damit, dass die Börsenunternehmen in der aktuellen Berichtssaison große Gewinne für das erste Quartal ausweisen. Normalerweise hätten solche Aussichten längst zu steigenden Kursen führen müssen. Aber wegen der geopolitischen Lage ist nichts normal: Der Iran-Konflikt hatte den Optimismus zunächst gedämpft. In der vergangenen Woche sind diese Sorgen dann offenbar in den Hintergrund getreten. „Die Anleger wollen das Iran-Thema abhaken“, sagte Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank, am Wochenende in Stuttgart. „Im Kursanstieg liegt aber auch ein Risiko für Enttäuschungen, falls der Konflikt sich doch hinzieht.“ Profitieren konnten von dem jüngsten Stimmungswechsel nicht nur Aktien: Auch die Kurse von Gold, Bitcoin und Anleihen erholten sich.

„Hier wiederholt sich ein Muster, das auch im Umfeld der Zollankündigungen der Regierung Trump im vergangenen Jahr zu beobachten war“, schreibt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank, in einem Marktkommentar vom Freitag. „Zunächst eine ausgeprägte Risikoaversion, die sich in sinkenden Aktien- und Anleihekursen widerspiegelt, dann eine deutliche Gegenbewegung an den Kapitalmärkten.“ Der Hintergrund sei in beiden Fällen offenbar die „Erkenntnis, dass die jeweiligen Schocks nicht groß genug sind, um die Weltwirtschaft aus ihrer Bahn zu werfen“. Doch wie lange das so bleibt, ist offen – schließlich ist unklar, welche Fortschritte tatsächlich in den Verhandlungen erzielt werden. „Über Ankündigungen und Kommentierungen des US-Präsidenten hinaus liegen noch keine konkreten Ergebnisse vor“, schreibt Kater.

Besonders deutlich war die plötzlich aufgekratzte Stimmung jedenfalls beim Nasdaq und dem S&P 500 erkennbar, beide konnten vergangene Woche mehrere Kursrekorde aufstellen. Die Technologiebörse Nasdaq konnte sogar 13 Tage in Folge Gewinne verbuchen – eine solche Serie hatte es zuletzt im Jahr 1992 gegeben. Grund dafür sind vor allem die hohen Erwartungen an Technologiefirmen und ihre KI-Projekte. Diese Entwicklung ist nicht neu. Ende des Jahres hatten manche Börsenbeobachter angesichts der sehr hohen Bewertungen der Tech-Konzerne bereits vor einer Spekulationsblase gewarnt. Derzeit ist davon allerdings kaum noch zu hören. Auch Stanzl von der Consorsbank äußert keine derartigen Befürchtungen: „Im Moment gibt es einen starken Anpassungsdruck: Viele Firmen sehen sich gezwungen, sich mit dem Thema zu beschäftigen und in KI zu investieren.“

Was auch auffällt: Der deutsche Aktienindex Dax konnte am aktuellen Aufschwung der Märkte zwar teilhaben, allerdings in deutlich geringerem Maße als die US-Börsen. Derzeit liegt der Dax noch unter seiner Höchstmarke vom Anfang des Jahres, als er auf mehr als 25 000 Punkte gestiegen war. Europa sei deutlich stärker von Energieimporten abhängig als die USA, sagte Stanzl. Auch gebe es im Dax keine Ölunternehmen, die von den Preissteigerungen durch den Iran-Konflikt hätten profitieren können. „Es gibt auch keine KI-Unternehmen, die die Fantasie der Anleger beflügeln“, sagt er. „Für die kommende Berichtssaison sind die Gewinnerwartungen niedriger als in den USA. Es wird mehr um die Frage gehen, wie tief die Wachstumskerbe tatsächlich ist.“ Die Aussichten für den Dax bleiben also verhaltener als in den USA.

Bemerkenswert ist Stanzl zufolge, dass trotz des Aufs und Abs an den Börsen keine größeren Abflüsse von Kapital aus den Aktienmärkten zu beobachten war, allerdings gab es ihm zufolge einige Umschichtungen. „Bislang ist ein deutlicher Wunsch der Anleger zu spüren, im Aktienmarkt investiert zu bleiben“, fasst er die Entwicklung zusammen „Die Leute suchen die Gewinner in den Krisen.“

In den kommenden Tagen werden Quartalsberichte etwa von Boeing, Tesla und SAP erwartet. Auch gibt es neue Konjunkturdaten, die in normalen Zeiten Einfluss auf die Finanzmärkte haben könnten. Wie viel Einfluss diese Zahlen am Ende auf Börsenkurse haben, wird vermutlich im Nahen Osten entschieden: Am Mittwoch läuft die Waffenruhe zwischen USA und Iran aus. Beide Länder wollen sich Donald Trump zufolge bereits am Montag wieder zu neuen Verhandlungen treffen.

Allbirds will keine Schuhe mehr herstellen, sondern lieber etwas mit KI machen, und die Börse reagiert extrem. Es ist nicht das erste Mal, dass eine Kehrtwende den Aktienkurs einer Firma massiv beeinflusst.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: