Heise 04.06.2026
11:19 Uhr

Verborgenes Wissen: Wie KI dabei hilft, historische Chiffren zu knacken


Rund ein Prozent der Schriften in Archiven und Bibliotheken sind verschlüsselt. Forscher entwickeln neue KI-Systeme, um vergessene Geheimnisse offenzulegen.

Verborgenes Wissen: Wie KI dabei hilft, historische Chiffren zu knacken

Schriftliche Überlieferungen geben Einblick in längst vergangene Zeiten. Aber nicht alle konnten bisher gelesen werden. Einige wurden sogar bewusst verschlüsselt, darunter ein handgeschriebenes Buch mit rätselhaften Symbolen, das seit mehr als 400 Jahren ungelesen in der Vatikanischen Bibliothek lag. Eine Notiz auf der Innenseite des Einbands deutet darauf hin, dass es geheime Heilmittel enthält – Wissen, das damals geheim gehalten wurde, um dem Verdacht der Hexerei zu entgehen. Wie die BBC berichtet, helfen neue KI-Modelle Forschern jetzt dabei, Codes wie diesen zu knacken.

Schätzungen zufolge sind rund ein Prozent aller Materialien in Archiven und Bibliotheken weltweit vollständig oder teilweise verschlüsselt. Diese historische Chiffren variieren allerdings stark in ihrer Komplexität: Einfache Systeme ersetzen Symbole durch einzelne Buchstaben, während schwierigere Varianten teilweise bedeutungslose Ablenkungssymbole einbauen, um eine Entschlüsselung zu verhindern. In manchen Fällen ist außerdem nichts über die Originalsprache bekannt. Das macht die Forschung auch heute noch zu einem aufwendigen Prozess, der oft auf Versuch und Irrtum beruht.

„Es ist wie Detektivarbeit, bei der jedes Symbol, jedes Muster und jede Teillösung uns den Geheimnissen einer Person und einer verlorenen historischen Welt näherbringen kann”, sagt Beáta Megyei, Professorin für Computerlinguistik an der Universität Stockholm. Trotz KI-Unterstützung sei die Entschlüsselung des Werkes aus der Vatikanischen Bibliothek mühsam gewesen. Gemeinsam mit ihrem Team will sie jetzt dafür sorgen, dass sich die Technologie noch effizienter einsetzen lässt. „Das eröffnet spannende Möglichkeiten für seltene und nicht standardisierte Schriftsysteme”, so die Forscherin.

In verschlüsselten Dokumenten können sich diplomatische Geheimnisse, Rituale von Geheimgesellschaften oder medizinisches Wissen verbergen – Informationen, die in historischen Darstellungen bislang fehlen. Ihre Entschlüsselung kann das heutige Wissen über bekannte Persönlichkeiten oder ganze Epochen grundlegend verändern. Cécile Pierrot, Kryptologin am französischen Nationalen Institut für Informatikforschung, brauchte sechs Monate, um einen 500 Jahre alten Brief von Karl V. zu entschlüsseln. Der Inhalt war überraschend: Der damals mächtigste Herrscher Europas lebte offenbar in großer Angst vor einem Mordkomplott.

Pierrot sagt, dass sie in der Regel einen Tag benötigt, um einen zweiseitigen Brief mit ihr unbekannten Symbolen zu transkribieren. KI beginnt, diesen Prozess zu beschleunigen. So nutzte Michelle Waldispühl, Professorin an der Universität Oslo, die KI-Plattform Transkribus, um einen geheimen Brief des Adligen Sigismund Heusner von Wandersleben aus dem Jahr 1637 zu entschlüsseln. Das Tool wurde auf verschiedene Sprachen, Schriften und Handschriftstile aus mehreren Jahrhunderten trainiert. Es erkennt Textblöcke und scannt den Text anschließend Zeichen für Zeichen. Obwohl manuelle Korrekturen nötig waren, sei es bei dem teilweise verschlüsselten Brief eine große Hilfe gewesen.

Bestehende KI-Transkriptionsplattformen stoßen allerdings noch an ihre Grenzen, wenn Manuskripte mit erfundenen Zeichen, astrologischen Symbolen oder ungewöhnlichen Schriften verschlüsselt sind. Im Rahmen des multinationalen Descrypt-Projekts arbeiten Megyesi, Waldispühl und ihre Kollegen deshalb an einem eigenen KI-Tool für solche speziellen Fälle. „Wir entwickeln anpassungsfähigere Modelle, die anhand einer breiten Palette von Schriften, Alphabeten und Symbolrepertoires trainiert und getestet wurden”, sagt Megyesi. KI sei vor allem bei Umfang, Geschwindigkeit und Mustererkennung eine sinnvolle Unterstützung. „Mich begeistert nicht nur die Möglichkeit, ein bestimmtes historisches Rätsel zu lösen, sondern auch die Aussicht, Methoden zu entwickeln, die Forschern in vielen verschiedenen Fällen helfen können.“

Dieser Beitrag ist zuerst auf t3n.de erschienen.

(jle)