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28.08.2026
14:34 Uhr
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OpenAIs Cybersecurity-Aufruf ist ein manipulativer Trick. Denn natürlich brauchen wir mehr Security – aber nicht zwingend von denen, meint Jürgen Schmidt.

OpenAI hat mit einem geschickten Schachzug fast die gesamte IT-Branche hinter sich versammelt: Von A wie Anthropic bis Z wie Zürich (die Versicherungen) unterstützen alle den Aufruf, dass wir jetzt sofort und dringend bessere Cybersecurity brauchen. Dabei nutzt OpenAI einen fiesen Taschenspielertrick, um der eigentlichen Botschaft Dringlichkeit zu verschaffen: „Kauft unsere Produkte! Jetzt. Sofort. Sonst werdet ihr untergehen!“
In Expertenkreisen herrscht weitgehend Einigkeit, dass die IT-Sicherheit gerade wegen der neuen Fähigkeiten von KI-Systemen in eine existenzielle Krise schlittert. Und dass wir uns in einem enorm wichtigen, aber kurzen Zeitfenster befinden, in dem wir noch entscheidenden Einfluss auf die weitere Entwicklung nehmen können. Es herrscht Konsens, dass Verteidiger ihre Security jetzt substanziell verbessern müssen, um absehbar katastrophale Verwerfungen zu verhindern. Das ist wohl auch der Punkt, mit dem OpenAI es geschafft hat, diese Phalanx von über hundert Unternehmen hinter sich zu vereinen.
Eine seriöse Herangehensweise an diese Situation wäre da jetzt Folgendes: Man macht eine Bestandsaufnahme, identifiziert konkrete Problemfelder und mögliche Lösungen dafür. Die sortiert man nach Prioritäten: offensichtliche Quick-Wins zuerst, dann die etwas aufwendigen Dinge, die aber einen großen Hebel haben und deshalb viel bewirken, und so weiter. Das ist kein beschauliches „Wir gründen erstmal einen Arbeitskreis ...“, sondern integraler Bestandteil jeder effizienten Strategie zur Krisenbewältigung. In der ersten Panik in die falsche Richtung zu laufen, ist der eine, naheliegende Fehler, den man da unbedingt vermeiden muss.
Doch bewährte Krisenbewältigung ist nicht das, was OpenAI als alternativlose Lösung des Problems vorschlägt. Da liest man – etwa im Aufruf an Regierungen:
„Stellen Sie Mittel für die Cyberabwehr bereit, angefangen bei den systemrelevanten Diensten, denen es an Personal oder finanziellen Mitteln mangelt, um entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.“
Ja, genau – da sind wir noch im Konsensbereich. Das ist eine unbestreitbar sinnvolle Forderung. Doch direkt danach kommt OpenAIs eigentliche Botschaft:
„Krankenhäusern, Wasserversorgungsunternehmen und Kommunalverwaltungen Zugang zu leistungsfähiger defensiver KI gewähren, […]“
Oder in anderen Worten: „Kauft unsere Produkte, denn die sind das Einzige, was euch jetzt noch retten kann!!!“. Krankenhäuser sind da ein wichtiger Teil der Botschaft. Er signalisiert: Es geht hier wirklich um Leben und Tod!
Doch ich für meinen Teil bin keineswegs überzeugt, dass defensive KI – was immer das auch sein mag – das allererste wäre, was Krankenhäuser jetzt sofort benötigen, um ihre IT-Sicherheit signifikant zu verbessern. Ich sähe da eher extremen Nachholbedarf bei Dingen wie konsequenter Zwei-Faktor-Authentifizierung, Umsetzung von Zero-Trust-Konzepten und so weiter. Das sind erwiesenermaßen effiziente Security-Basics, die auch gegen KI-Angreifer funktionieren – und die gerade in Bereichen in „denen es an Personal oder finanziellen Mitteln mangelt“ kaum umgesetzt sind.
Deren einziger Mangel: Daran verdienen OpenAI und die anderen KI-Firmen kein Geld – und Gewinnperspektiven stehen ganz weit oben auf deren Prioritätenliste. OpenAI ist da übrigens nicht alleine. Achten Sie mal darauf, was bei allen KI-Firmen nach der Warnung vor unmittelbar bevorstehenden Disruptionen sofort immer als die wichtigste, oftmals einzige Lösung präsentiert wird.
Ich mag mich in Bezug auf die konkreten Maßnahmen irren – doch unbestritten sollte sein: Bevor man da jetzt mit beiden Händen Geld aus dem Fenster wirft, braucht es eine Bestandsaufnahme und Analyse zum Finden der effizientesten Lösungen. Nicht so bei OpenAI und den anderen KI-Protagonisten. Die wollen uns glauben machen, sie hätten das alles schon für uns durchgespielt und: „Die Lösung ist KI“. Sie wollen damit eine möglichst direkte Verkettung in unsere Gehirne ätzen, von der nicht mehr bestreitbaren Erkenntnis „Wir haben ein existenzielles Problem“ zu dessen angeblicher Lösung: „Gebt OpenAI & Co. mehr Geld“. Das ist ganz fiese Manipulation, auf die wir nicht hereinfallen sollten.
Deshalb mein Appell: Lasst uns diese Gefahr ernst nehmen. Wir müssen schnell handeln. Aber die Zeit, um nach der richtigen Lösung für diese Probleme zu suchen, muss sein. KI kann ein Teilaspekt dieser Lösung sein, aber sie ist nicht der einzige – und vielleicht nicht einmal wichtigste.
Übrigens: Auch wir bei heise security verdienen Geld mit KI – und zwar mit Beratung. So bieten wir etwa für Sicherheitsverantwortliche in Unternehmen kostenpflichtige Webinare an zu Themen wie: So verteidigt man sich gegen angreifende KI-Agenten und KI für Verteidiger – Hype versus Praxis – all das unter der Maxime: erst das Problem verstehen, dann passende Lösungen suchen und dann erst umsetzen.
(ju)